Stand: 03.04.2020 20:38 Uhr  - NDR 90,3

Leonhard ruft zu "Kultur des Hinschauens" auf

Wie geht es den Obdachlosen in unserer Stadt? Gibt es auch Hilfen für Haus- und Wohnungseigentümer und -eigentümerinnen? Und was kann ich tun, wenn ich auf schmalen Gehwegen die Abstandsbeschränkungen nicht einhalten kann? Diese und viele weitere Fragen haben Hamburgerinnen und Hamburger Melanie Leonhard (SPD) am Freitagvormittag gestellt. Die Senatorin für Arbeit, Soziales, Familie und Integration war live bei NDR 90,3 am Telefon zugeschaltet. Moderatorin Jacqueline Heemann führte durch die Fragestunde.

Geschlossene Kindertagesstätten, Schulen und Spielplätze: Eltern verbringen derzeit viel Zeit mit ihren Kindern zu Hause. Auch Senatorin Melanie Leonhard kenne die Situation aus eigener Erfahrung, sagte sie im Gespräch mit NDR 90,3 Moderatorin Jacqueline Heemann. Sie teile sich derzeit mit ihrem Mann die Kinderbetreung und wechesle sich mit ihm in Schichten ab. Homeoffice mit Kind, das sei eine große Herausforderung und habe viele Folgen für das familiäre Miteinander.

Eine Frau sitzt mit dem Rücken zur Wand und streckt eine Hand abwehrend vor dem Gesicht aus. © NDR Foto: Julius Matuschik

AUDIO: Coronavirus: Nimmt häusliche Gewalt zu? (1 Min)

Derzeit kein Hinweis auf mehr häusliche Gewalt

Vermehrte Hinweise auf häusliche Gewalt in Familien gebe es derzeit nicht, so Leonhard. Die Behörde erreiche vor allem Fragen, die die Alltagsorganisation beträfen. Es ginge zum Beispiel darum, wie Hausbesuche des Jugendamts in Zeiten von Corona durchgeführt werden könnten, was im Falle von Inobhutnahmen von Kindern zu passieren habe oder wie diese im Kinder- und Jugendnotdienst unterbracht werden könnten, wenn sie mit dem Coronavirus infiziert seien beziehungsweise vor einer Infizierung geschützt werden müssten. Außerdem kümmere man sich darum, wie zusätzliche Frauenhausplätze geschaffen, Obdachlose versorgt oder schlichtweg Familien unterstützt werden könnten, die wegen Kurzarbeit eines oder beider Elternteile in finanzielle Schieflage geraten seien. Ein wichtiges Ziel sei es, Informationen so gut an die Menschen zu bringen, dass niemand Existenzängste haben müsse, sagte die Senatorin.

Soziales Schutzpaket: Soforthilfen, Kinderzuschlag, Wohngeld

Das auf den Weg gebrachte sogenannte soziale Schutzpaket solle Gewerbetreibenden, Freiberuflern und Soloselbständigen helfen, denen nun innerhalb weniger Tage die kompletten Einnahmen weggebrochen seien. Dazu stünden die Soforthilfen über die Investitions- und Förderbank zur Verfügung. Menschen, die sich wegen Kurzarbeit nun in finanziellen Schwierigkeiten befänden oder gar ganz ihren Job verloren hätten, wolle die Behörde nun mit Kinderzuschlag und Wohngeld helfen. Hamburgerinnen und Hamburger, die nicht mehr in der Lage seien, das Geld für die Miete aufzubringen, sollten sich an das Jobcenter wenden, erklärte Leonhard. Das sei zwar ungewohnt für viele, es gäbe aber einen Anspruch auf Grundsicherung, den die Bedürftigen nun in Anspruch nehmen könnten - und das derzeit ohne Einkommens- und Vermögensprüfung in einem vereinfachten Antragsverfahren. Kinderzuschlag könne ebenfalls in einem vereinfachten Verfahren bei der Familienkasse beantragt werden, fügte die Sozialsenatorin hinzu. Es werde aktuell nur auf die Einkünfte des jeweils letzten Verdienstmonats geguckt.

