Daniel Kaiser spricht in die Kamera. © NDR

Kommentar: Die katholische Kirche braucht einen Neuanfang

Stand: 20.03.2021 06:32 Uhr

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße will zurücktreten. Er reagiert damit auf die Kritik an seiner Arbeit in Köln bei der Aufarbeitung sexueller Missbrauchsfälle. Für die angeschlagene katholische Kirche in Hamburg könnte das die Möglichkeit für einen Neustart sein. Daniel Kaiser kommentiert.

von Daniel Kaiser

Der Rücktritt ist richtig. Stefan Heße ist seiner Verantwortung nicht gerecht geworden. Mit dieser Hypothek aus seiner Kölner Zeit kann er nicht mehr glaubwürdig das Hamburger Erzbistum führen. Und Glaubwürdigkeit ist das, was die katholische Kirche gerade am nötigsten braucht.

Start in Hamburg als Hoffnungsträger

Heße startete als Überflieger und Hoffnungsträger. Nicht mal 50 war er, als er aus Köln nach Hamburg kam und zum Erzbischof wurde. Heße sollte eigentlich das angeschlagene Erzbistum neu aufstellen und jahrzehntelang prägen. Doch immer wieder zerstritt er sich mit treuen und einflussreichen Katholiken der Stadt. Der Streit um die Schulschließungen und der Umgang des Erzbistums mit denen, die die Schulen retten wollten, steckt noch heute vielen in den Knochen. Es blieb oft der Eindruck, Heße sei vielleicht ein guter Seelsorger aber nicht gerade ein begnadeter Kommunikator oder Manager. Am Ende ist es so, dass nicht jeder Katholik in Hamburg traurig sein wird, wenn er nun geht.

Katholische Kirche führerlos im Umbruch

Die katholische Kirche in Hamburg ist führerlos mitten im Umbruch. Geschlossene Schulen und Krankenhäuser sind erst der Anfang. Gemeinden fusionieren, Abschiede von Kirchengebäuden stehen bevor. Gleichzeitig begehren Katholikinnen und Katholiken in Hamburg auf gegen eine weltfremde Kirche, die sich einerseits herausnimmt, Lebensentwürfe anderer Menschen zu verurteilen, und der es gleichzeitig nicht gelingt, die Schwächsten in den eigenen Reihen angemessen zu schützen oder die Täter dingfest zu machen. Sie begehren auf gegen eine Kirche, die die Institution immer noch wichtiger nimmt als die Menschen in ihr. Die katholische Kirche ist und bleibt ein wichtiger Player in dieser Stadt. Sie gehört zum Kitt, der diese Gesellschaft zusammenhält. Hamburg braucht die Katholiken mit ihrem Engagement, mit den Schulen, Krankenhäusern, ihren Suppenküchen für die Ärmsten und einer Sensibilität für den Wert des Lebens.

Kirche hat eine Bringschuld

Aber die katholische Kirche braucht einen Neuanfang in dieser vielleicht schwersten Vertrauenskrise seit der Reformation. Viele Gläubige sehnen sich auch in Hamburg nach einer glaubwürdigen Kirche: Ein bisschen mehr Neues Testament ein bisschen weniger Kirchenrecht. Die katholische Kirche muss den Menschen, die gerade in Scharen aus der Kirche austreten, einen Grund geben zu bleiben. Die Kirche hat hier eine Bringschuld. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 20.03.2021 | 08:40 Uhr

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