Stand: 27.06.2020 07:47 Uhr  - NDR 90,3

Lebenslinien: Die vergessenen Kinder von Langenhorn

von Annette Matz

Tausende Stolpersteine liegen auf Hamburgs Gehwegen und erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus. Seit vielen Jahren arbeitet die Hamburgerin Margot Löhr bei der "Initiative Stolpersteine" mit, sammelt akribisch Geburts- und Sterbedaten und verfolgt Lebenslinien. Bei ihrer Recherche ist sie auf die vergessenen Kinder gestoßen. Ein Besuch.

Margot Löhr hält Maiglöckchen in der Hand. Sie kniet vor 49 Stolpersteinen, die an die Kinder von Zwangsarbeiterinnen erinnern sollen - für jedes Kind ein Maiglöckchen. Elsa, Josef, Viktor, Luba - sie alle wurden nur wenige Monate alt, manche nur Tage. "Sie waren früh gestorben, die meisten unterernährt und alleingelassen", erzählt Löhr. "Ihre Mütter mussten zehn bis zwölf Stunden in der Fabrik für die Rüstungsindustrie arbeiten."

Seit Jahren in der "Stolperstein Initiative" aktiv

Löhr steht an der Essener Straße in Hamburg-Langenhorn. Hinter dem Gehweg mit den Stolpersteinen beginnt der Platz, auf dem eine Kinderbaracke war. In Langenhorn sind 49 Kinder von Zwangsarbeiterinnen gestorben, in dieser Kinderbaracke allein 16 Kinder. 

Margot Löhr ist über 70 Jahre alt. Sie engagiert sich schon lange für die "Stolperstein Initiative" und gegen das Vergessen. Für ihre beiden neuen Gedenkbücher hat sie die oft sehr kurze Lebensgeschichte von 418 Kindern dokumentiert, die in Lagern oder Krankenhäusern gestorben sind.

Säuglinge starben in Zwangsarbeitslagern

Eigentlich hatte sie für ein anderes Buch recherchiert und stieß durch Zufall in Sterberegistern auf die Kinder. "Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht, dass auch Kinder und Säuglinge in Zwangsarbeitslagern waren", sagt Löhr. Lungenentzündung, Auszehrung, Ernährungsstörungen hießen die Todesursachen. 

Gedenkbuch

"Die vergessenen Kinder von Zangsarbeiterinnen in Hamburg" ist in der Buchreihe "Stolpersteine Hamburg – biographische Forschungen" erschienen. Zu bekommen ist es im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung am Dammtorwall 1 gegen eine Gebühr von drei Euro.

Das von Margot Löhr verfasste Gedenkbuch beschreibt 418 Biografien von Kindern, die Zwangsarbeiterinnen in Hamburger Lagern oder Krankenhäusern geboren haben und die in Hamburg gestorben sind.

"Die Ernährungs- und Lebensbedingungen waren völlig unzureichend", dieser Satz taucht immer wieder in den Gedenkbüchern auf.  Die meisten Mütter mussten in der Rüstungsindustrie oder der Landwirtschaft arbeiten, konnten sich nicht um ihre Kinder kümmern, konnten sie nicht stillen. "Es wurde weggesehen und es braucht nicht mehr, damit ein Säugling stirbt", sagt Löhr. 

Margot Löhr leistet Erinnerungsarbeit

Akribisch hat sie vor allem im Staatsarchiv recherchiert. Manchmal entdeckt sie Geschwister, zu denen sie Kontakt aufnimmt. Und eigentlich werden die Stolpersteine in jedem Jahr blankgeputzt, oft zusammen mit Schülern und Schülerinnen. Eine wichtige Aktion für Löhr - die aber, wie so vieles, in diesem Jahr nicht stattfinden kann.

Ihre beiden Gedenkbücher über die vergessenen Kindern von Zwangsarbeiterinnen sind aber geschrieben. "Ihre kurzen Lebensgeschichten ähneln sich, doch gebührt jedem einzelnen Schicksal unsere Aufmerksamkeit" schreibt Hamburgs Bürgermeister Peter Teschentscher (SPD) in einem Grußwort. Und Margot Löhr empfindet das Erinnern als Verpflichtung:  "Wenn wir das jetzt nicht aufarbeiten, wer macht es dann?"

Weitere Informationen

Biografien hinter 285 Hamburger Stolpersteinen

Sieben Jahre lang hat Susanne Rosendahl Stolpersteine in der Hamburger Neu- und Altstadt erforscht und die Biografien dahinter aufgeschrieben. Das zweibändige Werk ist nun erschienen. 11.04.2019 mehr

Hamburger erinnern an ermordete Juden

Hamburger haben der Pogromnacht vor 81 Jahren gedacht. Unter dem Motto "Grindel leuchtet" erinnerten Anwohner im Grindelviertel an die ermordeten Juden in ihrem Stadtteil. (09.11.2019) mehr

Streit über die Stolpersteine in Hamburg

Daniel Killy von der Jüdischen Gemeinde Hamburg kritisiert das Millionengeschäft mit den Stolpersteinen. Außerdem werde mehr auf den Namen herumgetrampelt, als dass an sie erinnert werde. (05.11.2014) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 24.06.2020 | 16:40 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:00
Hamburg Journal
02:30
Hamburg Journal
02:48
Hamburg Journal