Weitere Informationen
Euroscheine und Stapel von Euromünzen auf einem weißen Untergrund. © COLOURBOX Foto: fantazista

Corona-Soforthilfe: Hamburg hat Auszahlung begonnen

Hamburg hat mit der Auszahlung der ersten Corona-Soforthilfen für Selbstständige und kleine Unternehmen begonnen. Das Geld kann online beantragt werden. Die Nachfrage ist groß. (31.03.2020) mehr

Die Lage der Obdachlosen

Ein Hamburger fragte, wie es denn den Obdachlosen der Stadt momentan ginge. Die Obdachlosen in unserer Stadt seien eine ganz besonders verletzliche und betreuungsbedürftige Gruppe, so die Senatorin. Das Hilfesystem sei deswegen in den vergangenen anderthalb Woche auch nochmal überprüft und neu aufgestellt worden. Besonders schwierig sei es, dass auch viele Betreuungsangebote, wie etwa Tagesstätten, nicht mehr geöffnet werden dürften. Inzwischen seien mobile Essensausgaben eingerichtet und Unterkünfte stark erweitert worden. Es gebe mittlerweile vier Anlaufstellen, die tagsüber geöffnet hätten, um obdachlosen Menschen einen Anlauf- und Informationspunkt zu geben. Dort würde auch auf den gesundheitlichen Zustand der Menschen geachtet.

Unterbringung von Obdachlosen in Hotels?

Auf die Frage, ob die derzeitigen Maßnahmen ausreichten und weshalb Obdachlose nicht von der Straße geholt und in leerstehenden Hotels untergebracht werden würden, antwortete die Sozialsenatorin, dass schon heute besondere Zielgruppen in Hotels unterbracht seien. Zwei zusätzliche Unterkünfte seien zum Beispiel für Frauen geschaffen worden. Bei Obdachlosen sei es aber ganz besonders wichtig, ständig mit den betreffenden Menschen in Kontakt zu bleiben und zu schauen, wie es ihnen geht und ob sie beispielweise auf das Coronavirus getestet werden müssten. Dies sei mit den eingerichteten vier zentralen Anlaufstellen in der Friensstraße, Kollaustraße, in Horn und im "Pik As" besser zu gewährleisten. Dort gebe es beispielsweise auch Isolierstationen, in denen die Menschen medizinisch betreut werden könnten.

Weitere Informationen
Der Haupteingang zum Hallenbad St.Pauli. © picture alliance / dpa Foto: Christian Charisius

Duschen für Obdachlose im Hallenbad St. Pauli

Hilfe für Obdachlose während der Corona-Krise: In Hamburg können Obdachlose künftig in einem Schwimmbad duschen. Laut Sozialbehörde können sie das Hallenbad St. Pauli nutzen. (01.04.2020) mehr

Obdachlose als Erntehelfer?

Ein NDR 90,3 Hörer trug den Vorschlag vor, Obdachlose als Erntehelfer einzusetzen. Erntehilfe sei keine Tätigkeit, die Obdachlose "so einfach mal über Nacht" machen könnten - jedenfalls nicht alle, antwortete die Senatorin. Viele könnten diese Art von körperlicher Arbeit nicht leisten und auch eine gewisse fachliche Qualifikation sei dazu ein vielen Fällen notwendig.

Anlaufstelle Jugendamt

Eine Hörerin fragte, an wen sie sich wenden könne, wenn sie den Eindruck hätte, dass das Jugendamt Neugraben bei einem Fall nicht ausreichend hinschaue. Senatorin Leonhard antwortete, sie möge sich an die zentral-zuständige Stelle, das Jugendamt in Harburg, wenden. Dort solle sie möglichst konkrete Hinweise auf das geben, was sie beobachtet hätte, so dass gegebenenfalls weitere Maßnahmen ergriffen werden könnten. Generell seien die Jugendämter trotz der Corona-Krise gut besetzt. Es gebe keine übermäßigen Krankenstände. Auch der Kinder - und Jugendnotdienst arbeite weiterhin, manchmal allerdings aus dem Homeoffice. Melanie Leonhard rief zu einer "guten Kultur des Hinschauens" auf. "Lieber ein Anruf zu viel, als ein Anruf zu wenig", sagte sie bei NDR 90,3. Es könne sein, dass genau diese eine erbrachte Information in einem konkreten Fall gebraucht würde.

