Stand: 23.04.2018 13:37 Uhr

Mehr Zeit statt mehr Geld

von Jens Brommann, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Arbeit und privates Leben in eine Balance zu bringen, die sich gut anfühlt, ist für viele Menschen ein Spagat. Schichtarbeiter haben es besonders schwer. Jeder sechste Arbeitnehmer in Deutschland arbeitet mittlerweile im Schichtdienst, jeder vierte an Wochenenden. Die 43 Jahre alte Zugbegleiterin Andrea Schopf aus Hamburg ist eine von ihnen.

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Zugbegleiterin Andrea Schopf verzichtet auf eine Gehaltserhöhung. Sie hat lieber mehr Zeit, die sie mit ihrer Familie verbringen kann.

Für Andrea Schopf hat ihr Job viel mit Abenteuerlust zu tun: "Jeder Tag ist anders, nicht vorhersehbar. Und genau das finde ich gut." Als Zugbegleiterin im Fernverkehr fährt sie erst seit fünf Jahren. Eigentlich wollte sie nach dem Abi Staranwältin werden, viel Geld verdienen, einen Porsche Cabrio fahren. Doch das Jurastudium schmiss sie, wählte die Ernährungswissenschaften und arbeitete 15 Jahre lang als Ernährungsberaterin.

Jetzt ist sie Zugbegleiterin, meistens in der Ersten Klasse bei der Deutschen Bahn. Einmal die Woche mit Übernachtung in einer fremden Stadt. Und mit Schichten von bis zu 14 Stunden täglich: "Die Dienstpläne sind stramm, die Schichten überwiegend lange. Teilweise bleiben einem mit Ankunft am Bahnhof und Abfahrt am nächsten Tag nur zwölf Stunden. Bis man zu Hause ist, ins Bett geht und zur Ruhe kommt, bleibt nicht viel Zeit für irgendwas anderes."

Nur ein Wochenende im Monat ist ganz frei

Auch für ihre drei Kinder bleibt nicht viel Zeit, um die sich dann ihr Mann kümmern muss, der seine Praxiszeiten als Arzt an den Dienstplänen seiner Frau ausrichtet - auch am Wochenende. Als Zugbegleiterin hat die 43-Jährige nur an einem von vier Wochenenden komplett frei: "Das muss man abkönnen. Es ist schon bitter, wenn Geburtstage oder sonstige Feiern anstehen und man fast immer absagen muss. Oder man will später nachkommen, hat dann eine Verspätung und es wird doch nichts mit der Verabredung. Manchmal ist das schon nervig."

Reportage-Feature

Mein Leben, meine Arbeit

01.05.2018 10:05 Uhr
NDR Info

Ein Reportage-Feature von Jens Brommann und Susanne Schäfer aus der NDR Info Wirtschaftsredaktion beschäftigt sich mit der Suche nach einer Work-Life-Balance. mehr

Mehr Urlaub statt höheres Gehalt

Schopf hat großen Respekt vor ihren Kollegen, die seit Jahrzehnten diese Schichten fahren - Vollzeit, für 2.700 Euro brutto im Monat. Sie macht das nicht mehr. Nach einer geheilten Krebskrankheit arbeitet die Hamburgerin als Zugbegleiterin nur noch zu 50 Prozent, um mehr Ruhe in ihr Leben zu bringen, mehr Zeit zu haben - für sich und die Familie.

Dabei hilft ihr auch ein neues Arbeitszeitmodell bei der Bahn: Seit Anfang des Jahres können die Beschäftigten nämlich wählen, ob sie 2,6 Prozent mehr Geld haben wollen, eine Stunde pro Woche weniger arbeiten oder sechs zusätzliche Urlaubstage haben wollen: "Ich habe mich natürlich für den Urlaub entschieden. Sechs Tage mehr Urlaub ist eine tolle Sache."

Flexibilität reißt Lücken in Schichtpläne

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"Flexible Arbeitsmodelle reißen zunehmend Lücken in Personal- und Schichtpläne", sagt Arbeitszeitforscher Andreas Hoff.

Wie Schopf haben sich viele Bahnbeschäftigte für mehr Urlaub entschieden. Das reißt Lücken in die Personal- und Schichtpläne der Deutschen Bahn. Mit diesem Problem steht das Unternehmen nicht alleine da, sagt der Potsdamer Arbeitszeitforscher Andreas Hoff. Betriebe hätten zunehmend Schwierigkeiten, Mitarbeiter für Schichtarbeit zu rekrutieren. "Gerade dann, wenn die Werte anders gesetzt werden, wenn die Freizeit und die Sozialzeit wichtiger werden, wird es für die Unternehmen schwieriger, auch sozusagen unsoziale Zeiten - also abends, nachts oder am Wochenende - den Mitarbeitern zu verkaufen", sagt Hoff.

Vom Albtraum zum Traum: ein geregelter Bürojob

Schopf jedenfalls, die bislang immer zu schrägen Zeiten gearbeitet und das genossen hat, träumt jetzt mit 43 von einem Bürojob: "Immer dasselbe Büro und feste Arbeitszeiten, das waren für mich früher Horrorvorstellungen. Aber das hat sich geändert. Heute wäre so ein geregelter Bürojob schon ziemlich fein."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 25.04.2018 | 07:41 Uhr

Serie: "Auf der Suche nach der Work-Life-Balance"

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