Kommentar: Mehr Mut zur Entschuldigung

Stand: 27.03.2021 07:03 Uhr

Das war ein besonderer Moment, als Bundeskanzlerin Angela Merkel öffentlich einen Fehler eingestanden und um Verzeihung gebeten hat. Sie hat die geplante Osterruhe zurück- und alle Schuld auf sich genommen. Das waren Augenblicke, die sich auch Hamburger Politikerinnen und Politiker noch einmal genauer anschauen sollten, meint Daniel Kaiser.

von Daniel Kaiser

Das war eine Sternstunde. Die mächtigste Frau der Welt sagt: Ich habe einen Fehler gemacht und bitte um Verzeihung. Und man muss schon genau hinhören. Sie hat nicht gesagt: "Ich entschuldige mich", als hätte sie es selbst in der Hand. Mir fallen nicht viele Politiker ein, die diese Größe hätten.

Eine Entschuldigung hätte auch anderen gut gestanden

Auch in Hamburg fehlt uns oft eine Kultur im Umgang mit Fehlern. Eine solche Bitte um Verzeihung hätte ich auch mal gern gehört von Ole von Beust (CDU) für das grandiose hausgemachte Versagen beim Bau der Elbphilharmonie. Von den Pleite-Managern der HSH Nordbank, die Hamburg Milliarden gekostet haben. Von den Behörden, als jahrelang unter den Augen des Jugendamtes immer wieder Kinder starben. Ich kann mir auch vorstellen, dass mancher HSV-Fan von der Vereinsführung gern mal eine Bitte um Entschuldigung für jahrelanges Missmanagement hören würde.

Momente der Größe

Fehler eingestehen und andere um Verzeihung bitten - das sind Momente der Größe. Und sie sind schmerzhaft. Man hat gespürt, wie schwer es Olaf Scholz (SPD) gefallen ist, als er nach dem G20-Gipfel in der Bürgerschaft nach tagelangen Diskussionen die Hamburger um Entschuldigung gebeten hat. Das machte diesen Moment so wichtig.

Kein Zeichen von Schwäche

Wo Menschen sind, passieren Fehler. Kleine und große. Vielleicht war die Osterruhe ein großer Fehler. Ein Zeichen von Schwäche ist Merkels Auftritt aber nicht gewesen. Im Gegenteil.

Spahn hat wohl recht mit seiner Prophezeiung

Die Corona-Krise ist eine Ausnahmesituation. Sie ist ermüdend. Sie macht wütend. Sie lässt uns scharfe Sachen sagen, die wir bedauern müssten. Als hätte er seine Performance vorhergesehen, hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) prophezeit: "Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich einander viel verzeihen müssen." Genauso ist es.

Jeder und jede von uns hat Menschen, die er um Verzeihung bitten müsste. Weil jeder Fehler macht. Schwach sind die, die Fehler aussitzen, weglächeln und Verantwortung wegschieben. Stark und vertrauenswürdig sind die, die den Mut haben, zu Fehlern zu stehen und andere um Verzeihung zu bitten. Im Kleinen und im Großen. Merkels Bitte um Entschuldigung vor der Weltöffentlichkeit war ein wirklich starker Moment.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 27.03.2021 | 08:40 Uhr

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