Stand: 24.05.2018 20:50 Uhr

Mindestens zehn Missbrauchsopfer im Margaretenhort

Der Kirchenkreis Hamburg-Ost hat eine erste Zwischenbilanz zu den Missbrauchsfällen im Kinderheim Margaretenhort im Stadtteil Harburg gezogen. Demnach gab es mindestens fünf Täter und mindestens zehn Opfer - darunter auch Kleinkinder. In den 1980er-Jahren hatten in dem Kinderheim ältere Jugendliche andere Heimbewohnerinnen belästigt und vergewaltigt - und die Erzieher hatten offenbar jahrelang weggesehen.

Aufarbeitung wird wissenschaftlich begleitet

Aufgearbeitet werden die Fälle nun seit knapp zwei Jahren von der Kirche selbst und der unabhängigen Wissenschaftlerin Ulrike Winkler aus Trier. Pröpstin Ulrike Murmann erklärte, der Missbrauch von sechs Mädchen und einem Jungen durch männliche Mitbewohner sei dokumentiert, sie gehe aber von einer höheren Dunkelziffer aus. Winkler hat ihrerseits Gespräche mit ehemaligen Bewohnerinnen geführt und sagte NDR 90,3, dass sie von mindestens zehn Missbrauchsfällen ausgehe.

Wissenschaftlerin spricht von "Orten der Angst"

Parallel dazu hat der Margaretenhort ehemalige Bewohnende und Mitarbeitende über die damalige Situation befragt. Zu den Verhältnissen im Margaretenhort sagte Winkler: "Es gab unterschiedliche Räume der Angst: Vorrangig war es der Keller, in den Kinder von älteren Mitbewohnern gelockt worden sind."

Erzieher haben offenbar bewusst weggeguckt

In den meisten Fällen waren laut Winkler offenbar Mädchen betroffen, die wenig soziale Kontakte und Bindungen hatten. Von mindestens fünf älteren Jugendlichen seien sie bedrängt und auch vergewaltigt worden. Möglich wurde der jahrelange Missbrauch, weil es zu wenig qualifiziertes Personal gegeben habe, die Erzieher offenbar bewusst weggeguckt haben und den Opfern nicht geglaubt wurde.

Viele Orte ohne Einblick der Erzieher

Eine Frau habe Winkler davon berichtet, dass das Bad als gefährlich galt. Dass sie dort nicht hingehen solle, sei mit das Erste gewesen, was ihr von einem Mädchen gesagt wurde. "Sehr tragisch ist, dass die eigenen Zimmer Orte der Angst waren und dass es Winkel im Margaretenhort gab und lange Flure, die abzweigten, ohne dass ein Erzieher oder eine Erzieherin hätten Einblick nehmen können."

Wissenschaftlerin lobt Umgang mit den Vorfällen

Die Betroffenen hätten sich nicht selbst schützen können, weil sie nicht wussten, wo sie ihre Grenzen ziehen müssen, sagte die Wissenschaftlerin. Gleichzeitig lobt sie den Kirchenkreis Hamburg-Ost für den offensiven Umgang mit den Vorfällen: Mit der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauch aus der jüngeren Vergangenheit betrete der Margaretenhort bundesweit "Neuland". Der Kirchenkreis hatte den Verdacht 2016 selbst öffentlich gemacht.

Schulungen für Mitarbeitende

Für die Mitarbeitenden habe es seit zwei Jahren zahlreiche Schulungen geben, um übergriffiges Verhalten zu unterbinden, sagte Geschäftsführer Rainer Rißmann. Es gehe um eine neue Kultur der Offenheit, in der frei über das gesprochen werden dürfe, was man sieht. Dies sei jedoch ein langwieriger Prozess.

Bewohnerinnen brachen das Schweigen

Ins Rollen gebracht hatten die Aufarbeitung zunächst zwei ehemalige Bewohnerinnen des Kinderheims. Sie wurden nicht selbst Opfer des Missbrauchs, hatten ihn aber beobachtet und sich nach Jahrzehnten des Schweigens an die Kirche gewandt.

Hilfsangebot für die Opfer

Der Kirchenkreis Hamburg-Ost bietet den Opfern heute seelsorgerliche Gespräche, Therapien und juristische Beratung an. Wer damals sexuellen Übergriffen ausgesetzt war und darüber sprechen möchte, findet auf der Seite margaretenhort.de/aufarbeitung Informationen und Ansprechpartner. Der Kirchenkreis bittet Opfer und Zeitzeugen auch weiterhin, sich zu melden, da die Akten nach 25 Jahren vernichtet worden waren.

Heim wurde in den 1980ern aufgelöst

Der Margaretenhort an der Harburger St. Petrus-Kirche wurde 1907 gegründet und war in den 1980er-Jahren ein Heim für rund 70 Kinder und Jugendliche. Dabei handelte es sich überwiegend um Waisenkinder, Kinder aus zerrütteten Familien und Kinder aus Flussschiffer-Familien. Die zentrale Einrichtung wurde Mitte der 1980er-Jahre schrittweise aufgelöst. Träger war seinerzeit der Kirchenkreis Harburg. Heute ist der Kirchenkreis Hamburg-Ost Mehrheitsgesellschafter.

Weitere Informationen
Link

Link: Informationen zur Aufarbeitung

An dieser Stelle der Homepage des Margaretenhorts werden Informationen, Hinweise und Kontaktpersonen zu den sexuellen Missbrauchsfällen von Anfang der 1980er Jahre genannt. extern

Rückblick: Sexueller Missbrauch im Kinderheim

In einem Harburger Kinderheim soll es in den 1980er-Jahren mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben haben. Der Kirchenkreis Hamburg-Ost ruft jetzt Betroffene auf, sich zu melden. (25.10.2016) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Hamburg Journal | 24.05.2018 | 17:00 Uhr

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