Das Schröder Mausoleum auf dem Ohlsdorfer Friedhof © NDR Foto: Danny Marques

Lost Places: Vergessene Orte in Hamburg

Stand: 15.12.2021 14:17 Uhr

Es gibt Orte in Hamburg, die sind vergessen, verfallen und auch ein bisschen verloren. "Lost Places", also verlorene Orte, werden sie genannt. Der Hamburger Journalist Manfred Ertel hat über 33 solcher Orte nun ein Buch geschrieben.

von Danny Marques

Zum Beispiel über die Mausoleen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Wer da schon einmal war, hat sie wahrscheinlich auch schon mal gesehen. Aber die tragischen Geschichten dahinter kennt kaum einer. Einer der Zugänge ist zugemauert, einige Fenster haben Sprünge. Die Eingangstür ist mit Holzplatten abgedeckt. Das Riedemann-Mausoleum ist in einem bedauerlichem äußeren Zustand. Drinnen ahnt man aber, wie elegant diese Gebäude einst waren. "Das ist eine Marmorstatue, die zeigt drei Engel am Grab Jesu. In einem wunderbaren Zustand, sehr gut gepflegt", sagt Ertel. Für seine Recherche zu 33 verlassenen und vergessenen Orten in und um Hamburg hat er sich Zutritt zum Mausoleum verschafft.

Der NDR 90,3 Reporter Danny Marques. © NDR Foto: Marco Peter
AUDIO: Lost Places: Die Mausoleen von Ohlsdorf (3 Min)

Mausoleen verrotten

Besonders die Fenster sind beeindruckend. Wenn es draußen hell ist, dann scheinen die Scheiben in satten Farben. Mausoleen waren für die reichen Hamburger Pfeffersäcke am Ende des 19. Jahrhunderts vor allem Prestige. "Es war in gewisser Weise auch ein Zeichen des Feudalismus. Wenn ich das richtig erinnere, sind auf dem Ohlsdorfer Friedhof in der Zeit 16 Mausoleen entstanden", sagt Ertel. Eins ist das Schröder Mausoleum. Gebaut von der Familie Schröder, die beispielsweise auch das Schröderstift am Schlump gründete. Hier verhindert ein Bauzaun, dass man wirklich nah ran kann. "Alle Versuche, diesen Bau nachhaltig zu retten sind gescheitert", erklärt Ertel. Und so rottet dieses Gebäude vor sich hin. Die Mausoleen in Ohlsdorf sind vergessen, das kann man ohne Übertreibung sagen. Düster und beschädigt erzählen sie von einer längst vergangenen Zeit.

Tschechien im Hamburger Hafen

Der Anleger im Saalehafen. © NDR Foto: Danny Marques
Ein Stück tschechisches Hoheitsgebiet in Hamburg: der Saalehafen.

Ein weiterer "Lost Place" ist der Saalehafen auf dem Kleinen Grasbrook. Dass man am Saalehafen nach Tschechien kann, ist nicht nur so ein Spruch. Denn hier am Kleinen Grasbrook liegt wirklich ein Stück Tschechien. "Wir stehen an zwei Hafenbecken, die tschechisches Hoheitsgebiet sind. Nämlich dem Saalehafen und dem Moldauhafen, der sich anschließt", erklärt Ertel. Am Tschechenhafen ist wirklich nichts mehr los. Es gab aber Zeiten, da wurden von hier westliche Waren in die und vor allem Industriegüter aus der Tschechoslowakei umgeschlagen, betrieben von einer Elbe Schiffahrtsgesellschaft. Bearbeitet von tschechischen Angestellten, die hier auch in einem Wohnheim lebten - auch das alte Backsteingebäude steht noch. Die Legende sagt: Die Tschechen brachten auch ein Wort mit, dass jeder Seebär kennen sollte: Ahoi! Neben dem Verwaltungsgebäude steht der einstmals wichtigste Gegenstand des Tschechenhafens, die Telefonzelle. Das Telefon hat jemand mittlerweile ausgebaut. Früher standen die Männer hier Schlange.

