Kommentar: Verschiedenheit macht uns stark

Stand: 06.08.2021 21:00 Uhr

An vielen Orten in Hamburg weht die Regenbogenflagge. Tausende Menschen sind am Samstag zum Christopher Street Day bei der Fahrrad-Demo für Gleichberechtigung unterwegs sein. Da ist schon viel erreicht worden. Und doch ist der CSD auch heute noch wichtig, kommentiert Daniel Kaiser.

Regenbogen ist in. Parteien, Firmen und Geschäfte schmücken sich mit dem Symbol für Vielfalt und Akzeptanz. Als die UEFA bei der Fußball-Europameisterschaft die Regenbogenflagge aus den Stadien verbannt und ihre eigene Vielfalt-Kampagne als Marketing-Blabla entlarvt hat, war bei uns in der Stadt die Solidarität groß. Auch in Hamburg weht ganz selbstverständlich die Regenbogenfahne sogar am Rathaus.

Erster CSD: Polizei ging noch gegen Demonstranten vor

Das war vor 30, 40 Jahren noch ganz anders. Beim ersten Christopher Street Day in Hamburg ging die Polizei noch gegen die Demonstranten vor. Hamburg war jahrhundertelang eine konservative Trutzburg, die alles, was anders war, ablehnte. Die Zeiten sind zum Glück vorbei.

"Schwul" ist bis heute ein Schimpfwort

Ist dann auch die Homophobie ausgestorben? Keine Spur! Ein Blick in die Internet-Kommentare reicht, um zu sehen, dass bei manchen der Hass ganz tief sitzt. "Schwul" ist bis heute ein Schimpfwort auf Hamburger Schulhöfen. Es gibt auch in unserer Stadt Orte, in denen man eher nicht sicher ist, wenn man als schwules oder lesbisches Paare Hand in Hand spazieren geht. Und die Blicke und Reaktionen, die Transsexuelle immer wieder ertragen müssen, sind ein Spießrutenlauf.

LGBTQI+: Alle müssen gehört und gesehen werden

Umso wichtiger ist es, denen weiter hartnäckig und lautstark zu widersprechen, die meinen, neben Vater-Mutter-Kind sei nichts anderes "normal". Darum geht es beim Christopher Street Day. Der CSD galt lange als Schwulenparade. Es ist heute komplexer. Das zeigt die lange Abkürzung, die über diesem Tag steht und über die sogar Eingeweihte stolpern: LGBTQI+. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und auch die, die sich keinem Geschlecht oder keiner sexuellen Identität zuordnen können oder wollen - sie alle wollen und müssen gehört und gesehen werden.

Wir Hamburger sind ein buntes, vielfältiges Völkchen

Der Ton ist allerdings manchmal scharf. Wer da nicht mit Gendersternchen spricht, wer nicht beim ersten Zusammentreffen sagt, welchem Geschlecht er oder sie sich zugehörig fühlt, gilt als von gestern. Das führt dazu, dass es sogar innerhalb der Community zum Streit kommt. Ein bisschen Augenmaß, ein bisschen weniger heiliger Zorn täte dem berechtigten Anliegen gut. Wir Hamburger sind ein buntes, vielfältiges Völkchen. Und gerade die Verschiedenheit macht uns stark.

Das ist die Botschaft des Christopher Street Days. Eine Demokratie, eine Gesellschaft, eine Stadt, unser Hamburg ist nur so stark, wie es auf seine Schwachen achtgibt und seine Minderheiten akzeptiert.

Weitere Informationen
Hamburger Rathaus mit blauem Himmel © digiphot - MEV-Verlag Germany

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 07.08.2021 | 08:40 Uhr

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