Stand: 03.12.2019 01:00 Uhr

Patientendaten an falsche Empfänger verschickt

In Deutschland werden sensible Patientendaten in großer Zahl an falsche Empfänger verschickt. Das ist Ergebnis einer NDR Umfrage unter den Datenschutzbehörden der 16 Bundesländer. Einen besonders gravierenden Fall von Fehlversendungen untersucht derzeit der Datenschutzbeauftragte in Hamburg: Die Asklepios-Klinik Altona hatte trotz Hinweisen auf die Pannen immer wieder Patientenunterlagen an eine falsche Empfängerin verschickt. Nun könnte ein hohes Bußgeld drohen.

von Christoph Heinzle und Peter Kleffmann, NDR

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Daniela Rath hat sich mit ihrem Fall auch an den Hamburger Datenschutzbeauftragten gewendet.

Sechs Jahre ist es her, seit Daniela Rath erstmals Post aus ihrem Briefkasten fischte, die gar nicht für sie bestimmt ist. Die Psychotherapeutin hielt einen Arztbrief aus der Asklepios-Klinik Altona in den Händen - über einen Patienten, von dem sie noch nie gehört hat. Rath informiert die Klinik, trotzdem kommt noch einmal ein identischer Brief bei ihr an. Erneut meldet Rath die Panne bei der Klinik. "Und nach drei Wochen, Sie glauben es nicht, habe ich denselben Brief noch einmal bekommen."

Krankenhaus.

Patientendaten gingen an falsche Empfänger

Hamburg Journal -

Die Asklepios-Klinik in Altona hat in einem Fall jahrelang Patientendaten an eine unbeteiligte Person verschickt. Derartige Pannen kommen offenbar bundesweit häufiger vor.

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Elf Arztbriefe trotz Meldungen bei der Klinik

Dann kommen andere Briefe über andere Patienten, die Rath nicht kennt, vor allem Entlassungsbriefe nach Behandlungen und Operationen. Immer wieder ruft die Psychotherapeutin beim Krankenhaus an, schreibt Briefe. Die Klinik verspricht zwar immer wieder Besserung, doch die stellt sich nicht ein. Insgesamt bekommt sie elf Arztbriefe, den bislang letzten im September. Bei ihr sei deshalb der Eindruck entstanden, "man kann eigentlich machen, was man will. Es interessiert die überhaupt gar nicht."

Rath wendet sich schließlich an den NDR - und zum zweiten Mal an den Hamburger Datenschutzbeauftragten Johannes Caspar. "Die Häufung ist natürlich ein Anzeichen dafür, dass da offensichtlich einiges nicht geklappt hat", sagt er und lässt den Fall jetzt prüfen.

Asklepios-Konzern beauftragt Anwaltskanzlei

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Bei den Asklepios-Kliniken geht man davon aus, dass menschliches Versagen zu den Datenpannen geführt hat.

Bei Asklepios blickt man offenbar mit Sorge auf das Verfahren und lehnt ein Interview ab. In schriftlichen Antworten auf Fragen des NDR bedauert der Konzern die Vorfälle und spricht von menschlichem Versagen. Die Ursachenforschung mithilfe einer Anwaltskanzlei laufe noch. Nach bisher vorliegenden Erkenntnissen sei "wiederholt versehentlich die falsche Therapeutin aus dem Klinik-Verzeichnis ausgewählt" worden. Dabei habe es wohl Verwechslungen aufgrund von Namensähnlichkeiten beziehungsweise Namensgleichheiten gegeben.

Hunderte Datenpannen im Gesundheitswesen

In diesem Ausmaß ist das sicher ein Einzelfall. Fehlversendungen gibt es aber häufig. Allein 20 hat Asklepios in Hamburg in den vergangenen eineinhalb Jahren gemeldet. Wohl auch, weil der Konzern nach Einschätzung der Datenschutzbehörde die Meldepflicht sehr ernst nimmt. Andere Kliniken melden gar nichts.

Bundesweit registrierten Behörden seit Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung im Mai 2018 mindestens rund 850 Datenpannen durch Fehlversendungen von Patientenunterlagen. Sechs Bundesländer konnten allerdings keine Zahlen nennen. In Norddeutschland wurden mindestens 134 Fehlversendungen gemeldet. 72 davon in Hamburg, 41 in Schleswig-Holstein und 21 in Bremen. Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern machten keine Angaben.

Menschliches Versagen offenbar meist die Ursache

Die Pannen kommen nach Angaben der Landesdatenschützer in allen Bereichen des Gesundheitswesens vor, also in Kliniken, Arztpraxen, Laboren und Abrechnungsstellen. Ursache sei in der Regel menschliches Versagen durch falsche Adressierung oder Kuvertierung, Verwechslung von Patienten und Ärzten oder Tippfehler.

Bei vielen Datenschutzbehörden stellen Fehlversendungen den größten Anteil der gemeldeten Datenpannen im Gesundheitswesen. Die Datenschützer gingen in ihren Antworten auf Fragen des NDR davon aus, dass es sich zumeist um Einzelfälle handelt und nicht um systematische Fehler.

Datenschützer Caspar rät zu Bußgeldern

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Datenschützer Caspar geht davon aus, dass es noch viel mehr Fälle als die bisher gemeldeten gibt.

Die Dunkelziffer dürfte allerdings sehr hoch sein, meint Hamburgs Datenschützer Caspar. Denn nicht alle Fehlversendungen werden bekannt - und von den bemerkten werden nicht alle gemeldet. Es bestehe ein "hohes Datenschutzrisiko" für "sehr, sehr wesentliche Daten von Betroffenen", so Caspar.

Die Datenschützer können Verantwortliche nicht nur verwarnen und Anordnungen erlassen. Empfindlich hohe Bußgelder könnten den "Vermeidungsdruck" bei Unternehmen erhöhen, sagte Caspar dem NDR. "Nur so bekommt man am Ende eine Änderung der Situation hin und wird dann entsprechend auch ernst genommen."

"Schutz der Daten ist uns ein Anliegen"

Auch Asklepios in Hamburg könnte nach der noch laufenden Prüfung ein hohes Bußgeld drohen. Dort hat man Daniela Rath jetzt erneut im Klinikverzeichnis gesperrt. Und neben den verpflichtenden Schulungen für alle Mitarbeiter gibt es nun auch noch schriftliche Informationen zum Umgang mit den Patientendaten. "Der Schutz der Daten unserer Patienten ist uns ein Kernanliegen", beteuert Asklepios.

Psychotherapeutin Rath hofft, dass ihre Meldungen der Datenpannen Früchte tragen." So etwas muss wirklich minimiert und ausgeschlossen werden. Das ist meine Motivation."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 03.12.2019 | 07:20 Uhr

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