Stand: 14.06.2020 06:30 Uhr  - NDR Info

Kieler Straße: Eine Hamburger Verkehrs- und Lebensader

Richtig leise ist es an der Kieler Straße in Hamburg eigentlich nie. Zu den Stoßzeiten am Morgen und am Nachmittag wird die große Ein- und Ausfallstraße regelmäßig zum Stau-Schauplatz. Dann reihen sich die vielen Pendler Stoßstange an Stoßstange. Im Nordwesten der Metropole führt sie in die Stadt hinein und mündet nach etwa sechs Kilometern in den Stadtteil Altona. Doch die Menschen wollen hier nicht nur so schnell wie möglich durchfahren. Es gibt auch viele, die in und an der Kieler Straße wohnen und arbeiten.

Ein Fahrradfahrer ist auf der Kieler Straße von Autos umringt © picture-alliance/dpa Foto: Daniel Reinhardt
Gerade zu Stoßzeiten herrscht dichter Verkehr auf der Kieler Straße.

Die Kieler Straße beginnt an einer Kreuzung in Hamburg-Altona und erstreckt sich bis zum nordwestlichen Stadtrand. Zunächst führt sie kurz weiter durch Altona und dann durch Eimsbüttel. Wo die Stadtteile aneinandergrenzen, taucht am Straßenrand ein verwinkelter, funktional gebauter Bürokomplex auf. Darin ist unter anderem ein Supermarkt untergebracht, vor dem Jan Philip Scheibe steht, ein Landschafts- und Performance-Künstler. Gerade habe er hier einen wildfremden Mann getroffen, berichtet er, und der habe dem Künstler mal eben in Kurzform seine Lebensgeschichte erzählt.

Jan Philip Scheibe hat direkt an der Kieler Straße sein Atelier. Überall auf der Welt veranstaltet er Gruppen-Rundgänge durch die Natur und verweilt zwischendurch kurz unter seiner leuchtenden tragbaren Straßenlaterne. Seit neun Jahren setzt Scheibe damit verschiedene Landschaften in ein neues Licht. Im Sommer 2019 habe er das auch in der Kieler Straße gemacht. Eine Besuchergruppe von 20 bis 40 Leuten hätte seinen Geschichten über die Kieler Straße gelauscht, während er unter der Straßenlaterne stand.

Performance entlang der Kieler Straße

Entwickelt hat der 47-Jährige seinen Rundgang an der Kieler Straße für das Kulturprogramm des fünftägigen "Bauforums", einer Art Thinktank der Raumplanung. Dazu lädt die Hansestadt in unregelmäßigen Abständen internationale Planungsbüros ein, die visionäre Bau-Modelle unter einem Oberthema entwerfen sollen. Diesmal war es - auch vor dem Hintergrund des Wohnungsmangels - um ausgewählte Hamburger Hauptverkehrsstraßen gegangen. Diese sogenannten Magistralen, zu denen auch die Kieler Straße gehört, gelten bisher in großen Teilen als wenig wohnlich. Das soll sich ändern. Ob und wann die Ideen der Planungsbüros einmal Wirklichkeit werden, steht in den Sternen.

Wohnen an der Hauptverkehrsstraße

Ehepaar Henning am Esstisch mit Blick auf Kieler Straße © NDR Foto: Norbert Zeeb
Seit fünf Jahren wohnt das Rentner-Ehepaar Henning an der Kieler Straße.

Dabei ist an der Kieler Straße in den vergangenen Jahren durchaus neuer Wohnraum entstanden. Rentner Klaus-Jürgen Henning wohnt seit fünf Jahren mit seiner Frau Christa direkt an der Kieler Straße, als Erstbezieher in einem neu gebauten Eckhaus mit insgesamt 55 Wohnungen. Vorher lebten der 78-Jährige und seine Frau sehr lange im Heußweg, einer Straße mitten im quirligen Viertel Eimsbüttel. "Also, wir sind zufrieden", erklärt er. Jetzt hätten sie einen Fahrstuhl. Die vier Etagen zu ihrer Wohnung im Heußweg seien für seine Frau schlimm gewesen.

Da die Fassade nach Südwesten ausgerichtet ist, haben die Hennings außerdem viel Licht in ihrer neuen Wohnung. Und wegen der massiven Schalldämmung sei es drinnen ganz leise. Wenn sie allerdings vor die Tür gehen, fehle ihnen die alte Nachbarschaft, erzählt Klaus-Jürgen Henning. "Im Heußweg war natürlich mehr Leben. Also, wenn man rausgegangen ist, gab es Cafés, Kneipen. Das ist hier natürlich nicht der Fall. Wenn man jetzt geradeaus geht Richtung Innenstadt, ist ja alles trist. Da ist nichts."

