Stand: 19.10.2019 08:40 Uhr

KZ-Prozess: Es geht um Anerkennung

von Elke Spanner

Mit 17 Jahren war Bruno D. Wachmann im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig. Mit 93 Jahren sitzt er nun als Angeklagter vor dem Hamburger Landgericht: Der Mann, der seit Kriegsende in Harburg im Süden Hamburgs wohnte, soll damals Beihilfe zum Mord an mehr als 5.000 Konzentrationslager-Insassen geleistet haben. Kann es so spät noch Gerechtigkeit geben? Ein Kommentar von Elke Spanner.

Elke Spanner im Flur von NDR 90,3. © NDR Foto: Alexander Dietze

Kommentar: "Bruno D. kein Opfer der Justiz"

NDR 90,3 - Der Hamburg-Kommentar -

Bruno D. ist angeklagt, im KZ Stutthof Beihilfe zum Mord an mehr als 5.000 Insassen geleistet zu haben. Ins Gefängnis muss er nicht, der Prozess dient der Aufklärung, meint Elke Spanner.

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Gefängnisstrafe ausgeschlossen

Eines ist schon jetzt so gut wie sicher: Bruno D. wird nicht mehr ins Gefängnis kommen. Der Rentner muss im Rollstuhl zum Prozess geschoben werden, begleitet von seiner Familie und Ärzten. Die Vorsitzende Richterin hat gesagt, es müsse mit einem Kollaps des Angeklagten gerechnet werden. Einem hochbetagten Mann wie Bruno D. wird sicher kein Gefängnis mehr zugemutet. Selbst wenn er zum Ende des Prozesses wirklich vom Angeklagten zum Täter umbenannt wird.

Prozess dient der Aufklärung

Darum aber geht es auch nicht in diesem Prozess. Niemand erwartet, dass die Justiz den früheren KZ-Wachmann jetzt noch hart bestraft - 74 Jahre nach den Taten, die ihm vorgeworfen werden. Nicht einmal die vielen KZ-Überlebenden und Angehörigen von NS-Opfern, die dem Prozess als Nebenkläger beigetreten sind, wollen den gebrechlichen Mann im Gefängnis sehen. Worum geht es also dann?

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Es geht um Aufklärung. Und vor allem: um Anerkennung. Durch einen Schuldspruch des Gerichts, in dem endlich einmal gesagt wird: ja, Bruno D. war ein Täter. Die Opfer der NS-Verbrechen haben Jahrzehnte vergeblich darauf gewartet, dass auch die kleinen Rädchen des NS-Terrors vor Gericht kommen. Leute wie Bruno D. Nach allem, was man weiß, hat er persönlich niemanden in die Gaskammer von Stutthof geführt. Er hat aber auf einem Wachturm gestanden, mit dem Gewehr in der Hand. Er hat aufgepasst, dass niemand der Hölle des Konzentrationslagers entkommen konnte. Auch damit hat er einen Beitrag zur systematischen Ermordung Tausender Gefangener geleistet.

Bruno D. kein Opfer der Hamburger Justiz

Die Justiz hat solche Täter früher nicht verfolgt. Das hatte juristische Gründe. Aber kann das jemand verstehen, der Angehörige im Konzentrationslager verloren hat? Der Anwalt von Bruno D. hat dem Gericht vorgeworfen, dass es das Justizversagen in den Nachkriegsjahren nun an seinem Mandanten wiedergutmachen wolle. Da ist sicher etwas Wahres dran. Aber dennoch ist Bruno D. kein Opfer der Hamburger Justiz. Bruno D. hat sein Leben gelebt, unbehelligt, 93 Jahre lang. Im Ergebnis profitiert er sogar davon, dass er erst jetzt im hohen Alter angeklagt wurde. In früheren Jahren, als er noch nicht gebrechlich war, hätte ihm nämlich tatsächlich eine lange Zeit im Gefängnis gedroht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 19.10.2019 | 08:40 Uhr

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