Hamburg damals: Wie Rowohlt den Buchmarkt revolutionierte

Stand: 08.11.2020 11:04 Uhr

1945 wird der Rowohlt Verlag erneut gegründet, 1946 Hamburg zum neuen Hauptsitz erklärt. Mit außergewöhnlichen Ideen revolutioniert der Verlag den deutschen Buchmarkt.

1945 liegen nach der NS-Diktatur und dem Zweiten Weltkrieg Stadt und Land in Trümmern. Einen zerschlagenen Verlag in dieser Zeit wieder aufzubauen, erscheint utopisch. Doch Ernst Rowohlt erhält dank guter Kontakte in allen vier Besatzungszonen eine Gründungslizenz. Es folgen: Die erneute Gründung im November 1945 in Stuttgart und dann, am 27. März 1946, die Gründung in Hamburg für den britischen Sektor. Die Hansestadt wird zum neuen Hauptsitz - trotz immenser Herausforderungen.

Ressourcen für Bücher fehlten

"Man muss sich vorstellen, dass in der Zeit unmittelbar nach dem Krieg die Ressourcen fehlten, um überhaupt Bücher herzustellen", sagt Uwe Naumann, ehemaliger Lektor und Programmleiter. Also Papier, Bindemittel und Kartons, die man für den Umschlag brauchte. "Und Ernst Rowohlt, der Gründer des Verlags, Väterchen, wie er damals genannt wurde, hatte eine glorreiche Idee, nämlich Zeitungsromane herauszubringen", sagt Naumann.

50 Pfennig für einen Zeitungsroman

Diese Romane wurden in Zeitungspressen gedruckt und auf 48 Zeitungsseiten veröffentlicht. Ein solcher Roman kostete 50 Pfennige. Eine Übergangslösung, aber ein Fortschritt in der Versorgung mit in- und ausländischer Literatur. "Davon wurden pro Exemplar 100.000 Stück gedruckt. Das war eine Sensation, das Publikum war lesehungrig,. Man hatte ja die zwölf Jahre Nazi-Zeit nicht das lesen dürfen, was man wollte, und jetzt war der Hunger groß und deswegen griffen alle danach. Damit hat Ernst Rowohlt den Buchmarkt revolutioniert, obwohl es im strengen Sinne ja überhaupt keine Bücher waren. Es waren Zeitungsromane", so Naumann.

Leere Buchhandlungen

Ein junger Mann liest einen Zeitungsroman.
Ein junger Mann liest einen Zeitungsroman.

Auch die nächste Produkt-Revolution geht von Rowohlt aus. Denn trotz großer Sehnsucht nach Literatur, sind in der Nachkriegszeit viele Buchhandlungen relativ leer und die finanziellen Mittel für Kultur gering. Mit einer simplen wie genialen Idee nach einer USA-Reise rollt der Verleger-Sohn Heinrich Maria Ledig den Buchmarkt erneut auf. "Es gibt darüber so einen Bericht, im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels, wo die Verleger schreiben, es ist ja so schrecklich, wie diese Amerikaner Bücher machen. Die haben ja keine Ahnung von dem ganzen Handwerk und so. Ledig hatte aber die Taschenbücher entdeckt und das war sein Plan und natürlich hat später der Alte auch gleich das für seine Publicity benutzt. Aber eigentlich war Ledig der Revolutionär, der die Taschenbücher nach Deutschland gebraucht hat", erzählt Michael Töteberg, ehemaliger Abteilungsleiter.

Das erste rororo-Bändchen erscheint

1950 erscheinen die ersten rororo-Bändchen. Sie verkaufen sich millionenfach, prägen so ganze Leser-Generationen. "Es gibt eine wunderbare Werbeparole des Verlags, aus der Zeit, nämlich: Rowohlt bricht mit der deutschen Tradition der Mumifizierung der Bücher. Also schwere Bücher mit schönem Einband, aber teuer, aufwendig gemacht. Und die Rowohlt-Taschenbücher aber auch die Taschenbücher der anderen Verlage, die dann kamen, waren Gebrauchsbücher. Die waren preiswert, die waren vielleicht nicht so haltbar, wie die anderen, aber sie genügten, um zu lesen", erinnert sich Naumann.

