Stand: 23.08.2020 21:04 Uhr

Hamburger Jarrestadt: "Hier konnte man atmen"

1926 wurde südlich des Hamburger Stadtparks mit dem Bau der Jarrestadt begonnen. Oberbaudirektor Fritz Schumacher machte die stadtplanerischen Vorgaben für das neue Quartier mit insgesamt 2.500 Wohnungen für Industriearbeiter und ihre Familien. In diesem Viertel aus Backstein entstanden die damals modernsten Wohnungen der Stadt. Peter Jensen lebt seit über 80 Jahren hier. Ein Besuch.

Schwar-weiß-Aufnahme der Hamburger Jarrestadt.
Die von Hamburger Jarrestadt ist der Gegenentwurf zur Enge der Gängeviertel - weitläufig und von Licht durchflutet.

Peter Jensen war sechs Jahre alt, als er mit seinen Eltern in die damals gerade frisch eingeweihte Jarrestadt zog. Über 80 Jahre ist das jetzt her und er lebt noch immer im Viertel. "Das besondere an der Jarrestadt war, dass hier ein Viertel entstanden ist, das weiträumig angelegt war", erinnert sich Jensen an die Anfänge. "Zwischen den einzelnen Häusern waren große Strecken, 20 bis 30 Meter. Hier war Luft, hier konnte man atmen, hier war kein Gängeviertel, hier waren keine Notlösungen."

Seinerzeit modernste Wohnungen Hamburgs

Die Wohnungen waren dank breiter Fenster hell und in der Regel 50 bis 60 Quadratmeter groß. Die Aufteilung mit Küche, Vollbad und Balkon war familiengerecht. "Das waren seinerzeit die modernsten Wohnungen Hamburgs", sagt Ulrike Sparr vom Jarrestadt Archiv. "Die Wohnungen hatten eine Zentralheizung, die hatten ein Bad und es gab eine Waschküche im Hof, was überhaupt nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, weil damals wirklich noch mit der Hand gewaschen wurde."

Wiederaufbau nach dem Krieg dauerte bis in die 50er

Auch die in den 1930er-Jahren modernste Schule der Stadt, die Schule Meerweinstraße, war in der Jarrestadt. "Als wir da einzogen, war das natürlich alles ganz neu", erinnert sich Jensen. "Die war supermodern mit allen Geräten ausgestattet, es gab eine große Turnhalle." Peter Jensen ging hier sieben Jahre zur Schule. Eine Zeit in der sich viel veränderte.

"Die Anfangslehrer waren gut, waren friedlich, waren in Ordnung", sagt Jensen. "Und dann kam die Nazi-Generation, die kamen auch in NS-Lehreruniform in den Unterricht, sie schlugen auch erbarmungslos zu, verprügelten auch die Kinder." Die Nationalsozialisten veränderten nicht nur das Viertel. Die Brandbomben des Zweiten Weltkriegs zerstörten mehr als die Hälfte der Wohnblöcke der Jarrestadt. Der Wiederaufbau dauerte bis Anfang der 1950er-Jahre.

Wirtschaftswunder brachte Leben in die Jarrestadt

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Bis 1969 zog da "Europa Palast" Kino in der Jarrestadt das Publikum im Viertel an.

Die Zeit des Wirtschaftswunders folgte: Die Läden füllten sich wieder, die Leute wollten sich vergnügen: So zog das "Europa Palast" Kino in der Jarrestraße mit neuen Filmen das Publikum aus dem Viertel an. Peter Jensen ging als junger Mann hier ins Kino. 1969 ist Schluss mit dem Kino und heute steht hier ein Drogeriemarkt.

Vieles hat sich in Peter Jensens Viertel in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Doch für Familien gibt es immer noch viel Grün und Freiflächen zum Spielen für Kinder. Die Jarrestadt steht unter Denkmalschutz. Die Wohnungen sind nach wie vor attraktiv.

"Hier zu wohnen, bedeutet eine außergewöhnliche Lebensqualität", sagt Jensen. "Hier zu leben, hier zu wohnen: Das ist ein Kronjuwel, das ist etwas ganz Wunderbares und ich könnte mir auch kein angenehmeres Wohnen vorstellen."

Weitere Informationen
Bewohner des Gängeviertels  in der Hamburger Neustadt um 1900. © Museum für Hamburgische Geschichte Foto: Paul Wutcke

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 23.08.2020 | 19:30 Uhr

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