Sendedatum: 15.08.2020 08:40 Uhr

Kommentar: "Die Dinge dürfen nicht stehen bleiben"

von Annette Matz

In dieser Woche hat ein Hamburger Kulturthema für bundesweite Empörung gesorgt. Anlass war die Ausladung einer umstrittenen Künstlerin vom Harbour Front Literaturfestival. Für Annette Matz aus unserer Kulturredaktion geht es aber noch um viel mehr. Unser Hamburg Kommentar.

Kennen Sie Lisa Eckhart? Ich bis vor gut einer Woche nicht. Seitdem höre, sehe oder lese ich jeden Tag von ihr. Und das liegt daran, dass die 27-jährige Kabarettistin aus Österreich, für einen handfesten Hamburger Kulturskandal gesorgt hat. Lisa Eckhart wird schon länger immer wieder Antisemitismus und Rassismus vorgeworfen. Es gab Proteste gegen ihre Lesung beim Harbour Front Literaturfestival. Sie wurde erst eingeladen, dann wieder wegen Sicherheitsbedenken ausgeladen, wieder eingeladen. Dann wollte die Künstlerin nicht mehr.

So weit, so blamabel. Aber eigentlich geht es auch um was ganz anderes. Es geht darum, was man sagen darf. Und was nicht. Und wo die Grenzen sind. Man darf in unserem Land sagen, dass die Kanzlerin ein Echsenmensch ist. Dass der Klimawandel eine Erfindung der Chinesen ist. Und Corona sowieso frei erfunden. Man wünschte sich zwar, dass Leute nicht auf solche Gedanken kämen, aber bitte.

Wo ist die Grenze?

Dann gibt es Gedanken, die zu äußern schlichtweg verboten ist. Das Leugnen des Holocaust zum Beispiel. Lisa Eckhart sagt: Erhebt man Antisemitismus und Rassismus zum Tabu? Oder degradiert man sie zum Witz? Antwort: "Ich bin immer auf der Seite des Humors." Klare Ansage. Ein Fan von Lisa Eckhart werde ich trotzdem nicht. Wo ist die Grenze, ab wann darf man nicht mehr sagen, was man denkt?

Diskussion ist Demokratie

Weitere Informationen
Kabarettistin Lisa Eckhart  Foto: Andre Havergo

Scharfe Kritik von Lisa Eckhart an Harbour Front

Erst wurde Lisa Eckhart vom Harbour Front Literaturfestival aus- dann wieder eingeladen. Im Gespräch erklärt die österreichische Kabarettistin ihre Gründe für eine endgültige Absage. mehr

Was ich richtig gut finde, an dem Fall Eckhart: Dass sich so viele einmischen, dass die Dinge nicht stehen bleiben. Dass über Meinungsfreiheit geredet wird. Und darüber, dass sie nicht bedroht werden darf. Leute melden sich zu Wort, diskutieren, machen sich Gedanken. Das ist Demokratie. Und da hat Regula Venske vom Schriftstellerverband PEN Recht: Für den Straftatbestand der Volksverhetzung, die manche bei einem Eckhart-Auftritt befürchten würden, sei die Justiz zuständig.

Alles andere darf und muss man selbst entscheiden: Hör ich mir den Verschwörungskram beim Wein mit an oder kündige ich die Freundschaft? Ist dieser Witz noch witzig oder menschenverachtend? Lache ich mit oder stehe ich auf.

Weitere Informationen
Lisa Eckhart © picture alliance/dpa Foto: Daniel Karmann

Harbour Front Literaturfestival: Eckhart lehnt erneute Einladung ab

Die Ausladung der Kabarettistin Lisa Eckhart vom Harbour Front Literaturfestival in Hamburg ist der literarische Skandal des Jahres. Eine erneute Einladung der Festival-Leitung lehnte Eckhart ab. mehr

Hamburger Rathaus mit blauem Himmel © digiphot - MEV-Verlag Germany

Der Hamburg-Kommentar - Sonnabend bei NDR 90,3

Jeden Sonnabend um 8.40 Uhr kommentiert die Aktuell-Redaktion von NDR 90,3 das politische Geschehen in Hamburg. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 15.08.2020 | 08:40 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Stellwände und abgetrennter Gang im neuen Impfzentrum © NDR/Anna Rüter

Corona: Noch 20.000 freie Termine im Hamburger Impfzentrum

Menschen der Priogruppen 1 bis 3 können sich dort einen Termin holen. Die Priorisierung könnte auch hier bald fallen. mehr