Eltern haben das Recht, auch mal allein sein zu dürfen

Um Spannungen in der Familie und im schlimmsten Fall auch häusliche Gewalt zu vermeiden, brauchten die Menschen "Freiheit in der Enge", so die Senatorin. Auch ins Freie solle man gehen - und wenn es nur ein Spaziergang "einmal um den Block" wäre. Eltern müssten sich bewusst machen, dass auch sie das Recht haben, einmal alleine sein zu dürfen, um wieder zu sich zu finden. Wir alle müssten lernen, unsere Kräfte einzuteilen, um Kraft und Veranstwortungsbewusssein zu behalten.

Weitere Informationen
Ein Virus schwebt vor einer Menschenmenge (Fotomontage) © panthermedia, fotolia Foto: Christian Müller

Coronavirus in Hamburg: Nachrichten und Hintergründe

Wie geht es Hamburg mit der Corona-Pandemie? Welche Beschränkungen gibt es, welche Lockerungen? Hier finden Sie die aktuellen Zahlen, Nachrichten, Videos und Hintergründe. mehr

"Nummer gegen Kummer"

Für Jugendliche, deren Welt auch gerade aus den Fugen gerate, gebe es ein Not- und Beratungsttelefon, das täglich zwischen 14 und 20 Uhr kontaktiert werden könne. Die "Nummer gegen Kummer" sei unter 116 111 zu erreichen. Dort könnten sich Jugendliche auch mit Jugendlichen unterhalten, wenn ihnen einmal etwas "gewaltig auf den Keks" gehe, so Leonhard.

Sorge um Kinder, die nicht raus dürfen

Eine Frau sorgt sich um viele Kinder, die gerade nicht das Haus verlassen dürften. Eltern seien teilweise übervorsichtig, meint die Hörerin. Dazu wies Sozialsenatorin Melanie Leonhard noch einmal drauf hin, dass Kinder auch in diesen Zeiten unbedingt "nach draußen" müssten. Die Infektionsgefahr draußen sei mit Kindern nicht größer, als wenn Erwachsene spazierengingen. Man solle die Kinder dann auch zur Bewegung ermutigen: zum Beispiel mit dem Spiel "Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm". Tipps zu Bewegungsangeboten gebe es von zahlreichen Pädagogen im Internet. Fest stehe: Wer sich nur drinnen aufhalte, tue sich auch immunmäßig nichts Gutes.

Weitere Informationen
Hamburg Shiloutte und im Vordergrund ein Schriftzug mit dem Hashtag "#hamburghältzusammen © NDR

Corona: Hamburg hält zusammen

Wie erleben Sie den Tag in dieser Zeit? Wem möchten Sie "Danke" sagen? Ist Ihnen etwas besonders Schönes passiert? Brauchen Sie Hilfe oder haben Sie ein Hilfsangebot? Schreiben Sie uns! mehr

Erzieher und ihr Kontakt zu Kindern

Wie ist das Schutzprinzip bei Erziehern durchzuhalten, die berufsbedingt sehr engen Kontakt zu Kindern hätten, sie etwa auch trösten oder wickeln müssten, wollte eine Hörerin wissen. Leaonhard sagte dazu, dass das Kontaktverbot grundsätzlich für alle Bereiche gelte, wo ein enger Kontakt nicht professionell nötig ist. In den Bereichen, wo Kontakt nötig sei, beispielsweise bei der Notbetreuung in den Kindertagesstätten, seien die Kontakte auf das Notwendigste zu beschränken. Kinder sollten unter Umständen daran herangeführt werden, Schutzmasken zu tragen.

Hilfe auch für Eigentümer?

