Stand: 03.07.2016 21:00 Uhr

Mitte Altona: Große Pläne - kleine Bedenken

Ein roter, wohl von Anwohnern aufgestellter Sessel lädt vor einem Hauseingang an der Harkortstraße in Hamburg-Altona zum Verweilen ein. Wer sich setzt, blickt auf ein beeindruckendes Baustellenpanorama: Dali-Skulpturen ähnlich, ragen die Stahlskelette der alten Umladehallen auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs in die Höhe. Hindurch rollen Bagger und andere Baustellenfahrzeuge. Hämmer klopfen, Sägen kreischen, feiner Holzgeruch liegt in der Luft. Hier entsteht Mitte Altona, eines der größten Wohnungsbauprojekte Hamburgs.

Altona: Wo Bagger rollen - und rollen werden

Nach dem Ende der Tiefbauarbeiten geht es seit Februar in die Höhe: Insgesamt werden auf dem Areal zwischen Harkortstraße und Bahngleisen etwa 1.600 Wohnungen gebaut. Die Arbeiten liegen im Zeitplan. Ab Anfang 2018 können demnach die ersten Menschen einziehen, ihre Kinder in die neu gebaute Stadtteilschule schicken, einkaufen und durch einen Park flanieren. In einem zweiten Bauabschnitt soll der Fernbahnhof Altona nach Diebsteich verlegt werden, damit auf dem freiwerdenden Gelände weitere 1.900 Wohnungen entstehen. Die meisten sind in fünf- bis siebengeschossiger Bauweise geplant.

Soziologin: "Da entsteht ein ganz neues Viertel"

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"Dichte muss sein", sagt Stadtsoziologin Ingrid Breckner. Dies sei der einzige Weg, für die vielen Menschen, die zentral leben wollen, Wohnraum zu schaffen.

"Dichte muss sein", sagt Ingrid Breckner, Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der HafenCity Universität (HCU). "Nur so können auf wenig Fläche möglichst viele Wohnungen untergebracht werden". Angesichts der Wohnungsknappheit müsse Hamburg handeln. Das blau gepolsterte Biedermeiersofa, auf dem Breckner sitzt, steht in reizvollem Kontrast zur gläsernen Architektur ihres Büros im futuristischen HCU-Gebäude. Eine Integration historischer Elemente hält die Soziologin auch bei großen Neubauprojekten wie Mitte Altona für wichtig. Werde einfach alles platt gemacht und neu gebaut, "verliert die Stadt einen Teil ihres historischen Gesichts." Glücklicherweise hätten die Verantwortlichen aus Fehlern der Vergangenheit gelernt. So bleiben auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs in Altona unter anderem die alten Lagerhallen erhalten.

Breckner findet es gut, dass Mitte Altona kommt, "weil diese Flächen zu wenig genutzt wurden." Altona sei ein beliebter, gut angebundener Stadtteil. "In so einer Lage Wohnraum zur Verfügung zu stellen, ist sehr wichtig", sagt Breckner. Insgesamt werden rund um die Harkortstraße mit den Projekten Mitte und dem geplanten Wohnungsbau auf dem angrenzenden Holsten-Areal in den kommenden Jahren etwa 5.000 Wohnungen gebaut. "Da entsteht ein ganz neues Viertel. Das wird sehr eigenständig sein", sagt die Soziologin. Und mit der Verlegung des Fernbahnhofs "wird natürlich auch Diebsteich urbaner".

Noch ist Diebsteich ein lauschiges Plätzchen

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In wenigen Jahren ist es aus mit der Ruhe: Café-Besitzer Osmar Laurente sorgt sich wegen der geplanten Verlegung des Fernbahnhofs Altona nach Diebsteich.

Etwa zwei Kilometer von der Harkortstraße entfernt, am hinteren Ausgang des Bahnhofs Diebsteich, hat Osmar Laurente an diesem Sommertag leicht verschlissene, grünplüschige Sessel vor sein kleines kubanisches Café gestellt. Die Besucher tunken zur Mittagszeit Baguette-Stücke in gut gewürztes Chili con Carne, hören Vögel zwitschern und blicken auf die von hohen Linden gesäumte Schleswiger Straße und das Grün des Friedhofs Diebsteich. Abgesehen von dem grafittiübersäten, düsteren Diebsteichtunnel neben dem Café ein lauschiges Plätzchen.

