Stand: 11.05.2019 08:40 Uhr

Kommentar: "Verkorkstes Gedenken in Hamburg"

von Daniel Kaiser

In Hamburg gibt es Streit darüber, wie man sich an die Nazi-Vergangenheit erinnern soll. Zum Beispiel am Stadthaus, der ehemaligen Gestapo-Zentrale, wo ein Shopping-Center entsteht. Auch der Zustand des Gedenkortes am Stephansplatz beim Dammtorbahnhof, wo gleich mehrere Denkmäler stehen, ist unwürdig, findet Daniel Kaiser.

Es wird abends hell angestrahlt, das Denkmal aus der Nazizeit für gefallene Soldaten des Ersten Weltkrieges. Ein Stück weiter steht ein Denkmal für die Opfer der Nazizeit, das seit Monaten im Dunkeln liegt.

Wenn es dunkel wird am Stephansplatz, dann marschieren die Soldaten wieder. Von all den Denkmälern, die da stehen, ist nachts nur der Kriegsklotz aus der Nazizeit hell angestrahlt. Man sieht die marschierenden Soldaten und den Spruch "Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen".

Opfer-Denkmal liegt im Dunkeln

Der Naziklotz, den viele aus guten Gründen am liebsten abreißen würden, leuchtet. Das Deserteursdenkmal nebenan, das an Opfer der Nazi-Militärjustiz erinnert, liegt im Dunkeln. Seit Monaten sind hier die Scheinwerfer kaputt. Auch die Tonspur ist seit Monaten defekt. Auf Knopfdruck werden dort eigentlich Opfernamen vorgelesen.

Bild vergrößern
Daniel Kaiser findet den Umgang der Hamburger Kulturbehörde mit dem Gedenken an die Nazizeit verstörend.

Jetzt, nachdem wir bei NDR 90,3 berichtet haben, hat die Kulturbehörde versprochen, dass der für den Ort verantwortliche Künstler die Anlage bis Ende nächster Woche repariert - nach mehr als einem halben Jahr. Man muss sich schon fragen, wie ernst es die Kulturbehörde eigentlich mit dem Gedenken an diesem Ort meint. Einfach ein paar behauene Steine hinzustellen, reicht nicht für eine sinnvolle, würdige Erinnerung.

Jahrelanger Widerstand gegen Denkmal

Jahrzehntelang hatte es gedauert, das Deserteursdenkmal am Stephansplatz gegen viele Widerstände durchzusetzen. Am Ende hat man sich für ein sehr intellektuelles, komplexes Bauwerk entschieden, das man eben nicht nur bauen, sondern auch beleuchten und erklingen lassen muss, damit es als Denkmal funktioniert. Und jetzt - nach nur dreieinhalb Jahren - ist es nur noch eine Denkmalbrache. Lieblos links liegengelassen.

Umstrittener Umgang mit dem Gedenken

So würdig und gelungen die KZ-Gedenkstätte Neuengamme ist, so ungeschickt agiert der Senat an zentralen Orten der Stadt, wenn es ums Gedenken geht. Die Mahnwache am 8. Mai vor dem Stadthaus, der ehemaligen Gestapo-Zentrale, hat ja gerade auch noch einmal daran erinnert, wie dort mit den Investoren um jeden Quadratmeter fürs Gedenken zwischen Café und Luxus-Shopping gefeilscht werden muss.

Gescheitertes Gedenken

So wie er jetzt ist, ist der Gedenkort am Stephansplatz gescheitert. Denkmäler aus verschiedenen Jahrzehnten stehen unübersichtlich und kaum mehr nachvollziehbar nebeneinander. Und nachts leuchten die falschen. Die Opfer bleiben im Dunkeln und stumm. Das ist beschämend.

Und selbst wenn es die Kulturbehörde tatsächlich schaffen sollte, dass auch das Opfermahnmal wieder beleuchtet wird, so ist der Vorgang doch ein Symptom dafür, dass der ganze Gedenkort verkorkst ist. Immer wieder sieht man ratlose Menschen vor den rätselhaften Mahnmalen stehen. Immer noch treffen sich hier Rechtsradikale. Die Umgebung wird wohl bald ohnehin neu gestaltet. Der Senat sollte sich ein Herz fassen und den Gedenkort Stephansplatz ganz neu erfinden. Am besten ohne Kriegsklotz.

Weitere Informationen

NS-Deportationen: Fotos und Erinnerungen gesucht

Mehr als 8.000 Juden sowie Sinti und Roma wurden während der NS-Zeit von Hamburg aus deportiert. Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme sucht nun nach Augenzeugen und Erinnerungsstücken. (08.05.2019) mehr

1938: Nazis eröffnen das KZ Neuengamme

Im Konzentrationslager Hamburg-Neuengamme und seinen Außenlagern starben während der NS-Zeit mehr als 40.000 Menschen. Am 12. Dezember 1938 wurde das Lager eröffnet. (11.12.2018) mehr

Gedenkort erinnert an NS-Opfer

Vom Hannoverschen Bahnhof in der heutigen Hamburger Hafencity wurden während der NS-Zeit Tausende Menschen in den Tod geschickt. Heute erinnert daran ein Gedenkort. (23.05.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Der Hamburg-Kommentar | 11.05.2019 | 08:40 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:20
Hamburg Journal
02:18
Hamburg Journal
01:57
Hamburg Journal