Nachverdichtung trotz 76.000 Fahrzeugen pro Tag

Verkehr an der Kreuzung Kieler Straße, Sportplatzring © NDR Foto: Norbert Zeeb
In Zeiten der Corona-Pandemie ist es an der Kieler Straße etwas ruhiger.

Draußen an der Kreuzung Kieler Straße-Sportplatzring ist es nach der Lockerung der Corona-Auflagen wieder laut geworden. An Werktagen nutzen bis zu 76.000 Fahrzeuge die Kieler Straße. 14.000 Menschen wohnen rund um die Magistrale, obwohl der Straßenlärm hier in der Spitze 75 Dezibel beträgt. Die Luftbelastung liegt bei 43 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft, drei Mikrogramm über dem EU-Grenzwert, aber die Werte sind seit Jahren rückläufig.

Der Immobilien-Entwickler Peter Jorzick hat als Geschäftsführer der Firma Hamburg Team das Haus geplant, in dem das Rentner-Ehepaar Henning wohnt. Ein Gebäude mit Wohnungen speziell für Seniorinnen und Senioren, öffentlich gefördert, mit geringen Mieten. Diese seien inspiriert vom Wohnungsbau der 20er-Jahre in Hamburg. Jorzick betont, dass er mit dem Mietshaus ganz bewusst keinen Profit erwirtschaften wolle. Für ihn ist es eher der gebaute Beweis dafür, dass gesundes, lebenswertes Wohnen auch in lauten, dreckigen Hauptverkehrsstraßen möglich ist.

Die Schallwellen der Kieler Straße schlucken eine massive Dämmung und dicke Mauern. Die Fenster sind relativ klein, dafür gibt es in den Wohnungen ein ausgefeiltes Lüftungssystem. Auch wenn es erkennbar schwierig ist: Immobilien-Entwickler Jorzick sieht bei vielen Flächen, die an Magistralen wie die Kieler Straße grenzen, die Möglichkeit, neuen Wohnraum zu schaffen, also "nachzuverdichten".

Künstler Jan Philip Scheibe auf "Magistralen Safari" vor dem Hanseaten Haus, Kieler Straße © NDR Foto: Jan Philipp Reihe

AUDIO: Kieler Straße (29 Min)

Kleingärten und ein Autobahndeckel

Schrebergarten im Kleingartenverein Gartenfreunde Wittkamp am Spannskamp nahe der Kieler Straße und der Kleingärtner Nils Selke © NDR Foto: Norbert Zeeb
Einige Kleingärten in der Nähe der A7 sollen umgesiedelt werden.

Der Kleingartenverein "Gartenfreunde Wittkamp" liegt etwa 200 Meter von der Kieler Straße entfernt, am Spannskamp: 60 Parzellen, alte, individuell gestaltete Lauben, Obstbäume. Nils Selke hat seinen Garten von seiner Oma übernommen. "Man hört die Tiere, die Vögel zwitschern, hier lebt ein Hahn in der Nachbarschaft. Es ist sehr idyllisch hier", meint Selke. Doch viele Sommer wird er diesen Garten nicht mehr genießen können. Die Stadt hat das Gelände für den Wohnungsbau eingeplant. Die Schrebergärten sollen auf den Deckel umgesiedelt werden, der gerade über die nahegelegene A7 gebaut wird.

Zwar soll der Verein in der Nähe bleiben und wohl ausreichend Fläche über dem Autobahnabschnitt in Stellingen erhalten. Dennoch sorgt die Aussicht, ihre über Jahrzehnte angepflanzten Gärten am Spannskamp aufgeben zu müssen, bei vielen Kleingärtnern für großen Frust, wie Selke erzählt. Doch er sehe es pragmatisch und versuche, sich mit dem Gedanken anzufreunden: Besser einen Schrebergarten auf dem A7-Deckel als keinen Garten.

Großprojekt A7: Von der Asphaltwüste zum "Grün"-Deckel

Blick durch ein Stahlgitter von der Kieler Straße runter auf die A7 © NDR Foto: Norbert Zeeb, Claas Christophersen
Unter dem noch nackten Deckel über die A7 läuft bereits der Verkehr.