Hafencity statt Tschechenhafen

2028 läuft das Hoheitsrecht Tschechiens ab. Und dann wird hier etwas passieren, sagt Manfred Ertel. Denn der Tschechenhafen liegt extrem günstig für die Zukunftspläne, die Hamburg für den Grasbrook hat. "Für Hamburg könnte dieses Stück ein zusätzliches Filetstück werden, weil nebenan auf dem ehemaligen Gelände des ehemaligen Überseezentrums das sogenannte Moldauquartier geplant wird", so Ertel. Wo der geplante Sprung über die Elbe mit viel Leben erfüllt werden soll, da soll die Hafencity fortgesetzt werden. Und das dürfte diese eingeschlafene Ecke dann mit deutlich mehr Leben füllen. Statt "vitetke v ceske republice", also "Willkommen in Tschechien", heißt es hier dann wieder "Willkommen in Hamburg".

Der verlassene Saalehafen in Hamburg. © NDR Foto: Danny Marques
AUDIO: Lost Places: Der Tschechenhafen (3 Min)

Riesige Ruinen in Finkenwerder

Alte Bunker in Finkenwerder. © NDR Foto: Danny Marques
Bunker "Fink 2": Dort wurden 114 U-Boote gebaut.

Weiter geht es nach Finkenwerder. Von dort aus fuhr der Tod in die Welt. 1940 bauten die Nazis den Bunker "Fink 2", in dem 114 U-Boote gebaut wurden. Gut getarnt, so dass er erst kurz vor Kriegsende von britischen Bombern getroffen wurde. Komplett zerstört wurde er nicht. Noch heute gibt es auf Finkenwerder, gleich neben dem Airbusgelände, riesige Ruinen. "Es sind große, drei bis vier Meter breite Betonmauern zu sehen, die auch von den britischen Besatzungstruppen nicht zu zerstören waren. Man kann heute noch sehen, wie diese fünf Boxen des ehemaligen U-Boot-Bunkers am Rüschhafen angeordnet waren", sagt Ertel. Die Dächer fehlen, aber man sieht noch gut die dicken Mauern der Boxen.

Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen

Sie haben Einschläge, als habe jemand reingehackt. Das sind die Spuren der Versuche, den Bunker abzureißen, die dann gescheitert sind. Insgesamt gibt es fünf Boxen, so dass also an bis zu 15 Booten gleichzeitig geschraubt und geschweißt werden konnte. Rund um die Uhr wird damals auf Finkenwerder gebaut. Vor allem von bis zu 600 Zwangsarbeitenden. "Die Arbeitsbedingungen waren menschenunwürdig. Es wurde in Kauf genommen, dass Menschen auch sterben", sagt Ertel. Die Historikerinnen und Historiker der Geschichtswerkstatt haben herausgefunden, dass hier viele Zwangsarbeiter aus Russland, Osteuropa, aber auch aus Dänemark am Bau beteiligt waren. Jahrzehnte später werden die alten Kammern zugeschüttet. Und vergessen.

U-Boot-Bunker in Finkenwerder. © NDR Foto: Danny Marques
AUDIO: Lost Places: Der U-Boot-Bunker Finkenwerder (3 Min)

Unbekannter Erinnerungsort

Journalist Manfred Ertel. © NDR
Der Hamburger Journalist Manfred Ertel hat über 33 "Lost Places" ein Buch geschrieben.

Jahre später dann die Überraschung: Im Jahr 2002 taucht der Bunker wieder auf. Als Airbus für die Erweiterung seines Geländes Land brauchte, hat man die Erde wieder abgetragen und die Fundamente kamen ans Licht. Nach einigem Hickhack um den richtigen Umgang mit der Entdeckung ist der Bunker heute ein Denkmal. So richtig nah heran kann man wegen des Wassers nicht. Es gibt aber nicht weit daneben einen kleinen Weg mit erklärenden Tafeln. Für Manfred Ertel ist es ein wichtiger Erinnerungsort, den kaum einer kennt.

"Lost und Dark Places Hamburg: 33 vergessene, verlassene und unheimliche Orte" von Manfred Ertel erscheint bei Bruckmann, hat 160 Seiten und kostet 19,99 Euro.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 15.12.2021 | 19:00 Uhr

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