Stand: 23.02.2019 08:40 Uhr

Kommentar: "Hamburg braucht seine Kirchen"

von Daniel Kaiser

Die Menschen laufen den Kirchen davon. In Hamburg ist die Zahl der Austritte in den beiden großen Kirchen im vergangenen Jahr um 16 Prozent gestiegen - auf 13.525. Das hat Folgen für die Stadt.

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Viele Probleme der Kirchen sind selbst verschuldet, meint Daniel Kaiser in seinem Kommentar.

Kirche in der Großstadt. Das war immer schon schwierig. Nicht nur in Hamburg. Aber viele Probleme sind auch selbst verschuldet. Wie das katholische Erzbistum in Hamburg mit den Schulschließungen umgegangen ist, war desaströs. Man wünscht dem Erzbischof deutlich mehr Gespür, wenn schon bald auch in Hamburg katholische Kirchen geschlossen werden müssen. Dazu kommt der gelinde gesagt unbeholfene Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema sexuelle Gewalt in den eigenen Reihen. Man muss als Katholik gerade wirklich gute Nerven haben.

Persönliche Bindung verringert Kirchen-Austritte

Die evangelische Kirche hat andere Probleme. Weihnachten sind die Gottesdienste voll, doch der Kirche misslingt es fast vollständig, Bindungen zu Menschen aufzubauen. Eine Studie der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) sagt, zugespitzt formuliert: Wenn ich meinen Pastor kenne und treffe, trete ich nicht aus.

Kirche macht sich selbst überflüssig

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Neben den großen Festgottesdiensten bleiben die Kirchen häufig leer.

Und doch wird an den falschen Enden gespart und etwa im Hamburger Kirchenkreis Ost in eine große bürokratische Zentrale mit Sonderpfarrstellen investiert, während in den kleinen Kirchengemeinden das Licht aus - und nur noch der Anrufbeantworter ran geht, weil die Pastorinnen und Pastoren überarbeitet und ausgebrannt sind. Die Kirche anonymisiert sich selbst. Und macht sich so komplett überflüssig.

Wir brauchen Kirchen in unserer Stadt

Mit Folgen: Jedes vierte Gebäude der Kirche im Kirchenkreis Ost wird in den kommenden Jahren wohl aufgegeben werden. Das ist schade. Denn ich glaube, wir brauchen die Kirchen auch in unserer säkularen Stadt. Weil sie für die Schwachen da sind und auf Gerechtigkeitslücken hinweisen. Weil sie, wenn es gut läuft, ein Gespür haben für das Richtige. Weil in manchen Stadtteilen die Kirchen die letzten Orte sind, an denen Kultur stattfindet.

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Der Kirchturm des "Michels", wie die evangelische Hauptkirche St. Michaelis von den Einheimischen genannt wird, prägt nicht nur die Silhouette unserer Stadt.

Weil Kirchengemeinden wichtige Plattformen für Engagement und Diskussionen sind - wie auf der Veddel und in St. Pauli. Kirche kann der Stadt gut tun. Es ist kein Zufall, dass Kirchtürme die Silhouette unserer Stadt prägen. Kirche kann ein Gesellschafts-Kitt sein. Vor allem aber als Kirche vor Ort. Als Kirche nebenan. Als Kirche im Dorf.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 23.02.2019 | 08:40 Uhr

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