Ein Hörer fragte, wie es mit der Unterstützung von Haus- und Wohnungseigentümern aussehe, die aufgrund der Krise beispielsweise ihre Hypotheken nicht bedienen könnten. Senatorin Leonard verwies auf Zuschüsse aus dem Wohngeld, die es in so einem Fall geben könne. Weitere Informationen zum Umfang des sozialen Schutzpaketes gebe es auf der Internetseite hamburg.de. Leonhard verwies auch auf die Hamburger Banken, die bei der Frage rund die Bedienung von Krediten Hilfe leisten und Kulanz zeigen wollten.

Kontaktverbot teilweise nicht einzuhalten

Eine Hörerin wohne am Mühlenkamp in Winterhude. Dort seien die Abstandsbeschränkungen wegen der engen Gehwege manchmal nicht einzuhalten. Ihre Frage war, ob sie immer auf die Straße ausweichen oder vielleicht die Poliezi rufen sollte. Dazu antwortete Senatorin Leonhard, dass es sicherlich nicht sinnvoll sei, dann immer die Polzei zu rufen. Die Beamtinnen und Beamten würden auch berichtetn, dass immer weniger Jugendliche sich öffentlich versammeln würden. Generell sei es wichtig, "so gut wie möglich" Abstand zu halten. Und wenn dies übehaupt nicht möglich sei, müsse eventuell auch einmal die Polizei darüber Bescheid wissen.

Weitere Informationen
"FAQ" steht auf einem iPad. © panthermedia, Fotolia Foto: lamianuovasupermai

Coronavirus in Hamburg: Hier bekommen Sie Hilfe

Sie wohnen in Hamburg und haben eine Frage zum Coronavirus? Wir haben Ihnen eine Liste mit relevanten Informationen, Telefonnummern und Hilfemöglichkeiten zusammengestellt. mehr

Der Außenbereich der Bar "Le Vou" im Hamburger Schanzenviertel. © Florencia Acosta Foto: Florencia Acosta

Live-Ticker: Corona-Ausbruch in weiterer Bar in Hamburg

In Hamburg ist eine Bar erneut zum Corona-Hotspot geworden. 16 Gäste wurden mit dem Coronavirus infiziert. Zuvor waren in einer anderen Bar 13 Gäste positiv getestet worden. News im Live-Ticker. mehr

Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

"Coronavirus-Update" Der Podcast mit Christian Drosten & Sandra Ciesek

Hier finden Sie alle bisher gesendeten Folgen zum Nachlesen und Nachhören sowie ein wissenschaftliches Glossar und vieles mehr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 03.04.2020 | 11:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Der Außenbereich der Bar "Le Vou" im Hamburger Schanzenviertel. © Florencia Acosta Foto: Florencia Acosta

Weiterer Corona-Ausbruch in einer Hamburger Bar

Nach dem Corona-Ausbruch in der Bar "Katze" gibt es eine Häufung in einem weiteren Lokal im Hamburger Schanzenviertel. 16 Menschen wurden nach einem Besuch im "Le Vou" positiv getestet. mehr

Maximilian Dittgen (l.) vom FC St. Pauli im Duell mit Bochums Cristian Gamboa © imago images / foto2press

Livecenter: St. Pauli gleicht per Doppelschlag aus!

Nach der Pokalpleite in Elversberg steht der FC St. Pauli beim Zweitliga-Saisonstart in Bochum unter Druck. Die Partie jetzt hier im Liveticker. mehr

Teilnehmer einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen stehen vor dem Reichstag, ein Teilnehmer hält eine Reichsflagge. © picture alliance/dpa Foto: Fabian Sommer

Hamburg prüft Verbot von Reichsflaggen

Nachdem in Bremen Reichs- und Reichskriegsflaggen jetzt verboten sind, prüft Hamburg einen ähnlichen Weg. Möglich wurde das durch einen entsprechenden Erlass des Bremer Innensenators. mehr

Menschen genießen im Hamburger Stadtpark die Sonne. © Imago Images/HochZwei/Angerer Foto: Imago Images/HochZwei/Angerer

15-Jährige im Stadtpark missbraucht: Polizei sucht Zeugen

Ein 15-jähriges Mädchen soll im Hamburger Stadtpark von mindestens fünf Jugendlichen sexuell misshandelt worden sein. Die Polizei sucht jetzt nach Zeugen. mehr