An der Anschlussstelle Stellingen ist unter der Brücke über der A7 bereits ein nackter Betondeckel zu sehen, der die Fahrbahn überwölbt. Holger Djürken-Karnatz von der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen ist für die Gesamtplanung des Deckelprojekts zuständig. Er zeigt auf die Lärmschutzwände, die noch vor den Häusern auf der anderen Seite der Autobahn aufgebaut sind. Sie sollen einmal durch Hecken ersetzt werden, wenn der Deckel fertig - und danach, so ist es geplant - begrünt sein wird. "Das ist natürlich ein großer Anteil an Stadtreparatur, an neuer Flächengewinnung, Grünflächen, die neu entstehen auf einem fließenden Verkehr in Zukunft", erklärt Holger Djürken-Karnatz. Weitere Deckel-Abschnitte sind noch an zwei anderen Stellen der Autobahn im Stadtgebiet geplant oder bereits fertiggestellt.

Die Idee für die grünen Deckel entstand in Hamburg, als der Bund beschloss, die A7 vierspurig auszubauen und so neue Lärmschutzmaßnahmen notwendig wurden. Voraussichtlich 300 Millionen Euro wird alleine der Deckel hier in Stellingen kosten, hauptsächlich finanziert vom Bund, aber mit Beteiligung der Hansestadt. Die Fertigstellung ist für Ende 2022 geplant.

Kunst an der Kieler Straße

Hotel Helgoland, Kieler Straße: Künstler Jan Philip Scheibe auf "Magistralen-Safari", liest vor Publikum © Jan Philipp Reihe Foto: Jan Philipp Reihe
Künstler Jan Philip Scheibe auf "Magistralen-Safari" liest vor Publikum.

Performance-Künstler Jan Philip Scheibe steht auf dem Vorplatz des Hotels Helgoland und trägt aus einem der Texte vor, die er für seinen Gruppenrundgang mit Straßenlaterne anlässlich des Hamburger "Bauforums" geschrieben hat.

Ein Blick in die Fenster verrät die gute Bodenständigkeit der alten Tante BRD. Kugelleuchten mit Messingarmaturen, Eichentheke mit Turm-Zapfhahn aus Keramik. In der Auslage an der Rezeption liegt die "Freizeit-Revue". Jan Philip Scheibe

Immer wieder vermischt Jan Philip Scheibe in seinem Text die Beschreibung des Hotels, das den Namen der Hochseeinsel trägt, Eindrücke aus der Kieler Straße und seine Begeisterung für die raue Natur der echten Insel Helgoland.

Dieser weltabgewandte Strand mit den rollenden Kieseln und dem dazugehörigen Geräusch ist das Gegenstück zum Treiben auf den Straßen der Stadt. Im Sommer leuchten die Wolken manchmal weit nach Sonnenuntergang, wenn man die Kieler Straße stadtaus gen Nordnordwest schaut. Jan Philip Scheibe

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Die Reportage | 14.06.2020 | 06:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Szene aus dem Spiel HSV - Düsseldorf © Witters Foto: Valeria Witters

Terodde und eine starke Abwehr: HSV besiegt Düsseldorf

Der Hamburger SV ist mit einem Sieg in die neue Zweitliga-Saison gestartet. Trainer Daniel Thioune stellte nach dem Pokal-Aus beherzt um und wurde für seine Entscheidungen belohnt. mehr

Autos fahren in und aus dem Elbtunnel in Hamburg. © picture alliance / dpa Foto: Ulrich Perrey

A7 mit Elbtunnel am Wochenende gesperrt

Vollsperrung auf der Autobahn 7: Bis Montagmorgen um 5 Uhr dürfen zwischen Hamburg-Volkspark und -Heimfeld für 55 Stunden keine Autos fahren. Die gesperrte Strecke schließt den Elbtunnel ein. mehr

Katharina Fegebank bei einem Kleinen Parteitag der Hamburger Grünen am Rednerpult. © picture alliance / dpa Foto: Georg Wendt

Genehmigung von Heizpilzen sorgt für Streit bei Grünen

Die Hamburger Grünen haben bei ihrem Kleinen Parteitag über die angekündigte Zulassung von Heizpilzen gestritten. Bezirkssenatorin Fegebank verteidigte die Entscheidung gegen Kritik. mehr

Andreas Dressel (SPD), Finanzsenator von Hamburg, nimmt an der Sitzung der Hamburgischen Bürgerschaft im Rathaus teil. © picture alliance/dpa Foto: Daniel Reinhardt

Dressel: Keine politische Einflussnahme im Steuerfall Warburg Bank

Die Cum-Ex-Geschäfte der Warburg Bank waren Thema im Haushaltsausschuss. Hamburgs Finanzsenator Dressel sagte, eine politische Einflussnahme auf den Steuerfall habe es nicht gegeben. mehr