Stand: 07.09.2015 11:04 Uhr  - Panorama 3  | Archiv

Hamburg-Billbrook: Migranten suchen Deutsche

von Martin Rieck & Alexandra Ringling
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Mohamed al Hussan war Englischlehrer in Syrien. Für ihn ist Sprache der Schlüssel zur Gesellschaft, er versucht Deutsch zu lernen.

"Ich bin ein Junge, ich bin ein Junge" - Mohamed al Hussan spricht der Computerstimme nach, die aus seinem Handy schallt: "Ich bin ein Junge, ich bin ein Junge“. Vergangenen Sommer floh der ehemalige Englischlehrer mit seiner Familie vor dem Krieg in Syrien. Seit acht Monaten ist er in Deutschland. Die Wartezeit auf einen Sprachkurs, überbrückt er mit einem Lernprogramm auf dem Handy. "Du musst Deutsch lernen. Es gibt keine Alternative. Sprichst du nicht die Sprache der Gesellschaft, bist du kein Teil der Gesellschaft", sagt er.

Ungleiche Verteilung

Genau das möchte er werden - ein Teil der Gesellschaft, ein Teil von Deutschland. Doch das ist eine Herausforderung, wenn man abseits der Gesellschaft untergebracht wird. Die Al Hussans wohnen in Hamburgs größtem Flüchtlingsdorf, in Billbrook. Das liegt mitten im Industriegebiet. Hier sind die Ausländer in der Überzahl. 70 Prozent der Erwachsenen haben einen Migrationshintergrund. Bei den unter 18-Jährigen sind es sogar knapp 95 Prozent. Eine Folge der Flüchtlingspolitik. Innerhalb weniger 100 Meter hat die Stadt Hamburg hier drei Unterkünfte mit insgesamt 1.400 Flüchtlingen besetzt.

Hamburg-Billbrook: Migranten suchen Deutsche

Panorama 3 -

Viele Flüchtlingsheime liegen in Industriegebieten, abseits der Gesellschaft. Doch ohne Begegnungen ist Integration kaum möglich, eine bessere Verteilung der Flüchtlinge tut Not.

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Deutsche trifft man in Billbrook nur noch sehr selten. "Ich habe das Gefühl, dass wir in einer Fabrik leben, wir haben nicht erwartet in Deutschland zu leben ohne Deutsche", sagt Mohamed al Hussan. In vielen anderen Stadtteilen leben dagegen nur halb so viele Flüchtlinge, in manchen Stadtteilen sind sogar gar keine untergebracht.

Das Dilemma der Stadt Hamburg

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Auch Marcel Schweitzer, Pressesprecher der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) sieht in der Konzentration ein Problem.

Eine bessere Verteilung wünscht sich auch die  Hamburger Sozialbehörde. Doch die können Flüchtlingsunterkünfte nur auf Flächen errichten, die der Stadt gehören. Und davon gibt es wenige. Neue anzukaufen sei teuer, so Marcel Schweitzer, Pressesprecher der Behörde. "Wir müssen den Menschen ein Dach über dem Kopf geben. Da fragt auch keiner danach: Ist das klug? Ist das hilfreich? Weil wir alle wissen, was gut wäre, was schön wäre: Kleine Einheiten, die auch in Wohngebieten sind. Das ist alles wünschenswert, aber wenn 18.000 Menschen alleine in den ersten sieben Monaten diesen Jahres nach Hamburg kommen und kurzfristig untergebracht werden müssen, müssen wir jede Fläche nutzen.“

Integration ohne Kontakt schwer möglich

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Der Ausländeranteil in der einzigen Grundschule in Billbrook liegt mittlerweile bei 100 Prozent, eine Herausforderung für Klassenlehrerin Nadja Schwank.

Die Folgen der hohen Flüchtlingsdichte in Stadtteilen wie Billbrook spüren die Flüchtlinge selbst am stärksten. Mohamed al Hussans 10-jähriger Sohn Adam besucht die einzige Grundschule im Stadtteil. Hier liegt der Ausländeranteil mittlerweile bei 100 Prozent. Das ist bundesweit Rekordniveau. Die 15 Schüler in Adams Klasse kommen aus zehn verschiedenen Ländern. Mit Hilfsmitteln wie Spielkarten und Bildern versucht die Klassenlehrerin Nadja Schwank den Kindern Deutsch beizubringen. "Die Schüler müssen mit deutschen Kindern sprechen, um zu üben, was wir ihnen in der Schule beibringen. Doch es gibt einfach zu wenige in der Gegend. Wenn ein Schüler sagt, er hat auf dem Spielplatz einen Deutschen kennengelernt, bin ich eigentlich erstaunt, dass es überhaupt Berührungspunkte gibt." Oft bleibt die einzige Deutsche, die die Kinder am Tag treffen, die Lehrerin selbst. Eine Integration ist so nur schwer möglich.

Leben in der Warteschleife

Im März diesen Jahres bekam die Familie al Hussan für drei Jahre Asyl. Jetzt heißt es eine Wohnung anmieten, einen Job finden. Doch dafür müssen sie Deutsch lernen. "Manchmal spreche ich nur einen Satz Deutsch am Tag. So kann ich weder die Kultur, noch die Sprache lernen. Es ist als würde ich auch nach einem Jahr noch in einer Art Warteschleife hängen, dabei möchte ich endlich loslegen," sagt Mohamed al Hussan.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 08.09.2015 | 21:15 Uhr

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