Große Autoren

In Buchhandlungen sorgt Rowohlt für zahlreiche Bestseller, indem man Unternehmens-Traditionen vor 1933 treu bleibt und große Autoren verlegt, von Hans Fallada bis hin zu internationalen Stars, wie Ernest Hemingway. 1960 zieht der Verlag nach Reinbek. Einzelne Lektorinnen und Lektoren betreuen verschiedene Genres - viele kleine Verlegerinnen und Verleger innerhalb eines großen Verlags. Als die Geschäftsführung im Auftrag des Verteidigungsministeriums ein Buch druckt und liefert, kommt es zur sogenannten Ballon-Affäre. "Nämlich ein Buch, das sozusagen per Ballon über die Grenze in der DDR abgesetzt wurde. Es war ein Memoiren-Buch, was über den Gulag erzählte, was aber natürlich in der DDR nicht erscheinen konnte. Und es hatte glaube ich sogar eine kleine Karte, wo man sich melden sollte, mit einer Deck-Adresse. Eine Geheimdienst-Affäre, wenn man so will. Und dass da ein linker Verlag mit verstrickt war, das war der eigentliche Skandal", sagt Töteberg.

Rowohlt kommt zurück nach Hamburg

In den 80er Jahren kauft Holzbrink den Verlag. Millionen-Defizite und neue Verleger sorgen zeitweise für Diskussionen. Doch inhaltliche Vielfalt und digitale Angebote sichern die Zukunft. Seit 2019 residiert Rowohlt wieder in Hamburg. Eine Rückkehr zu den Ursprüngen nach dem Krieg.

Weitere Informationen
Ernst Rowohlt hält einen Rowohlt-Rotations-Roman in den Händen. © picture-alliance/dpa

Bücher für jedermann: Rowohlts Leben für die Literatur

In der Nachkriegszeit bringt der Verleger in Hamburg die ersten Taschenbücher auf den Markt. Vor 60 Jahren ist er gestorben. (08.10.2020) mehr

Auf einer Bildcollage sind die Rowohlt Taschenbücher "Schloss Gripsholm" von Kurt Tucholsky, "Kleiner Mann was nun" von Hans Fallada, "Am Abgrund des Lebens" von Graham Green und "Das Dschungelbuch von "Rudyard Kipling". © Rowohlt Verlag

70 Jahre Taschenbuch: Fallada für die Hosentasche

1945 liegt die Buchbranche brach. Mit auf Zeitungspapier gedruckten Romanen kurbelt der Rowohlt Verlag in Hamburg das Geschäft an. Am 17. Juni 1950 folgt die Revolution: das "rororo"-Taschenbuch. (18.06.2020) mehr

Der Autor Florian Illies © Patrick Bienert

So meistert der Rowohlt Verlag die Corona-Krise

Die Buchbranche atmet auf: Seit Anfang der Woche sind in Deutschland Buchhandlungen wieder geöffnet. Ein Interview mit Florian Illies, Leiter des Rowohlt Verlags in Hamburg. (22.04.2020) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 08.11.2020 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Der Fischmarkt mit der Fischauktionshalle steht während einer Sturmflut in Hamburg unter Wasser. © picture alliance/dpa Foto: Daniel Bockwoldt

Bund finanziert Forschung: Braucht Hamburg ein Elbesperrwerk?

Braucht Hamburg in Zukunft ein Sperrwerk in der Elbe, um sich vor Sturmfluten zu schützen? Das soll nun untersucht werden. mehr

Die Polizei regelt den Einlass am Billstedt Center. © Citynewstv Foto: Frank Bründel

Zu viel Andrang: Zugänge zu Billstedt-Center geschlossen

Die Abstandsregeln zur Bekämpfung der Corona-Pandemie konnten nicht mehr eingehalten werden. mehr

Demonstrierende mit einem leuchtenden Banner. © NDR Foto: Ingmar Schmidt

G20-Demo in Innenstadt: 2.000 demonstrieren ruhig

Sie wollten nach ihren Angaben Solidarität mit den Angeklagten im G20-Rondenbarg-Prozess zeigen, der diese Woche begonnen hat. mehr

Die Hannoveraner jubeln, die Hamburger sind enttäuscht. © WITTERS Foto: Valeria Witters

Hannover 96 verschärft HSV-Krise

Nach der dritten Niederlage in Serie ist der HSV auf Platz vier der Zweitliga-Tabelle abgerutscht. 96 gelang der erste Auswärtssieg. mehr