Stand: 03.08.2019 10:01 Uhr  - NDR 90,3

"Ich kann das Wort 'schrill' nicht mehr hören!"

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Stefan Mielchen ist der Vorsitzende des Vereins Hamburg Pride e.V.

200.000 Menschen werden am Sonnabend in Hamburg zur großen Demonstration zum Christopher Street Day (CSD) erwartet. Es ist der Höhepunkt der Pride-Week, in der sexuelle Minderheiten wie Schwule und Lesben auf ihre politischen Forderungen hinweisen. Die Parade ist traditionell sehr bunt mit vielen auffälligen Kostümen und nackter Haut. Fragen an Stefan Mielchen, den Vorsitzenden des Vereins Hamburg Pride e.V.

Wie viel Karneval steckt im CSD?

Stefan Mielchen: Politik und Party müssen sich nicht grundsätzlich ausschließen. Man darf auch tanzen, wenn man demonstriert. Es steckt aber ein großer inhaltlicher Kern in diesem Umzug. Wir sprechen deshalb auch nicht mehr von einer Parade, sondern von Demonstration, weil es das auch ist. Unser Motto lautet in diesem Jahr "Grundsätzlich gleich - für eine bessere Verfassung". Uns geht es darum, dass das Diskriminierungsverbot, das das Grundgesetz mit Artikel 3 bietet, auch auf die sexuelle Orientierung und die geschlechtliche Identität ausgeweitet wird. Und das ist unter anderem deshalb nötig, weil die AfD im Bundestag versucht, die "Ehe für Alle", die wir mühsam erkämpft haben, wieder abzuschaffen. Es ist nicht so, dass unsere Rechte in Stein gemeißelt wären und deshalb wollen wir, dass die Verfassung ganz eindeutig sagt, dass auch Schwule, Lesben, Trans-, Bi- und intergeschlechtliche Menschen alle den gleichen Schutz der Verfassung genießen.

Bei der Demonstration wird man wieder viele bunte Kostüme und nackte Haut sehen, auch die Leute mit den Hundemasken aus der SM-Szene, sodass Medienberichte wieder kaum ohne das Wort "schrill" auskommen werden. Schadet es den politischen Anliegen nicht, wenn man als schriller Exot herüberkommt?

Mielchen: Das ist eine Sache der Wahrnehmung von Journalistinnen und Journalisten. Ich kann das Wort "schrill" auch nicht mehr hören. Es gibt ja im Deutschen auch genug andere Begrifflichkeiten dafür. Die Welt ist bunt, und wir sind ein sehr bunter Teil davon, aber man darf nicht vergessen, dass neben den bunten Kostümen auch viele Transparente mitgetragen werden, auf denen klare politische Forderungen stehen. Die werden nur meistens nicht fotografert. Damit müssen wir halt leben.

Viele eher - sagen wir - Konservative fühlen sich von den als kleinteilig wahrgenommenen Gender-Fragen genervt, wenn es beispielsweise darum geht, wie viel Toiletten es für wie viele Geschlechter gibt. Das empfinden viele als überflüssig - nach dem Motto: "Habt Ihr nichts Wichtigeres zu tun?"

Mielchen: Da geht es meines Erachtens nicht um Wichtigkeit, sondern darum, dass jeder Mensch so leben kann, dass es für ihn oder für sie - oder wie auch immer man sich definiert - am besten ist. Klar haben wir da auch Arbeit zu leisten, um den Menschen das zu vermitteln und sie "mitzunehmen". Gleichzeitig erwarte ich aber auch eine gewisse Offenheit von den Menschen und nicht sofort die Scheuklappen. Die Welt hat sich weiter gedreht und verändert. Und für diese Veränderung kann man auch offen sein, und man kann sie auch als Bereicherung empfinden.

50 Jahre nach den Unruhen in der New Yorker Christopher Street, die ja der Ausgangspunkt der Pride-Bewegung sind, ist die Welt für Schwule und Lesben im Westen eine andere geworden - von einer verfolgten zu einer gleichberechtigen Minderheit. An welchen Stellen im Alltag merken Sie als schwuler Mann Ungleichheit und Diskriminierung?

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Katharina Fegebank, Carola Veit und Stefan Mielchen haben in Hamburg am Rathaus die Regenbogen-Flagge gehisst.

Mielchen: Ich bin in der sehr privilegierten Lage, dass mir sehr selten ein dummer Spruch oder dergleichen begegnet, und ich bin auch in Hamburg noch nie in irgendeiner Weise angegriffen worden. Ich weiß, dass es Menschen gibt, denen das passiert. Allerdings bin ich mit einem Mann zusammen, der bei der katholischen Kirche arbeitet, und wir werden nicht heiraten, weil das heißen würde, dass er seinen Job verliert. Und solche Fälle gibt es viele.

Durch die Lange Reihe in St. Georg kann man als homosexuelles Paar Hand in Hand gehen. Gibt es in Hamburg No-Go-Areas für Schwule?

Mielchen: Die gibt es mit Sicherheit. Man hat als schwuler Mann und lesbische Frau ein gutes Gespür dafür entwickelt, wo man sich offen zeigen kann und wo man das nicht tut. Im Grunde müsste man auch mal einen CSD in einem Stadtteil machen, wo es nicht so liberal zugeht wie im Herzen der Stadt. Ich will hier ausdrücklich keine Namen nennen, weil ich so eine Stigmatisierung nicht gut finde. Aber eigentlich ist da noch viel zu tun.

Das Interview führte Daniel Kaiser

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 02.08.2019 | 19:10 Uhr

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