Nachbarn sind gegen Verlegung des Fernbahnhofs

Im hinteren Teil des "Buena Vista" hängt eine Che-Guevara-Fahne, auf einer Anrichte davor dampft das Essen. Das Café ist eine Art Stadtteiltreff. "Mittlerweile kenne ich fast jeden in dieser Ecke", sagt der Cafébesitzer und lacht. Er weiß, was die Anwohner bewegt. "Seit Monaten ist die Verlegung des Bahnhofs das große Thema", sagt er. "Die Nachbarn wollen das nicht." Fast alle seien besorgt über das große Bauvorhaben und dessen Folgen - "Mehr Durchgangsverkehr, weniger Parkplätze, außerdem befürchten sie, dass die hohe Lärmschutzwand an dem Bahnhof ihre Häuser komplett verschattet", zählt Laurente einige Punkte auf.

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Pro und Kontra: Bahnhofsverlegung in Altona

Hamburg Journal

Die Verlegung des Bahnhofs Altona nach Diebsteich bleibt umstritten. Einerseits ist der Bahnhof bereits optimal eingebunden, andererseits sollen dort neue Wohnungen entstehen. Video (02:28 min)

Aus einer Schublade unterm Tresen zieht er das Flugblatt einer Bürgerinitiative hervor, die mit der geplanten Bahnhofsverlegung nicht einverstanden sind: "Prellbock Altona" will den Fernbahnhof am angestammten Ort erhalten.

Viel hängt von den Investoren ab

Für die Prellbock-Initiative hat Soziologin Ingrid Breckner wenig Verständnis. "Ich finde, das hat so einen Zug von 'bei uns darf sich nichts verändern'", sagt sie. Angesichts der Wohnungsnot und des massiven Zuzugs von Menschen nach Hamburg sei eine Verdichtung des städtischen Raums unumgänglich. "Wer unbedingt in einem Haus mit Garten leben will, muss entweder zahlen oder aufs Land ziehen", findet sie.

Breckner weist jedoch auf ein anderes mögliches Problem hin: Anders als bei der Hafencity, wo der Stadt sämtliche Grundstücke gehören, befinden sich in Altona Grundstücke auch im Eigentum von Investoren. Dort hat die Stadt weniger Einfluss auf die Qualität des Wohnungsbaus. Es sei zwar möglich, städtebauliche Verträge abzuschließen, "aber da setzt sich doch meist leicht das Rendite-Interesse der Investoren durch". Ideal sei eine Mischung von Wohnungstypen und Nutzungen, also sowohl Single- als auch Paar- und Familienwohnungen sowie Räume für Handel, Gewerbe und Werkstätten in den Erdgeschossen.

Gefördertes Wohnen: Wann endet die Bindungsfrist?

Die Wohnungen in Altona werden im sogenannten Drittelmix aus Eigentum, Wohnungen für den freien Markt und sozial gefördertem Wohnraum geplant. Dies sei der einzige Weg, "Investoren zu zwingen, in sozialen Wohnungsbau zu investieren", sagt Breckner. Ein Problem seien allerdings die sogenannten Bindungsfristen, nach deren Ablauf die von der Stadt subventionierte Miete wieder an den aktuellen Mietspiegel angepasst werden könne. Bei den meisten geplanten Wohnungen in Mitte betrage die Bindungsfrist 15 Jahre, wie ein Sprecher der Stadtentwicklungsbehörde sagte - für Breckner "ein Tropfen auf dem heißen Stein". Die geförderten Baugemeinschaften, die 20 Prozent der Grundstücke besitzen, haben jedoch längere Fristen vereinbart. Für das Holsten-Areal ist noch nichts entschieden.

Cafébesitzer sorgt sich um die Zukunft

Osmar Laurente hat für sein Café am Diebsteichtunnel einen Mietvertrag bis 2024 - somit ist dieser ein Jahr länger gültig als der Zeitpunkt, an dem der neue Fernbahnhof seinen Betrieb aufnehmen soll. Dennoch sei ihm ein wenig mulmig zumute, denn "den Plänen zufolge gehört das Café wohl zu dem Bereich, in dem neu gebaut werden soll." Ein Bahnhofslokal für Fernreisende zu führen, kann er sich allerdings nicht vorstellen. "Ich bin doch kein Schnellimbiss."

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Dieses Thema im Programm:

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