Stand: 08.02.2020 07:02 Uhr

Obdachlose: Schnelle Spende oder langfristige Hilfe?

von Lisa Hentschel

Kurz- oder langfristige Hilfe, Verteilung an bestehenden Organisationen vorbei oder in Kooperation mit diesen: Wie obdachlosen Menschen geholfen werden soll, darüber sind sich Initiativen und Beratungsstellen in Hamburg uneinig. Ein Dauerkonflikt, den einige Akteure im Frühjahr 2019 eigentlich klären wollten. Sie stellten Regeln auf. Obdachlosenhilfe sollte demnach gemeinsam "nachhaltig und effektiv" gestaltet werden. So steht es auf dem Papier. Die Realität ist eine andere.

Ein Obdachloser im Winter. © picture-alliance / dpa Foto: Andreas Arnold
Wie kann Obdachlosenhilfe in Hamburg am besten funktionieren? Darüber sind sich Akteure in Hamburg nicht einig.

Eine deftige Suppe, ein Eintopf, Obst, Gemüse und "zuckerhaltige Nahrung, die ist sehr wichtig", erzählt Alexander Müller von "Zwischenstopp Straße Obdachlosenhilfe Hamburg e.V." Zucker halte die Betroffenen wach. Auf der Mönckebergstraße haben sich - wie jeden Mittwoch - ehrenamtliche Helferinnen und Helfer versammelt. Los ging alles vor rund drei Jahren. Die Engagierten rufen über ihr Facebook-Profil zu Spenden auf. 300 bis 400 Unterstützerinnen und Unterstützer seien aktiv, sagt Müller. Sie spenden Kleidung, Schlafsäcke, Süßigkeiten, Duschgel. Die Produkte werden direkt an obdachlose Menschen in Hamburg verteilt, kostenlos.

Drogenberatungsstelle: Der Rat zur Dusche gehört dazu

Großer Andrang bei der Versorung obdachloser Menschen durch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in Hamburgs Innenstadt.
Jeden Mittwochabend verteilen Ehrenamtliche in der Mönckebergstraße Essen, Kleidung und Hygieneartikel an obdachlose Menschen.

Doch hinterm Hauptbahnhof, vor der Drogenberatungsstelle "Drob Inn", stößt das Verhalten einiger ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer auf Kritik. Die Leiterin des "Drob Inn", Christine Tügel, erklärt, kostenlose Verteilung auf der Straße in unmittelbarer Nähe der Drogenberatungsstelle sei kontraproduktiv: "Wer bei uns Kleider bekommt, dem raten wir, eine Dusche zu nehmen, den beraten wir langfristig. Gibt es Kleidung draußen einfach so, konterkariert das die Arbeit, die wir uns hier mühsam erarbeitet haben." Ein Problem, das auch der Caritas Hamburg bekannt ist. Andrea Hniopek spricht von einem Überangebot. Obdachlose Menschen wüssten manchmal gar nicht, wohin mit allen Spenden. "Mein Kollege von der Straßensozialarbeit bringt mehr Schlafsäcke und Isomatten mit, als er morgens mitgenommen hat. Obdachlose Menschen sind oft froh, wenn ihnen jemand ein paar Spenden abnimmt. Die ganzen Sachen können sie gar nicht tragen".

Vorwurf: Ärztliche Versorgung ohne Fachwissen

Menschen stehen in weiter Ferne vor der Drogenberatungsstelle "Drob Inn" in Hamburg.
Das "Drob Inn" in unmittelbarer Nähe zum Hamburger Hauptbahnhof ist Anlaufpunkt für obdachlose Menschen.

Einige hauptamtliche Helferinnen und Helfer kritisieren, dass Obdachlosenhelferinnen und -helfer nach dem Verteilen von Spenden Müll hinterließen. Auf Nachfrage von NDR 90,3 heißt es von der Stadtreinigung Hamburg: An den Orten, an denen Spenden an obdachlose Menschen auf der Straße verteilt würden, habe man tatsächlich mehr Müll registriert. Kritisch werde es dann - so erzählt es ein ehrenamtlicher Helfer aus Hamburg - wenn Menschen, die es eigentlich gut meinten, Hygienestandards nicht einhielten. Die Rede ist von ärztlicher Versorgung ohne Fachwissen. Hniopek von der Caritas Hamburg weiß von Hilfsorganisationen, die sogar Insulin ausgeben: "Menschen sind uns begegnet, die werden schon länger mit Insulin behandelt, weil man denkt, die haben schon länger Diabetes. Wenn wir sie dann untersuchen, stellen wir fest, dass der Mensch weder an Diabetes Typ 1 noch Diabetes Typ 2 erkrankt ist."

Wunden verbinden ohne Kontrolle?

Wer einem obdachlosen Menschen einen Verband anlege, könne damit im schlimmsten Fall dafür sorgen, dass sich der Gesundheitszustand des Betroffenen verschlimmert, da Wunde und Verband regelmäßig kontrolliert werden müssten, sagt Hniopek. "Es gibt Betroffene, die wechseln die Verbände nicht mehr. Da muss man ein Auge drauf haben", betont sie. An der Mönckebergstraße halte man Hygienestandards ein, betont Müller von "Zwischenstopp Straße". Man habe geschultes Personal vor Ort. Er sagt: "Wenn jemand ein offenes Bein oder eine eingewachsene Socke hat, weil er einfach keine Wechselklamotten hat und sich die eingewachsene Socke mit dem Bein verbindet - was willst du machen?" Dann müsse man helfen, so Müller.

Bezirksamt Hamburg-Mitte: Minimale Regeln

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Bezirksamtsleiter Falko Droßmann betont: "Ehrenamtliches Engagement ist durchaus erwünscht - wenn Mindeststandards eingehalten werden."

Wer obdachlosen Menschen helfen möchte und dafür Stände auf der Straße aufstellt, benötigt laut Hamburgischem Wegegesetz (HWG) eine Genehmigung vom zuständigen Bezirksamt. Für die Region rund um das "Drob Inn" ist das Bezirksamt Hamburg-Mitte zuständig. Hier sei man bisher entspannt damit umgegangen, betont Bezirksamtsleiter Falko Droßmann (SPD). Aber: "Wir haben unsere Bedenken (...) mitgeteilt." Wer sich nicht an "minimale Regeln" halte und Absprachen mit "professionellen Trägern" verweigere, müsse mit Konsequenzen rechnen.

Im April auf Regeln geeinigt

Regeln haben einige ehren- und hauptamtliche Helferinnnen und Helfer bereits im April 2019 schwarz auf weiß festgehalten. "Goldene Regeln für Aktive in der Wohnungslosenhilfe", nennen sie diese. Im Dokument steht auch: "Haupt- und ehrenamtliche Initiativen treffen miteinander verbindliche Absprachen mit dem Ziel, die angebotenen Hilfen für obdachlose Menschen möglichst nachhaltig und effektiv zu gestalten." Darauf setzen sowohl das Bezirksamt Hamburg-Mitte als auch das "Drob Inn" und die Caritas Hamburg. Ehrenamtliches Engagement sei notwendig. Allerdings nur dann, wenn Mindeststandards eingehalten würden.

Weitere Informationen
Ein Obdachloser liegt bei Minus-Graden auf einer Bank in der Hamburger Innenstadt © dpa Foto: Kay Nietfeld

Hilfe für Obdachlose in Hamburg

Die Stadt Hamburg hat auf ihrer Internetseite Hilfsangebote für Obdachlose gesammelt. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 07.02.2020 | 10:15 Uhr

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