Stand: 16.02.2020 13:01 Uhr

Kaum noch Stinte in der Elbe

Stirbt der Stint, dann stirbt die gesamte Fauna, heißt es bei den Fischern entlang der Elbe. Denn der kleine silberne Fisch, der im ausgehenden Winter zum Laichen die Elbe hochzieht, dient anderen Tieren als Nahrungsgrundlage. Vor zehn Jahren, sagt Fischer Lothar Bukow aus Jork, habe er während der Saison an einem Tag noch etwa 500 Kilogramm Fisch gefangen, in diesem Jahr sind es weniger als 50 Kilogramm am Tag.

VIDEO: Stint-Bestände schwinden: Elbfischer in Sorge (3 Min)

Leere Netze trotz Hochsaison

Zwischen Hahnöfersand und Neßsand hat Fischer Bukow seine Netze ausgelegt. Seit 36 Jahren ist er fast täglich auf dem Wasser als Berufsfischer. Es hat drei Grad und regnet, doch gerade jetzt ist Hochsaison für Stinte. Trotzdem werden die Netze nicht voll.

"Die Arbeit, ob ich nun 500 Kilo Fisch fange oder 50, ist ja immer die gleiche", sagt Bukow. "Ich liege hier Tag und Nacht und es macht eben keinen Spaß mehr wenn man gar nichts fängt."

Elbvertiefung und Sauerstofflöcher

Den übrigen Fischern zwischen Elbmündung und Geesthacht geht es ähnlich. Sie machen unter anderem die letzte Elbvertiefung dafür verantwortlich - und die laufenden Schlick-Baggerungen, die den Tod für viele Fischlarven bedeuteten. Die Menge Schlick, die Hamburg im vergangenen Jahr aus dem Hafen und der Elbe gebaggert hat, ist im Vergleich zu 2018 um mehr als zehn Prozent auf rund 7,8 Millionen Kubikmeter gestiegen. Das geht aus einer Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage der CDU hervor. Knapp die Hälfte des Schlicks ist in der Nordsee verklappt worden, der Rest wurde bei Nessand in die Elbe gekippt.

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Haben sich auf der Elbe in den letzten zehn Jahren die Maßstäbe verschoben? © NDR/Ulrich Patzwahl

Elbvertiefung ohne Ende

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Auch sogenannte Sauerstofflöcher ließen die Fische verenden, so die Fischer. Sicher sei das aber nicht, sagt Jan Dube, Sprecher der Hamburger Umweltbehörde. "Wir haben seit zwei Jahren Hinweise und Beobachtungen, dass die Bestände zurückgehen und werden dem jetzt mit Studien und weiteren Untersuchungen nachgehen", sagt Dube. Allerdings hatte die Stadt bereits vor fast einem Jahr ein großes Monitoring-Programm für den Stint angekündigt - gestartet ist das bislang aber nicht.

Hafenwirtschaft gegen Umweltbelange

Hamburgs Behörden müssen seit vielen Jahren die Spannung zwischen den Interessen der Hafenwirtschaft und Umweltbelangen austarieren. Umweltschützer, Wissenschaftler und auch die Fischer befürchten nun aber, das Ökosystem der Elbe könnte komplett kippen und die Fischbestände noch weiter einbrechen.

"Ich hoffe, dass das saisonale Dinge sind und dass sich der Fischbestand in der Elbe wieder positiv entwickeln wird", sagt Jens Meier von der Hamburg Port Authority. Denn die Elbe sei den vergangenen zehn Jahren "sauberer geworden, die Elbe ist als Lebensraum besser geworden in der Qualität."

Warenkunde
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Fischkundler fordert Schonzeiten

Professor Ralf Thiel ist Fischkundler an der Uni Hamburg. Er fordert ein Umdenken der Politik und Schonzeiten für den Stint. Denn: "Die Stintbestände werden weiter abnehmen", sagt er. "Wenn man das Vorsorgeprinzip einfach zu Grunde legt, könnte ich mir vorstellen, dass man in den sensiblen Bereichen, das ist genau der Bereich zwischen dem Mühlenberger Loch und der Lühesander Süderelbe, während des Laichzuges des Stintes und während seiner Aufwuchsphase keine Bagger-Aktivitäten durchführt."

Zu wenig Stint im Netz

Nach 14 Stunden auf dem Wasser holen Fischer Bukow und sein Mitarbeiter an diesem Tag gerade einmal 15 Kilo Stinte in den Kutter. Noch verkauft und verarbeitet Lothar Bukow den Fang im eigenen Fischladen. In diesem Jahr wird er 63 Jahre alt. Ein Nachfolger für seinen Betrieb ist nicht in Sicht.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 16.02.2020 | 19:30 Uhr

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