Kommentar: Neue Corona-Regeln sind ohne Augenmaß

Stand: 29.10.2020 18:20 Uhr

Die neuen Corona-Maßnahmen sorgen für Streit. Gastronomie, Sport und Kultur sind besonders betroffen und kritisieren das Vorgehen als überzogen und unfair. Daniel Kaiser kommentiert.

von Daniel Kaiser

"Gehen Sie ins Theater. Da sind Sie sicherer als zu Hause", hat Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) noch am Dienstag gesagt. Und wirklich: In der Elbphilharmonie sitzt man schweigend mit Abstand. Im Ohnsorg wird nicht gefeiert, im Thalia nicht getanzt. Und jetzt werden bei den Schließungen Theater, Opern und Konzerthäuser in einem Atemzug mit Kneipen und Bordellen genannt. Das zeigt eine Sorglosigkeit und Nachlässigkeit gegenüber denen, über die man da entscheidet, als sei Kultur nur so eine zuckrige Kirsche auf einer Torte, auf die man ja mal vier Wochen lang mit einer wegwerfenden Handbewegung verzichten kann.

Keine Infektionen in Theatern und Konzertsälen

Der Frust auch in der Gastronomie ist groß bei denen, die sich genau an die Vorschriften gehalten haben. Da reicht es wirklich nicht, jetzt gebetsmühlenartig von der Alternativlosigkeit zu sprechen. Wie alternativlos kann das Ganze schon sein, wenn Schulen und Kitas trotzdem weiter geöffnet bleiben. In Schulen hat es immer wieder Infektionen gegeben, in Theatern und Konzertsälen nicht. Wie kann es sein, dass Gottesdienste stattfinden dürfen, Theaterpremieren aber nicht? Kirchen ja - Kultur nein? Schulen offen - Elphi geschlossen?

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Corona-Maßnahmen treffen die Falschen

Klar ist, dass etwas geschehen musste, um die Pandemie einzudämmen. Die neuen Corona-Regeln sind aus meiner Sicht Maßnahmen ohne Augenmaß, als hätte es das letzte halbe Jahr nicht gegeben. Sie treffen die Falschen. Und noch viel schlimmer - und man spürt es schon jetzt - diese Maßnahmen mit ihren Widersprüchen begünstigen ein Misstrauen gegen den Staat, weil ein Eindruck von Ungleichheit, Unfairness und Willkür entsteht. Das gefährdet die Einmütigkeit, die notwendig ist, um eine solche Pandemie als Gesellschaft durchzustehen. Im März und April haben alle die Zähne zusammengebissen und unter Schmerzen mitgemacht. Mit Erfolg.

Entscheidungen müssen besser begründet werden

Bundesregierung und Hamburger Senat müssen ihre Entscheidungen besser erklären und die Widersprüche auflösen, sonst setzen sie diese Einmütigkeit aufs Spiel. Sie müssen die Regeln besser begründen. Sie müssen eine Fairness herstellen. Die Einschränkungen müssen nachvollziehbar sein. Das Wort "alternativlos" ist kein Argument.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 29.10.2020 | 18:20 Uhr

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