Stand: 22.12.2019 12:42 Uhr

Kulturbegleitung: Zu zweit ist besser als allein

Vorbereitungen für einen Abend im Kabarett: Michaela Jörn hat Karten für Alma Hoppes Lustspielhaus. Wegen ihrer geistigen Behinderung lebt sie in einer betreuten Wohngemeinschaft. Alleine traut sie sich einen solchen Ausflug nicht zu. "Wenn ich das alleine mache, dann habe ich Ängste", sagt sie. Das Projekt Hamburger Kulturschlüssel stellt ihr deshalb eine ehrenamtliche Begleitung zur Seite. Mit Nicole Stephan besucht sie jeden Monat eine Veranstaltung. Fast 5.500 solcher Kulturpaare gibt es inzwischen in Hamburg.

VIDEO: Kulturbegleitung für beeinträchtigte Menschen (3 Min)

"Hamburger Kulturschlüssel" vermittelt

Das Ziel des Hamburger Kulturschlüssels ist es, ganz unterschiedliche Menschen über Kultur zusammenzubringen. Michaela Jörn und Nicole Stephan haben sich über die Zeit gut kennengelernt. "Sie kann schön trösten, wenn ich Angst habe, ich habe ja Angstzustände", erklärt Michaela Jörn. "Ich mag an Michaela, dass sie fröhlich, unternehmungslustig ist und mutig auf Menschen zu geht", fügt Nicole Stephan hinzu.

Bei Alma Hoppe sind die beiden Frauen regelmäßig zu Gast. Unterwegs plaudern sie gern miteinander. "Heute ist Thema Weihnachten, heute gibt es was Neues", sagt Nicole Stephan. "Merry Christmas?", fragt Michaela Jörn. "Vielleicht auch auf englisch. Willst du mitsingen?". Und Michaela Jörn singt: "Merry Christmas, I give you my heart."

Zwei Frauen laufen im Dunklen.
Lieber gemeinsam: Michaela Jörn und Nicole Stephan sind auf dem Weg zu Alma Hoppes Lustspielhaus.
Mehr als 5.000 Paare

Frank Nestler hat den Überblick über die mehr als 5.500 Kulturpaare, er besorgt Freikarten und bringt Kulturbegeisterte und ihre jeweilige Begleitung zusammen. Vor zehn Jahren gründete er das Projekt, inzwischen wurde das Hamburger Konzept vom Saarland, in Kiel, Hannover und Lübeck übernommen. "Ein Ziel des Kulturschlüssels ist es auch, die Kulturveranstalter für das Thema Barrierefreiheit und Inklusion zu sensibilisieren", sagt Nestler.

"Wir freuen uns sehr darüber, dass im Laufe der Jahre viele Veranstalter darüber nachgedacht haben, was sie zusätzlich tun können: Dass es Programmhefte gibt, die in leichter Sprache erstellt werden, dass Audiodeskriptionen für manche Veranstaltungen stattfinden", sagt Frank Nestler, von Leben mit Behinderung Hamburg.

Ehrenamt und Hobby verbinden

Broschüre in leichter Sprache
Mehr Barrierefreiheit: Mittlerweile gibt es Programmhefte in leichter Sprache.

Nicole Stephan ist an zwei Abenden im Monat für ihr Ehrenamt als Kulturbegleiterin in Hamburg unterwegs. "Am Anfang war meine Intention, dass ich ein Ehrenamt wollte, das ich mit meinen Interessen möglichst verbinden kann", sagt Stephan. "Und jetzt mache ich es einfach, weil es mir Spaß macht und ich Freunde treffe."

Auf der Lustspielhaus-Bühne wird heute die Weihnachtsgeschichte erzählt: Zumindest eine alternative Version davon. In der Pause stehen Michaela Jörn und Nicole Stephan zusammen. "Wie ist es bisher, hat es dir gefallen? Ist doch amüsant oder?", fragt Nicole Stephan. "Ja, ist witzig", sagt Michaela Jörn. Die beiden Frauen haben Freude an Kultur und erleben gemeinsamen Spaß. Darum planen sie schon jetzt den nächsten gemeinsamen Termin.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 08.12.2019 | 19:30 Uhr

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