Stand: 24.01.2020 19:03 Uhr

Kommentar: Der Wahlkampf der Gesichter

von Dietrich Lehmann, NDR 90,3

Es ist nicht mehr zu übersehen: Die heiße Phase des Wahlkampfs vor der Bürgerschaftswahl am 23. Februar hat begonnen. Großplakate hängen an Hauswänden und stehen auf Verkehrsinseln, Straßenbäume und Laternen sind mit kleineren Aufstellern zugepflastert. Ein Kommentar von Dietrich Lehmann.

Dietrich Lehmann im Studio von NDR 90,3 © NDR Foto: Marco Peter
Dietrich Lehmann kommentiert den Wahlkampf in Hamburg.

Das ist ein Wahlkampf der Gesichter - und weniger der Themen. Schade. Auf den Postern der Grünen sind kaum inhaltliche Positionen. Pardon, auf den Postern von Spitzenkandidatin Katharina Fegebank. Die Bürgermeisterkandidatin verzichtet sogar auf das Logo der Grünen-Partei. Aber auch SPD und CDU setzen voll auf die Gesichter ihrer Spitzenkandidaten. Bürgermeister Peter Tschentscher präsentiert sich in einem Werbespot, wie er ein großes Steuerrad in der Hand hält und sagt, er habe die ganze Stadt im Blick. Auf den CDU-Plakaten schaut Marcus Weinberg die Hamburger frontal an, mit der knackigen Aufforderung: "Weinberg wählen!"

Kleinere Parteien haben es schwerer

Die kleineren Parteien mit ihren weniger bekannten Spitzenleuten haben es da schwer. Etwa FDP-Spitzenkandidatin Anna von Treuenfels, die mit Lederjacke und vom Winde verwehten Haaren sagt: "Die Mitte lebt." Nur AfD und Linke verzichten weitgehend auf die Konterfeis ihrer Spitzenleute, werben mit Stichworten wie "hanseatisch" und "unbequem" oder "Hamburg für alle". Mir ist das alles zu wenig, zu wenig Diskurs über die Ziele und Pläne für Hamburg.

SPD bei jüngster Umfrage vorn

Klar: Blickt man auf die jüngste NDR Umfrage in dieser Woche, dann scheint das Kalkül bei der SPD und auch bei der CDU erst einmal aufzugehen. Die Sozialdemokraten haben jetzt einen Vorsprung von fünf Prozentpunkten vor den Grünen, auch die CDU legt leicht zu. Nur: Im Vergleich zur letzten Bürgerschaftswahl liegt die SPD nach wie vor klar im Minus. Die Grünen können ihr Ergebnis dagegen mehr als verdoppeln. Sie profitieren vor allem davon, dass Umwelt-Themen bundesweit Hochkonjunktur haben.

Grüne holen sich Unterstützung aus Berlin, die SPD kaum

Aus Sicht der Grünen macht es da durchaus Sinn, sich Unterstützung der derzeit erfolgreichen Bundesspitze zu holen - Robert Habeck und Annalena Baerbock haben in den kommenden Wochen so viele Wahlkampftermine in Hamburg, dass sie sich hier eigentlich schon ein WG-Zimmer nehmen könnten. Die SPD macht es genau umgekehrt, sie verzichtet auf die neuen linkslastigen Bundesvorsitzenden, lädt nur jüngere Hoffnungsträger aus der Riege der Bundesministerinnen ein, wie Franziska Giffey oder Svenja Schulze. Bezeichnend auch: Tschentschers Vorgänger Olaf Scholz ist nicht eingeplant. Mit keinem einzigen offiziellen Termin in Hamburg.

Personalisierung versus Inhalte

Dass die meisten Parteien im Wahlkampf auf ein oder wenige Gesichter setzen, ist verständlich: Politik braucht Personen, braucht Gesichter, mit denen sich die Wähler identifizieren oder auch nicht. Aber dahinter muss auch ein Programm, ein Plan stehen, nicht nur ein austauschbarer Slogan aus dem Katalog der Werbewirtschaft.

Wir Wähler haben mehr Inhalt verdient. Nur dann können wir fundiert in vier Wochen entscheiden, welchem Kopf auf den Wahlplakaten wir die Stadt in den kommenden Jahren anvertrauen. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 25.01.2020 | 08:40 Uhr

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