Stand: 25.10.2018 07:05 Uhr

Missbrauch: "Bei der Aufklärung nicht herumeiern"

Hamburgs Erzbischof Stefan Heße hat sich für einen offenen Umgang der katholischen Kirche mit Sexualität ausgesprochen. Das müsse eine Konsequenz aus dem jahrzehntelangen Missbrauch an Minderjährigen durch Geistliche sein, sagte Heße am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion in der Katholischen Akademie in Hamburg. "Es darf keine Tabus in der Diskussion geben und wir können nicht um irgendwelche Themen herumeiern", sagte Heße.

Heße: "Spaltet Gemeinden"

Schon in seiner Zeit in Köln habe er durchgegriffen, sagte Heße. "Ich habe persönlich Leute aus dem Verkehr gezogen und habe dann immer am eigenen Leib gemerkt, dass ich zerrissen werde, weil es nämlich immer in einer Gemeinde zur Spaltung führt." Es gebe immer Gemeindemitglieder, die einen Priester vergöttern und sich nicht vorstellen können, dass er Minderjährige sexuell missbrauche, so der Erzbischof.

Missbrauchsopfer fordern mehr Aufarbeitung

Zu diesen Opfern gehört auch Martin Schmitz aus dem Bistum Münster. Er zieht eine bittere Bilanz aus der bisherigen Debatte. "Wir müssen einfach sehen, dass die Aufarbeitung in der Kirche bislang nicht wirklich stattgefunden hat", sagte Schmitz am Mittwochabend. Auch die Missbrauchsbeauftrage der Bundesregierung, Sabine Andresen, bleibt skeptisch, wie ernst es die Verantwortlichen mit der Aufarbeitung meinen. "Es scheint mir so zu sein, dass die katholische Kirche einfach sehr gute Möglichkeiten hat, Täter zu schützen", sagte Andresen. Und man dürfe nicht vergessen, dass Missbrauchsskandale nur ans Licht kämen, weil die Opfer ihr Schweigen brechen.

Missbrauchsskandal: Hohe Dunkelziffer

Die katholische Kirche in Deutschland dokumentierte in einer Studie einen weit verbreiteten Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Für die Studie der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) wurden mehr als 38.000 Personal- und Handakten aus 27 deutschen Diözesen untersucht und ausgewertet. Demnach seien von 1946 bis 2014 dort 3.677 überwiegend männliche Minderjährige Opfer von sexueller Gewalt geworden. Die Taten seien von insgesamt 1.670 Klerikern begangen worden. Diese Zahlen werden als konservative Annahme betrachtet, man müsse wohl von einer hohen Dunkelziffer ausgehen.

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Missbrauch: Erzbischof setzt Gutachter ein

Externe Gutachter sollen den jahrelangen sexuellen Missbrauch in der Katholischen Gemeinde in Neubrandenburg aufklären. Einem ehemaligen Pfarrer der Gemeinde wird schwerer Missbrauch vorgeworfen. (18.09.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 25.10.2018 | 07:00 Uhr

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