Stand: 22.08.2020 16:21 Uhr  - Hamburg Journal

Nutrias: Umweltbehörde ruft zur Jagd auf Wasser-Nager

Immer mehr Nutrias siedeln sich in Hamburg an. Die Tiere werden bis zu einem Meter lang und wiegen bis zu zehn Kilogramm. Einer EU-Verordnung zufolge gehören sie zu den invasiven Arten, die sich hier ausbreiten und die heimische Flora und Fauna bedrohen können. Die Hamburger Umweltbehörde bittet deshalb Jägerinnen und Jäger, die Wasser-Nager zu jagen - ob mit dem Gewehr oder mit Fallen.

VIDEO: Immer mehr Nutrias in Hamburg (3 Min)

Nutrias stammen aus Südamerika

Von wo aus die Nager ihre Reise nach Hamburg angetreten haben, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich sind sie Ende des 20. Jahrhunderts aus Pelztierfarmen in Europa entlaufen. Die aus Südamerika stammenden Tiere wurden aber nicht nur aufgrund ihrer Pelze gezüchtet, sondern auch, weil sie für manche als Mahlzeit dienten.  

Nutrias brauchen Land und Wasser

An den Wasserläufen im Osten der Stadt, insbesondere in Bergedorf oder auch in Harburg, scheinen sie eine neue Heimat gefunden zu haben, wie Frederik Landwehr von der Loki Schmidt Stiftung weiß. Er beobachtet die Tiere schon länger. Die Nutrias sind semiaquatische Tiere, das heißt, sie brauchen sowohl Land als auch Wasser. Dabei bevorzugen sie langsam fließende Gewässer zum Schwimmen. Sie graben sich in Uferböschungen, um dort ihre Wohnhöhlen anzulegen. Dafür bedienen sie sich an umgefallen Bäumen, treibenden Ästen, Wurzeln und Gestrüpp. An Land finden sie alles, was sie gerne fressen: Gräser, Schilf, Seerosen. Manchmal darf es auch ein bisschen Fleisch sein, zum Beispiel eine Teichmuschel oder Schnecke.

Nutrias und Biber werden oft verwechselt

Nutria kaut an einem Halm. © NDR Foto: Marion Meier
Nutrias haben im Gegensatz zum Biber einen runden Schwanz, der an den einer Ratte erinnert. Daher werden sie auch Biberratte genannt.

Seit einigen Jahren gehen bei der Umweltbehörde vermehrt Hinweise ein, dass Nutrias gesehen wurden. Dabei werden die Nager oft mit den streng geschützten Bibern verwechselt: Während der Biber einen breiten platten Schwanz, eine sogenannte Kelle, hat, ist der Schwanz der Nutria rund und rattenartig. Deshalb wird die Nutria auch gerne mal als Biberratte oder Sumpfbiber bezeichnet.

Es gibt noch weitere Unterscheidungsmerkmale: Ein ausgewachsener Biber bis zu 1,30 Meter lang, während die Nutria mit Schwanz nur maximal einen Meter Länge erreicht. Nutrias haben außerdem im Gegensatz zum Biber weiße Schnurrhaare und insgesamt ein etwas helleres Gesicht. Zudem gibt es Nutrias von hellbraun bis grau, wohingegen Biber überwiegend einen braunen Pelz haben. Im Gegensatz zum Biber sind Nutrias tag- und nachtaktiv, der Biber ist nur in der Dämmerung und nachts aktiv.

Milde Winter: Bestände der Nutrias vergrößert

Aufgrund ihrer südamerikanischen Herkunft, lockt es die Nutrias besonders an warmen Tagen aus ihren Wohnhöhlen. Wird es hier im Winter zu kalt, kann es vorkommen, dass die Nager auf der Suche nach Nahrung erfrieren. Aber weil die vergangenen Hamburger Winter verhältnismäßig mild waren, haben sich die Bestände der Nutrias vergrößert - laut Umweltbehörde seit 2007 besonders stark. Grund dafür ist auch die hohe Reproduktionszahl der Tiere: Bis zu acht Jungtiere werfen Nutrias zwei bis dreimal im Jahr. Biber im Vergleich bekommen nur einmal im Jahr bis zu drei Jungtiere.

Laut eines Sprechers der Umweltbehörde befürchte man zum einen, dass die Nutrias durch ihre Grabungssysteme für große Schäden an den Deichen sorgen. Zum anderen könne eine "Konkurrenz zu heimischen Tierarten, wie Biber oder Otter" hinsichtlich des Lebensraums und der Nahrungsversorgung entstehen.

Konkurrenz zwischen Nutrias und heimischen Tieren?

Biber kaut auf einem Stock. © NDR Foto: Loki-Schmidt-Stiftung
Biber sind streng geschützt und an ihrem breiten Schwanz, der sogenannten Kelle, gut zu erkennen und vom Nutria zu unterscheiden.

Frederik Landwehr teilt die Sorge hinsichtlich einer Konkurrenz zwischen Nutrias und heimischen Tieren nicht. "Die Nahrungsvielfalt, die wir hier haben ist so groß, dass die da weder um Nahrung, noch um Lebensräume konkurrieren", sagt er. Nutrias könnten höchstens für im Schilf brütende Vogelarten zum Problem werden, wenn sie die Schilfbestände so stark abfressen würden, dass die Vögel keine Nistmöglichkeiten mehr finden, meint Landwehr.

Umweltbehörde bittet Jäger zur Nutria-Jagd

Dennoch hat die Umweltbehörde Maßnahmen ergriffen und die Jäger in Hamburg gebeten "beherzt zu jagen, das heißt nicht nur mit Büchse, sondern auch mit der Fallenjagd", so ein Behördensprecher. Gemäß Paragraf 22 des Hamburgischen Jagdgesetzes dürfen Tiere erlegt werden, die nicht dem besonderen Schutz des Bundesnaturschutzgesetzes unterliegen, um unter anderem Wälder, Gewässer, die Pflanzen- und Tierwelt vor erheblichen Schäden zu schützen. Laut Umweltbehörde sind zwischen April 2018 und März 2019 in Hamburg 313 Nutrias erlegt worden. In den wenigen Monaten danach hatten die Jäger schon 200 geschossen.

Sorge vor zu vielen Tieren

Anwohnerinnen und Anwohner sind hinsichtlich der starken Ausbreitung der Nager zwiegespalten. Marion Meier betreibt einen Bootsverleih an der Gose-Elbe in den Vier- und Marschlanden, wo es sich besonders viele Nutrias heimisch gemacht haben. "Für meine Kunden ist das total super, weil die hautnah wilde Tiere erleben – die schwimmen neben den Booten her", sagt sie. "Aber es sind eingeschleppte Tiere. Die gehören hier normalweise nicht her und vermehren sich sehr stark." Deshalb müsse man schauen, ob man die Tiere dezimiere, "sonst gibt’s hier bald nur noch Nutrias."

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 22.08.2020 | 19:30 Uhr

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