Papst nimmt Rücktritt von Hamburgs Erzbischof Heße nicht an

Stand: 15.09.2021 18:25 Uhr

Papst Franziskus hat den angebotenen Amtsverzicht des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße wegen Verfehlungen während seiner Zeit im Erzbistum Köln abgelehnt. Er bitte Heße vielmehr, "im Geist der Versöhnung" seinen Dienst in Hamburg fortzuführen, heißt es in einer Mitteilung des Vatikans.

Die Erklärung der Apostolischen Nuntiatur in Berlin wurde am Mittwoch von der Deutschen Bischofskonferenz verbreitet. Heße erklärte in einem Brief an die Gläubigen im Erzbistum Hamburg, die ihm gewährte Auszeit sei beendet und er übernehme "nach dem Willen des Papsts ausdrücklich wieder Verantwortung". Dabei sei er sich "durchaus bewusst, dass es nicht unbedingt leicht sein wird, meinen Dienst wieder aufzunehmen", fügte der 55-Jährige hinzu.

Stefan Heße, Erbischof der Diözese Hamburg © Markus Scholz/dpa Foto: Markus Scholz
AUDIO: Heße bleibt: Was die Entscheidung des Papstes für Hamburg bedeutet (3 Min)

Hintergrund: Umgang mit Missbrauchsfällen in Köln

Hintergrund des Vorgangs sind Ereignisse im Erzbistum Köln, in dem Heße vor seiner Hamburger Zeit unter anderem als Generalvikar tätig war und Personalverantwortung trug. Ein vom Kölner Bistum in Auftrag gegebenes und im März veröffentlichtes juristisches Gutachten kam zu dem Ergebnis, dass Heße und andere führende Vertreter des Kölner Bistums bei der Aufarbeitung älterer Missbrauchsfälle Pflichten verletzt hatten. Heße wurden insgesamt elf solcher Pflichtverletzungen vorgeworfen. Dabei handelte es sich nach Angaben der Gutachter unter anderem um Verstöße gegen die Melde- und Aufklärungspflicht.

Papst: Verfehlungen nicht mit Absicht

Heße bot daraufhin dem Papst seinen Rücktritt an. Dem Schreiben der vatikanischen Botschaft zufolge stellte der Papst nach eingehender Prüfung zwar Mängel in der Organisation und Arbeitsweise des Generalvikariats sowie persönliche Verfahrensfehler Heßes fest. "Die Untersuchung hat jedoch nicht gezeigt, dass diese mit der Absicht begangen wurden, Fälle sexuellen Missbrauchs zu vertuschen." Das Grundproblem habe im größeren Kontext der Verwaltung der Erzdiözese, im Mangel an Aufmerksamkeit und Sensibilität den Missbrauchsopfern gegenüber bestanden. Außerdem habe Heße die Fehler demütig eingeräumt, darum sei ein Rückzug nicht notwendig.

Stefan Heße vor dem Mariendom © dpa-Bildfunk
AUDIO: Papst lehnt Heßes Rücktrittsgesuch ab (1 Min)

"Ende der Ungewissheit"

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, begrüßte die Entscheidung des Papstes. Damit ende "eine schwierige Zeit der Ungewissheit", teilte Bätzing in Bonn mit. "Das ist gut so und dafür bin ich dankbar. Erzbischof Heße wird in Hamburg bleiben und damit auch weiterhin Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz sein." Er wünsche dem Erzbistum und seinem Erzbischof einen guten Neustart.

Scharfe Kritik nach Papst-Entscheidung

Die katholische Reformbewegung "Wir sind Kirche" dagegen kritisierte die Entscheidung. Thomas Kaufhold von der Organisation zeigte sich entsetzt. Offenbar reiche es in der Kirche Demut zu zeigen und nicht mehr Verantwortung zu übernehmen, sagte er. Das Vorgehen sei "höchst problematisch", die Entscheidung stelle faktisch eine Amnestie für Erzbischof Heße dar. Auch Joana Düvel vom Bund der Katholischen Jugend in Hamburg ist enttäuscht. Sie sagte, man habe sich aus Rom ein Signal gewünscht, dass man sich dort der dramatischen Lage beim Thema sexueller Missbrauch wirklich bewusst sei. Nun wolle man aber gemeinsam mit Heße einen Neuanfang im Erzbistum gestalten.

Zweifel im Erzbistum

Auch hinter den Kulissen im Erzbistum zweifeln viele an der Entscheidung. Das Erzbistum Hamburg steckt in finanziellen Schwierigkeiten und mitten in einem Transformationsprozess. Viele Standorte in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern müssen aufgegeben werden. Manche fragen sich, wie ein Erzbischof mit einer solchen Vorgeschichte das Erzbistum aus der Krise führen kann.

Heße seit 2015 Erzbischof in Hamburg

Heße war im März 2015 als Erzbischof nach Hamburg gewechselt. Zum Erzbistum gehören neben Hamburg auch Schleswig-Holstein und Mecklenburg. In den vergangenen Monaten hatte Generalvikar Ansgar Thiem die organisatorische Leitung der Hamburger Erzdiözese übernommen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 15.09.2021 | 13:00 Uhr

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