Prozess um Angriff auf jüdischen Studenten gestartet

Stand: 12.02.2021 14:35 Uhr

Anfang Oktober war ein 26-Jähriger auf dem Weg in die Hamburger Synagoge von einem Mann schwer verletzt worden. Zu Prozessbeginn am Freitag wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen, da der 29-jährige Angeklagte als psychisch krank gilt.

Ein Angeklagter sitzt in einem Gerichtssaal. Gut vier Monate nach dem Angriff auf einen jüdischen Studenten vor der Hamburger Synagoge begann der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter. © picture alliance / dpa Foto: Christian Charisius
Laut Gutachten ist der Angeklagte nicht schuldfähig.

Als einzige Zuschauerin durfte eine Vertreterin der Jüdischen Gemeinde im Saal bleiben. Die übrigen Zuschauerinnen und Zuschauer mussten ihn bis zum Urteil verlassen, weil es in dem Verfahren vor allem um den Gesundheitszustand des Beschuldigten geht. Die Kammer muss entscheiden, ob der offenbar psychisch kranke Mann in Sicherungsverwahrung kommt. Er gilt als schuldunfähig und offenbar auch als gefährlich - die Handschellen wurden ihm im Gericht nicht abgenommen. Der schmächtige Mann, glattrasiert, unauffälliger Haarschnitt, trug einen schwarzen Kapuzenpulli und eine hellgraue Hose. Auf Nachfrage der Richterin nannte er seinen Namen, Geburtsdatum und -ort, ohne die Hilfe der Russisch-Dolmetscherin in Anspruch zu nehmen.

Mit Spaten auf den Kopf geschlagen

Der Beschuldigte hatte Anfang Oktober vor der Synagoge Hohe Weide den 26-jährigen Studenten, der eine Kippa trug, mit einem Klappspaten geschlagen und ihm schwere Kopfverletzungen zugefügt. Nach Einschätzung der Generalstaatsanwaltschaft handelte es sich um einen heimtückischen Mordversuch in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Der Beschuldigte habe das Opfer gezielt wegen seines jüdischen Aussehens ausgewählt, erklärte die Staatsanwaltschaft vor dem Prozess.

Gutachten sieht Schuldunfähigkeit

Laut einem psychiatrischen Gutachten ist der mutmaßliche Täter aber schuldunfähig. Nach dem Ergebnis der Begutachtung leide der Beschuldigte unter einer akuten paranoiden Schizophrenie, begleitet von wahnhaften Verfolgungsängsten. Diese seien als Auslöser für die Tat anzusehen. Eine Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft sagte zu NDR 90,3, der Angriff habe sich zwar gegen einen Juden gerichtet. Auslöser sei jedoch die Krankheit des Täters gewesen.

Stricharz: "Antisemitismus benennen"

Mehrere Personen stehen vor dem Landgericht Hamburg.  Foto: Elke Spanner
Zum Prozessauftakt gab es Proteste vor dem Landgericht.

Für Philipp Stricharz, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Hamburg, kann es hingegen keinen Zweifel an einem judenfeindlichen Motiv geben. Der Täter hatte sich im Taxi zur Synagoge fahren lassen und dort gezielt einen Mann mit Kippa attackiert. "Es muss anerkannt werden, dass wir als jüdische Gemeinschaft bedroht sind", sagte Stricharz Anfang Januar. Wie solle man antisemitische Taten in Zukunft verhindern, wenn man sie nicht einmal als antisemitisch benenne, fragte er weiter.

Das Gericht hat vier weitere Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil könnte am 31. März verkündet werden. Die Verkündung des Urteilspruchs muss nach Angaben des Gerichtssprechers öffentlich erfolgen, für die Urteilsbegründung könnte die Öffentlichkeit erneut ausgeschlossen werden.

Proteste vor dem Gericht

Zum Prozessauftakt gab es eine Kundgebung: Vor dem Strafjustizgebäude protestierten am Freitag zwölf Menschen "gegen jeden Antisemitismus", wie es auf einem großen rot-gelben Transparent der linken Gruppierung hieß.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 12.02.2021 | 12:00 Uhr

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