Stand: 23.11.2019 08:40 Uhr  - NDR 90,3

Bornplatz-Synagoge: Wiederaufbau nicht die einzige Alternative

von Daniel Kaiser

Soll die alte Bornplatz-Synagoge wiederaufgebaut werden? Darüber ist eine Debatte entbrannt. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher ist dafür, der Bund hat sogar schon Geld in Aussicht gestellt, um zu überprüfen, ob so ein Projekt möglich ist. Aber es gibt nun auch kritische Stimmen, betont Daniel Kaiser in seinem Kommentar.

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NDR 90,3 Redakteur Daniel Kaiser kommentiert den diskutierten Neubau der Bornplatz-Synagoge.

Die Lücke auf dem heutigen Joseph-Carlebach-Platz ist die wohl schmerzlichste Lücke unserer Stadt. Sie zeigt, was hier zerstört wurde und unwiederbringlich verloren ging, als Hamburger in der Nazizeit die Synagoge in Brand steckten und die Jüdinnen und Juden unserer Stadt verfolgten und ermordeten. 1.000 Menschen fanden in der alten Synagoge Platz. Und es war nur eines von mehreren jüdischen Gotteshäusern. Die alte Bornplatz-Synagoge ist ein Symbol einer ausgelöschten jüdischen Vielfalt in unserer Stadt. Stellen Sie sich mal auf den leeren Platz und schauen sich um. Das tut weh.

Neubau der Synagoge könnte missverstanden werden

Baut man die alte Synagoge am selben Ort wieder auf und lässt sie auch noch wieder so aussehen wie damals, dann wird es sich so anfühlen, als wäre nichts gewesen. Die Gefahr ist groß, dass man die Synagoge als architektonischen Schlussstrich missverstehen könnte.

Leerstelle als Gedenken

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Die alte Synagoge am Bornplatz in Hamburg wurde in der Reichsprogromnacht 1938 verwüstet und 1939 abgerissen.

So verlockend der Gedanke ist, neben dem Gemeindezentrum und der Schule die historische Synagoge wiederaufzubauen, so sehr ich den Enthusiasmus verstehen kann, ein sichtbares Symbol als Bekenntnis für jüdisches Leben in Hamburg zu erschaffen, meine ich doch, dass dieser Preis zu hoch ist. Denn dort, wo die Synagoge gebaut werden soll, gibt es ja schon etwas: Die Leerstelle. Das Gedenken.

Sichtbares Symbol für jüdisches Leben als Zeichen

Ein sichtbares Symbol für jüdisches Leben in der Stadt zu schaffen, ist eine hervorragende Idee. Und wichtig, weil der Antisemitismus, dieses Gift der Dummen, unser Zusammenleben immer stärker kontaminiert. Aber es gibt andere Orte in Hamburg. In der Poolstraße in der Neustadt zum Beispiel rottet die Ruine eines alten jüdischen Tempels vor sich hin. Hier begann vor 200 Jahren von Hamburg aus der weltweite Aufstieg des Reformjudentums. Hier in der Poolstraße könnte Hamburg den jüdischen Gemeinden in der Stadt helfen, einen neuen attraktiven Ort zu schaffen, der Vitalität ausstrahlt, Tradition und Zukunft verbindet und den Abgrund in der Geschichte unserer Stadt nicht einfach überbaut.

 

Weitere Informationen

Historikerin gegen Wiederaufbau von Synagoge

Miriam Rürup vom Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden ist gegen den Wiederaufbau der Synagoge im Grindelviertel. Der leere Platz sollte ihrer Meinung nach Mahnmal bleiben. (21.11.2019) mehr

Tschentscher unterstützt Synagogenneubau

Bürgermeister Peter Tschentscher unterstützt die Bemühungen für einen Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge im Grindelviertel. Die Synagoge wurde 1938 von den Nationalsozialisten zerstört. (09.11.2019) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 23.11.2019 | 08:40 Uhr

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