Stand: 04.02.2018 11:08 Uhr

Hamburg arbeitet koloniales Erbe auf

Lange ist die deutsche Kolonialgeschichte verharmlost worden. Rassismus und Raub scheinen vergessen, der deutsche Völkermord an den Herero und Nama wird verdrängt. Als erste größere Stadt Deutschlands hat sich Hamburg 2014 entschieden, sein "koloniales Erbe" aufzuarbeiten. Eine Forschungsstelle an der Universität Hamburg und ein Runder Tisch wurden eingerichtet. Doch wie gehen Hamburger Institutionen und Museen mit dem kolonialen Erbe um?

Hamburg als "Tor zur kolonialen Welt"

Jürgen Zimmerer leitet seit 2014 die Forschungsstelle an der Universität, um das koloniale Erbe aufzuarbeiten, aber auch eine angemessene Erinnerungskultur zu ermöglichen. "Hamburg ist ohne Zweifel Deutschlands Kolonialmetropole Nr. 1", sagt er und Hamburg als Tor zur Welt sei laut Zimmerer "ein Tor zu kolonialen Welt" gewesen. "Man handelte mit Kolonialwaren und teilweise sogar mit Menschen", sagt er.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts betrieben Hamburger Kaufleute Plantagen in Afrika, unter anderem für Kautschuk, Palmöl und Kakao. Diese Privatkolonien waren Keimzellen der späteren Staatskolonien. Die Handelskammer Hamburg begrüßte die neuen Geschäfte und im Wesentlichen waren es Hamburger Kaufleute, die Reichskanzler Otto von Bismarck unter Druck setzten und militärischen Schutz forderten. Bismarck willigte schließlich ein – die "Deutschen Schutzgebiete" in Afrika entstanden.

Institutionen mit kolonialen Wurzeln

Hamburger Aktiengesellschaften betrieben Kolonien in der Südsee, mit dem Hamburger Museum für Völkerkunde und dem Institut für Tropenmedizin haben wichtige wissenschaftliche Institutionen der Stadt ihre Wurzeln in der Kolonialzeit. Auch das Vorlesungsgebäude der Universität Hamburg am Dammtor-Bahnhof wurde ursprünglich als "Hamburgisches Kolonialinstitut" gegründet, um Kolonialbeamte auszubilden.

Kolonialspuren im Hamburger Stadtbild

Von Hamburg aus in die Kolonie

Bis heute erinnern zahlreiche Straßennamen oder auch das "Afrikahaus" deutlich an diese Kolonialgeschichte der Hansestadt. Doch eine historische Einordnung der dunklen Epoche fehlt bis heute an vielen Orten. Etwa am Baakenhafen: Von dort brachen Truppen nach „Deutsch-Südwest-Afrika“ auf und begingen zwischen 1904 und 1908 im heutigen Namibia den Völkermord an den Herero und Nama. 100.000 Menschen wurden getötet. Mehr als 30 Jahre lang stand Namibia unter deutscher Kolonialherrschaft. Diese endete erst 1915 im Ersten Weltkrieg.

Denkmal für Sklavenhändler im Jahr 2006

Auch in Hamburg-Wandsbek hat man sich schwer getan mit der Erinnerung an die Kolonialzeit: Erst 2006 errichtete man dort dem Altonaer Kaufmann Heinrich von Schimmelmann ein Denkmal. Schimmelmann war einer der größten Sklavenhändler des 18. Jahrhunderts. Das Verschleppen unzähliger Menschen vom afrikanischen Kontinent machte ihn reich. Erst nach Protesten wurde das Denkmal 2008 wieder entfernt.

Hamburg macht Fortschritte

Anderswo gibt es in Hamburg heute Fortschritte: Der Michel plant einen Flyer, der Besuchern der Hamburger Hauptkirche eine Gedenktafel erklären soll, die momentan ohne Kontextualisierung nur an die "gefallenen Hamburger Soldaten" in den Kolonien erinnert, nicht jedoch an die Opfer des Genozids. Ab April sollen zudem zwei Tafeln am Trotha-Haus auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne Passanten auf den problematischen Fassadenschmuck und die Gräueltaten von Lothar von Throtha hinweisen, die er als "Oberbefehlshabers" im ehemaligen "Deutsch-Südwest-Afrika" beging.

Geraubte Schätze, eingelagerte Schädel

Die Liste der Gegenstände aber, die aus kolonialem Kontext stammen, ist weitaus länger. In Hamburger Museen und Archiven lagern – bedingt besonders durch die zentrale Rolle der Stadt im Übersee-Handel – zahlreiche bedenkliche Exponate. Dazu gehören laut Zimmerer wertvolle Objekte, wie die Benin-Bronzen, die geraubt wurden. "Es sind Ritual-Objekte, die für die Herkunftsgesellschaft heilig sind", erklärt Zimmerer. Ebenfalls gehe es aber auch um menschliche Überreste. Im Medizinhistorischen Museum etwa lagern mehrere Schädel mit Kolonialbezug, missbraucht für "Schauzwecke und Rassenkunde".

Viele Schädel stammten aus Papua-Neuguinea, erklärt Professor Philipp Osten, Medizinhistoriker an der Universitätsklinik Eppendorf. Auf einem Schädel stehe direkt, dass es ein Herero-Schädel aus "Südwest-Afrika" sei. "Wir stehen in Gesprächen mit der Wissenschaftsbehörde, die mit uns gemeinsam ein Konzept erarbeitet, um diese Objekte zurückzugebenen, wenn es möglich ist", sagt Osten.

Aufarbeitung im Völkerkundemuseum

Auch das Hamburger Museum für Völkerkunde will die Herkunft von Objekten beleuchten, trotz Geld- und Personalmangels. "Es ist eine moralische Verpflichtung, uns mit dieser Frage und diesem Erbe in unserer Institutionsgeschichte zu befassen und auch, dass wir das Thema in unserer Dauerausstellung darstellen", sagt Barbara Plankensteiner, Direktorin des Völkerkundemuseums. Zusätzlich gestalten Wissenschaftler und namibische Künstler ein Projekt mit historischen Fotos aus dem Museumsarchiv.

Diese Ansätze der Aufarbeitung in Hamburg stehen dabei im Kontext einer allgemeinen Diskussion über die Kolonialzeit. Die Bundesrepublik Deutschland steht in Verhandlung mit der namibischen Regierung über eine offizielle Entschuldigung für den Völkermord und eine deutsch-namibische Zukunftsstiftung, die Bildungs- und Forschungsprojekte fördern soll.

Klage in New York

Vor einem New Yorker Bundesbezirksgericht ist zudem seit einem Jahr eine Klage von Vertretern der Herero und Nama gegen die Bundesrepublik anhängig, in der sie verlangen, an diesen Verhandlungen beteiligt zu werden. Einer der Kläger ist der Herero-Aktivist Israel Kaunatjike. Er fordert eine Entschuldigung, eine umfassende Anerkennung des Völkermords sowie Reparationszahlungen. Dem allerdings erteilt die Bundesrepublik bislang eine Absage. Ende Januar wurde von dem Gericht in New York nun eine Anhörung über die Zulässigkeit der Klage auf Mai vertagt.

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