Stand: 08.07.2017 05:26 Uhr

G20-Konzert mit politischen Untertönen

von Guido Pauling

In der Hamburger Elbphilharmonie hat es am Freitagabend womöglich die harmonischsten Töne des gesamten G20-Gipfeltreffens gegeben. Denn auf Wunsch von Kanzlerin Angela Merkel spielte das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Dirigent Kent Nagano Beethovens Neunte Sinfonie - vor den Staats- und Regierungschefs und ihren Partnern und vor zahlreichen geladenen Gästen, die nur nach aufwendigen Sicherheitskontrollen ins Konzerthaus gelassen wurden.

Mindestens drei Stunden vor Konzertbeginn hatten sich die Zuhörer am "Hamburg Cruise Center" in der Hafencity einzufinden: Das Kreuzfahrtterminal wurde zur Sicherheitsschleuse für die Konzertbesucher. Nach sorgfältigem Abtasten und ausgiebiger Taschenkontrolle ging es dann per Hafenfähre über die abgesperrte Elbe zum Anleger Elbphilharmonie, hinein in die Sicherheitsblase. Auf nahezu jedem Hausdach der Umgebung waren Scharfschützen positioniert. Auf der Elbe lieferten sich Greenpeace-Aktivisten in Schlauchbooten Wettrennen mit der Polizei und versuchten vergeblich, die quer über den Fluss gezogene Absperrungskette zu überwinden.

Verhaltene Reaktionen auf Trump

Beim Eintreffen der ersten Staats- und Regierungschefs befanden sich die Zuhörer bereits in den Foyers; die Plaza war für den politischen Besuch abgesperrt - und der ließ auf sich warten. So verzögerte sich der Konzertbeginn, bis schließlich mit einer halben Stunde Verspätung US-Präsident Trump und Frankreichs Präsident Macron mit ihren Ehefrauen unter verhaltenem Applaus den Großen Saal betraten. Viele Zuhörer weigerten sich schlicht zu klatschen, was wohl weniger an den beiden französischen Gästen lag, die nach Konzertende sogar noch ein paar Hände schütteln mussten. Angela Merkel und ihr Mann Joachim Sauer wiederum wurden vom Publikum mit einem Jubelschrei und Applaus begrüßt, wie ihn die Kanzlerin selten erlebt - und der Trump ein verblüfftes Grinsen entlockte: Aha, so sind also die Sympathien im Saal verteilt.

Beethoven für G20-Gäste in der Elbphilharmonie

Unterschiedliche Reaktionen auf die Neunte

Während Kent Nagano auf der Bühne ein sehr zügiges Allegro ma non troppo anschlug - eher ein Allegro molto - ließ sich beobachten, wie unterschiedlich in den Reihen der Staatenlenker Beethovens Musik aufgenommen wurde: Xi Jinping und Jacob Zuma zu einer chinesischen und südafrikanischen Wachsfigur erstarrt, Angela Merkel und ihr Mann aufmerksam lauschend; Indiens Premier Narendra Modi trommelte bei besonderes rhythmischen Passagen auf der Armlehne mit, während Donald Trump im 2. Satz - Molto vivace, presto - gelegentlich im Takt mit dem Kopf wippte. Gegen Ende der 70-minütigen Sinfonie schien der US-Präsident allmählich die Geduld zu verlieren, sein dreimaliges beidhändiges Auf-die-Schenkel-Schlagen wirkte wie ein "so jetzt langsam mal Schluss hier!" Dafür schaute sich Merkel breit lächelnd zu EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker um, als die Blechbläser lautstark die Melodie von "Freude schöner Götterfunken" anstimmten, als wollte sie sagen: "Ha! Unsere Europa-Hymne!"

Krawalle in der Stadt

Draußen vor der Elbphilharmonie stieg unterdessen die Anspannung. Im Schanzenviertel versammelten sich Gewalttäter, und schon kurz nachdem im festungsartig abgeriegelten Konzerthaus Schillers Ode "Alle Menschen werden Brüder" erklungen war, schlugen Chaoten in einigen Teilen der Stadt solche Utopien und Appelle für eine friedliche und gerechte Welt kurz und klein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 08.07.2017 | 07:00 Uhr

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