Stand: 10.07.2020 20:16 Uhr  - NDR 90,3

Kommentar: Die Hagenbeck-Giraffe muss bleiben

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NDR 90,3 Redakteur Daniel Kaiser kommentiert.

Die Giraffe mit dem Mann am Hals vor Hagenbecks Tierpark hat eine heftige Diskussion ausgelöst. Die Linke in Eimsbüttel fordert, das Kunstwerk zu beseitigen. Weil der Mann eine dunklere Gesichtsfarbe hat, sprechen die Bezirkspolitiker von Rassismus. Die Bronzefigur des bekannten Künstlers Stephan Balkenhol war aber noch hell, als sie vor fast 20 Jahren aufgestellt wurde, und ist erst mit der Zeit nachgedunkelt. Sie zeigt nach Aussage des Künstlers keinen Schwarzen, sondern einen Jedermann. Die Linke fordert weiter Konsequenzen.

Ein Kommentar von Daniel Kaiser

Die Linke blamiert sich - uninformiert, aber dafür laut. Nicht von Balkenhols harmloser Giraffen-Figur geht eine Gefahr aus, sondern von Politikern, die ein erkennbar gebrochenes Verhältnis zu freier Kunst und Kultur haben, und die Kunstwerke abreißen wollen, weil sie sie nicht verstehen oder nicht mögen. Die Linke nennt die Skulptur eine "kulturelle Fehlleistung". Offenbar soll die Kultur nach Meinung der Linken etwas leisten. Das ist ein seltsames Verständnis von Kultur, die man aus Demokratien eher nicht kennt.

Giraffenmann: "Hysterie kein guter Ratgeber"

NDR 90,3 - Der Hamburg-Kommentar -

Die Giraffe mit dem Mann am Hals vor Hagenbecks Tierpark hat eine heftige Diskussion ausgelöst. Die Linke in Eimsbüttel fordert, das Kunstwerk zu beseitigen. Daniel Kaiser kommentiert.

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Rassismus-Debatte: Hysterie schlechter Ratgeber

Wie bei der Diskussion um den Berliner U-Bahnhof Mohrenstraße, der in Glinkastraße umbenannt werden sollte, bis man herausfand, dass Glinka ein veritabler Antisemit war, zeigt auch der Streit um den Giraffenmann, dass in der Rassismus-Debatte Aktionismus und Hysterie keine guten Ratgeber sind. Indem die Eimsbütteler Linke zum Bildersturm gegen die harmlose Giraffenfigur aufruft, ohne die ganze Geschichte zu kennen, schadet sie dem Kampf gegen Rassismus, weil man solche radikalen Forderungen nicht ernst nehmen muss. Der Kampf gegen Rassismus ist aber nicht radikal. Er sollte Alltag sein. Das Thema ist zu wichtig.

Weit entfernt von Gleichbehandlung

Hamburgerinnen und Hamburger mit weißer Hautfarbe machen sich kein Bild davon, was Hamburgerinnen und Hamburger mit dunklerer Haut bis heute erleben. Da wird beleidigt, gestarrt, gepöbelt und wildfremde Menschen fassen ihnen ins Haar. Von Gleichbehandlung sind wir weit entfernt. Hamburg hat viele Zeugnisse seiner rassistischen und kolonialen Geschichte, die die Stadt reich gemacht hat: Denkmäler, Straßennamen, der Tansania-Park in Jenfeld, die Schimmelmannstraße, benannt nach einem Sklavenhändler. Auch eine Erinnerung an die Völkerschauen bei Hagenbeck, bei denen Schwarze vorgeführt wurden wie im Zoo, tut Not.

Kulturbehörde hätte Stellung nehmen müssen

Ja - und auch über den XXL-Bismarck am Hafen müssen wir neu nachdenken. Das sind die Baustellen. Balkenhol ist es wirklich nicht. Und es wäre schön gewesen, wenn sich die Kulturbehörde noch klarer in dieser Frage positioniert und sich nicht weggeduckt hätte. Wir brauchen dringend eine Diskussion über Rassismus, über Denkmäler und Kunstwerke - aber bitte mit mehr Fakten und weniger Gefühl.

Weitere Informationen

Kritik an Giraffen-Skulptur bei Hagenbeck

Ein Mann mit schwarzem Gesicht klettert auf einem Giraffenhals: Ist die Skulptur vor dem Tierpark Hagenbeck ein Fall von Alltagsrassismus? Die Linke will sie entfernen lassen. mehr

NDR 90,3

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 11.07.2020 | 08:40 Uhr

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