Stand: 28.08.2020 10:40 Uhr

Integration in Neugraben-Fischbek: Mehr Neben- als Miteinander

von Susanne Röhse

2015 haben Tausende Menschen in Deutschland Schutz gesucht - viele auch in Hamburg. Die Stadt plant damals in jedem der sieben Bezirke eine Großunterkunft. In Neugraben-Fischbek will sie zunächst eine Bleibe für bis zu 5.000 Geflüchtete errichten. Doch dagegen regt sich - wie überall in der Stadt - Widerstand. Die örtliche Bürgerinitiative erreicht, dass nur für 1.500 Geflüchtete gebaut wird. Wie funktioniert das Zusammenleben heute in dem Stadtteil?

Die Fahrradwerkstatt in der Flüchtlingsunterkunft "Am Röhricht" in Neugraben-Fischbek.
Im Hamburger Stadtteil Neugraben-Fischbek sind die Flüchtlinge in roten Modul-Häusern untergebracht.

Im Südwesten von Hamburg, genauer im Stadtteil Neugraben-Fischbek, stehen dort, wo früher Wiesen waren, heute rote und graue Modul-Häuser - eine große Unterkunft für Geflüchtete. Auf einem großen Spielplatz nördlich der S-Bahnlinie spielen längst nicht mehr nur einheimische Kinder, sondern auch viele Flüchtlingskinder.

Verständigungsschwierigkeiten bei Erwachsenen

In der Unterkunft haben Ehrenamtliche eine kleine Fahrradwerkstatt eingerichtet. Alle 14 Tage hilft Manfred Wolff hier aus, er repariert dann selbst oder unterstützt bei Reparaturarbeiten. "Manchmal kommen hier junge Leute, Kinder, die sind sechs, sieben, acht Jahre alt. Mit denen kann man sich ganz normal unterhalten", berichtet Wolff. Bei den erwachsenen Geflüchteten hingegen hapere es mitunter doch sehr, was die Sprache angehe.

Neben ihm steht ein 52-jähriger Iraker, der wegen eines kaputten Kinderfahrrades hergekommen ist. Er bestätigt, dass es für ihn schwer ist, die deutsche Sprache zu erlernen - viel schwerer als für seine fünf Kinder. Die sprächen gut Deutsch, erklärt er stolz.

"Behörden sind kooperativer geworden"

Auch Frido Domroese unterstützt die Flüchtlinge, von denen die meisten aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Eritrea stammen. "Es gibt viele, die sich sehr gewundert haben, wie ruhig die Integration in den Unterkünften im gesamten Stadtteil vonstatten gesagt ist", sagt er. Seit vier Jahren begleitet Domroese die Geflüchteten bei Behördengängen. "Inzwischen habe ich den Eindruck, dass die Behörden sehr viel kooperativer geworden sind. Sehr viel hilfsbereiter", berichtet er. Auch wenn er natürlich nur für die ortsansässigen Behörden sprechen könne. Dass sie beispielsweise bei einem auszufüllenden Formular schon mal ein Kreuzchen machen würden - an der Spalte, die ausgefüllt werden müsse. Am Anfang sei das nicht der Fall gewesen.

Kritik: Zu wenig Ärzte

Dass es vorangeht, findet auch Sven Blum. Er handelte für die "Bürgerinitiative Neugraben-Fischbek" (BINF) den Bürgervertrag für den Stadtteil aus. Die mit der Stadt getroffenen Vereinbarungen - wie neue Kitas oder die Umwandlung von Unterkünften in regulären Wohnraum - sind zu 80 Prozent erfüllt, sagt er. Aber immer noch fehlten Ärzte im Stadtteil.

"Ich habe Schuldirektoren gehört, die haben gesagt, die Kinder können nicht mal mit einer U-Untersuchung in die Schule kommen, weil sie einfach keinen Termin beim Kinderarzt bekommen", berichtet Blum. Da hapere es noch sehr. Blum arbeitet weiter daran, dass der Vertrag erfüllt wird. Persönliche Kontakte zu Geflüchteten hatte er in den vergangenen fünf Jahren hingegen noch nicht. Warum kann er gar nicht mal sagen, man komme im Alltag - zwischen Arbeit, Kind und Kegel - einfach eher selten dazu.

Kaum private Kontakte

Die Fahrradwerkstatt in der Flüchtlingsunterkunft "Am Röhricht" in Neugraben-Fischbek.
Wegen Corona findet die Fahrradwerkstatt in der Flüchtlingsunterkunft "Am Röhricht" zurzeit jeden zweiten Dienstag statt.

Außerhalb der Fahrradwerkstatt hat auch Wolff kaum Gelegenheit, mit den Geflüchteten ins Gespräch zu kommen. Er wisse auch nicht, ob die das überhaupt wollen. Manchmal passierere das schon, dass man in Neugraben gegrüßt werde. "Da endet dann aber auch schon die Kontaktaufnahme", so Wolff.

Wenn Angela Merkel mit "Wir schaffen das" meinte, die Flüchtlinge unterzubringen und zu versorgen, dann haben wir es geschafft, bekräftigt Domroese. "Aber die Integration dieser doch sehr unterschiedlichen Kulturen, über alle Flüchtlinge betrachtet, das ist noch ein für mich steiniger harter Weg", sagt er. Die Frage, die er sich immer wieder stelle sei darum: Was hat die Kanzlerin genau damit gemeint?

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 31.08.2020 | 15:44 Uhr

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