Sendedatum: 08.05.2019 19:00 Uhr  - NDR 90,3

Liebloses Gedenken am Stephansplatz

von Daniel Kaiser

Der 8. Mai ist ein wichtiger Tag in der deutschen Geschichte. Auch in Hamburg wehen deshalb Fahnen an öffentlichen Gebäuden, die an das Ende des Zweiten Weltkrieges, die Niederlage Nazi-Deutschlands und an den Tag der Befreiung von der Diktatur erinnern. Ausgerechnet am Gedenkort am Stephansplatz beim Dammtor-Bahnhof, wo gleich mehrere Denkmäler stehen, ist davon aber wenig zu spüren.

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Der Senat sollte sich um eine angemessene Erinnerung am Stephansplatz kümmern, meint Daniel Kaiser in seinem Kommentar.

Wenn es dunkel wird am Stephansplatz, dann marschieren die Soldaten wieder. Von all den Denkmälern, die da stehen, ist nachts nur der Kriegsklotz aus der Nazizeit hell angestrahlt. Man sieht die marschierenden Soldaten und den Spruch "Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen."

Nur der Naziklotz leuchtet

Der Naziklotz, den viele aus guten Gründen am liebsten abreißen würden, leuchtet. Das Deserteursdenkmal nebenan, das an Opfer der Nazi-Militärjustiz erinnert, liegt im Dunkeln. Seit Monaten sind hier die Scheinwerfer kaputt. Auch die Tonspur ist seit Monaten defekt. Auf Knopfdruck werden dort eigentlich Opfernamen vorgelesen.

Man fragt sich, wie schwer es sein kann, ein paar Glühbirnen auszuwechseln und mal einen Techniker vorbeizuschicken? Man fragt sich langsam wirklich, wie ernst es die Kulturbehörde eigentlich mit dem Gedenken an diesem Ort meint. Einfach ein paar behauene Steine hinzustellen, reicht nicht für eine sinnvolle, würdige Erinnerung.

Deserteursdenkmal lieblos links liegen gelassen

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Am Stephansplatz stehen die Denkmäler nebeneinander.

Jahrzehntelang hatte es gedauert, das Deserteursdenkmal am Stephansplatz gegen viele Widerstände durchzusetzen. Am Ende hat man sich für ein komplexes Bauwerk entschieden, dass man nicht nur bauen sondern auch beleuchten und erklingen lassen muss, damit es als Denkmal funktioniert. Und jetzt nach nur dreieinhalb Jahren ist es nur noch eine Denkmalbrache. Lieblos links liegen gelassen.

So würdig und gelungen die KZ Gedenkstätte Neuengramme ist, so ungeschickt agiert der Senat an zentralen Orten der Stadt, wenn es ums Gedenken geht. So, wie er jetzt ist, ist der Gedenkort am Stephansplatz gescheitert. Denkmäler aus verschiedenen Jahrzehnten stehen unübersichtlich und kaum mehr nachvollziehbar nebeneinander. Und nachts leuchten die falschen. Die Opfer bleiben im Dunkeln und stumm. Das ist beschämend. Es wird Zeit, dass sich der Senat endlich um eine angemessene Erinnerung auch im Herzen unserer Stadt kümmert.

Das Deserteurdenkmal am Stephansplatz © NDR.de Foto: Kristina Festring-Hashem Zadeh

Kommentar: Gedenk-Fiasko am Stephansplatz

NDR 90,3 - Kulturjournal -

Der Kriegsklotz aus der Nazizeit am Stephansplatz leuchtet nachts, das danebenliegende Deserteursdenkmal liegt seit Monaten im Dunkeln. Für Daniel Kaiser ist das ein Armutszeugnis.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 08.05.2019 | 19:00 Uhr

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