Stand: 06.01.2020 20:20 Uhr

KZ-Prozess: Nebenkläger im Zwielicht

Im Hamburger Prozess um den früheren KZ-Wachmann Bruno D. ist am Montag ein Nebenkläger und angeblicher Zeuge vorübergehend in den Blickpunkt gerückt. Nach einem "Spiegel"-Bericht bestehen Zweifel daran, dass der 76-jährige Moshe Peter Loth, wie vor Gericht behauptet, im KZ Stutthof inhaftiert war. Der aus den USA angereiste Loth hatte im November für Aufsehen gesorgt, weil er nach seiner Aussage auf den angeklagten 93-Jährigen zugegangen war - beide hatten sich dann umarmt.

War Loth gar nicht im KZ?

Peter Loth aus Florida (USA) gibt nach dem Prozesstag vor dem Landgericht im Strafjustizgebäude ein Interview. © picture alliance/Christian Charisius Foto: Christian Charisius
Moshe Peter Loth kam zum Prozess aus den USA. Mit den Worten "Passen Sie alle auf! Ich werde ihm vergeben." hatte er den Angeklagten im November umarmt.

Loth hatte ausgesagt, er sei nach seiner Geburt am 2. September 1943 als Baby mit seiner jüdischstämmigen Mutter in dem Konzentrationslager bei Danzig inhaftiert gewesen. Nach Recherchen des "Spiegel" gibt es jedoch keine Hinweise auf jüdische Vorfahren Loths. Seine Mutter sei zwar als Schwangere vier Wochen als "Erziehungshäftling" in Stutthof gewesen. Eine zweite Inhaftierung bei oder nach seiner Geburt habe es aber vermutlich nie gegeben. Sollte diese Darstellung zutreffen, könnte Loth seinen Status als Nebenkläger verlieren.

"Pathologische Selbstinszenierung"

Die Vorsitzende Richterin sagte, die Strafkammer werde die Unterlagen Loths gründlich prüfen. Ein anderer Opfervertreter sprach davon, dass die Vorwürfe einen Schatten auf den Prozess werfen würden. Der Anwalt einer Nebenklägerin sprach gegenüber dem Hamburg Journal von einer "pathologischen Selbstinszenierung". Die Anwälte des Amerikaners sagten, sie hätten nach dem Bericht das Gericht kontaktiert und weitere Unterlagen eingereicht. Der Bericht des "Spiegel" sei recht vage gehalten, so einer der Vertreter Loths.

Historiker belastet den Angeklagten

Der ehemalige SS-Wachmann wird von einem Justizbeamten in einem Rollstuhl geschoben, er hält sich eine gelbe Mappe vor das Gesicht. © dpa/picture alliance Foto: Georg Wendt/dpa
Bruno D. ist wegen Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen angeklagt. Er bestreitet eine Beteiligung am Holocaust.

In dem Prozess vor dem Hamburger Landgericht geht es um den 93-jährigen Bruno D. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen vor. Als SS-Wachmann im KZ Stutthof soll er zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben. Zu Beginn seines Prozesses hatte er behauptet, er habe damals keine Wahl gehabt. Den Einsatz in Stutthof hätte er nicht verweigern können.

Am Montag sagte ein Historiker aus und widersprach dem Angeklagten. Der Sachverständigte Stefan Hördler sagte, Bruno D. hätte sich damals dem Dienst im Konzentrationslager Stutthof entziehen können. Der Angeklagte sei bei seinem Einsatz in Stutthof Wehrmachtssoldat gewesen. Erst zwei Monate später, im September 1944, gehörte er der SS an. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte er beantragen können, in eine Einheit der Wehrmacht zurückversetzt zu werden. Der Historiker soll am nächsten Verhandlungstermin seine Aussage fortsetzen.

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Der 93 Jahre alte ehemalige SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof sitzt vor Beginn eines weiteren Prozesstages im Sitzungssaal des Landgerichts. © picture alliance/Christian Charisius Foto: Christian Charisius

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Der ehemalige KZ-Wachmann Bruno D. hält sich im Prozess in Hamburg eine Mappe vor sein Gesicht, er sitzt im Rollstuhl. © picture alliance/dpa Foto: Axel Heimken/dpa

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 07.01.2020 | 06:00 Uhr

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