Stand: 03.02.2017 19:26 Uhr

"Hafen Hamburg braucht neue Standortstrategie"

Die Elbe hat zwei entscheidende Nachteile aus Sicht der Befürworter der Elbvertiefung: Sie ist zu schmal und flach. Schiffe, die zusammen mehr als 90 Meter breit sind, kommen auf dem Fluss nicht aneinander vorbei. Und Schiffe der größeren Klassen, die rund 14.000 Container laden können, können den Hafen nur in zwei schmalen Zeitfenstern mit der auflaufenden Flut ansteuern. Weil jedoch mit einem starken Wachstum der Containerumschlagszahlen auf immer größeren Schiffen zu rechnen sei, müsse die Elbe tiefer und an einer Stelle auch breiter werden, so die Planer.

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"Hamburg muss sich auf den bevorstehenden Strukturwandel vorbereiten", mahnt HWWI-Chef Prof. Henning Vöpel.

Aber ist es wirklich die richtige Strategie? Der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschafts-Instituts (HWWI), Prof. Henning Vöpel, bezweifelt das. Die Zukunft des Hamburger Hafens sieht der Ökonom eher in einer Kooperation mit dem JadeWeserPort sowie technologischer Weiterentwicklung.

Die Stadt Hamburg hat die Notwendigkeit des Ausbaus der Elbe auch damit begründet, dass für den Containerumschlag im Hafen bis 2025 ein starkes Wachstum zu erwarten sei. Von bis zu 25 Millionen TEU (Einheit für Standardcontainer) ist laut den Berechnungen des Instituts für Seewirtschaft und Logistik (ISL) die Rede gewesen. Momentan stagniert der Containerumschlag aber eher und liegt bei rund neun Millionen TEU pro Jahr. Ist damit der Elbvertiefung die wirtschaftliche Berechnungsgrundlage entzogen?

Was sind TEU?

Die englische Abkürzung TEU steht für "Twenty-foot Equivalent Unit" und meint die früher übliche Standardgröße von Containern, nämlich 20 mal acht mal acht Fuß. Das entspricht 6,1 mal 2,44 mal 2,44 Meter. Die heute meist verwendeten Container sind doppelt so lang.

Prof. Henning Vöpel: Die Elbvertiefung ist eher eine Frage der Wettbewerbsposition des Hamburger Hafens, weniger des absoluten Containerumschlags. Es geht also weniger darum, die Umschlagskapazität zu erhöhen, als vielmehr größeren Schiffen das Anlaufen des Hafens zu ermöglichen. Für die schwächere Entwicklung des Umschlags sind einige Sonderfaktoren wie die Sanktionen gegen Russland verantwortlich.

Aber insgesamt müssen wir davon ausgehen, dass sich der Welthandel strukturell deutlich weniger dynamisch entwickelt als noch vor einigen Jahren angenommen. Auch ohne Elbvertiefung behält der Hamburger Hafen erst mal seine Bedeutung, denn der Umschlag kann nicht so ohne Weiteres von anderen Häfen aufgenommen werden. Aber natürlich werden in diesem Fall zukünftig Routen an Hamburg vorbei in konkurrierende Häfen umgeleitet.       

Der Universalhafen in Hamburg funktioniert durch seine gute Schienen- und Straßenanbindung vor allem als Güterumschlagplatz ins Hinterland und nach Osteuropa. Ist das ein tragfähiges Konzept für die Zukunft?

Vöpel: Der Hamburger Hafen ist ein Stadt- und kein Seehafen. Insofern konkurriert er um Flächen, die auch anderweitig genutzt werden könnten. Die Kosten für die Hafeninfrastruktur und die Hinterlandlogistik steigen zudem. Andererseits hat Hamburg eine wichtige Drehscheiben- und Verteilerfunktion; viele Güter, die über den Hafen kommen, bleiben in der Region, sodass der Hafen für Hamburg immer eine gewisse Bedeutung behalten wird. Dennoch muss man die verschiedenen Effekte gut abwägen und sich strategisch überlegen, wie ein langfristiges Hafenmodell aussieht, sodass Hamburg als Wirtschaftsstandort insgesamt stärker prosperiert. 

Wäre eine Kooperation von Hamburger Hafen und JadeWeserPort zukunftsweisend?

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Vöpel: Ich halte das für eine sinnvolle Überlegung. Der flächenintensivere Containerumschlag geht an den JadeWeserPort, während sich Hamburg zu einem technologisch führenden Hafen der Zukunft entwickelt. Spezialisierung innerhalb kooperativer Strukturen wäre sinnvoll, um die Infrastrukturkosten zu senken und regionale Synergien zu heben. Eine stärkere norddeutsche Kooperation ist gerade im Bereich der Maritimen Wirtschaft vonnöten; als Antwort auf die technologischen und weltwirtschaftlichen Entwicklungen.  

Eine solche Hafenkooperation lehnt Hamburg bisher ab. Warum ist das so?

Vöpel: Die Absicht ist möglichst viel Umschlag eng an Hamburg zu binden, weil eben noch ein sehr kleinteiliger regionaler Wettbewerb herrscht. Das ist zwar unter diesen Bedingungen verständlich, weil es hilft, die Bedeutung des Hamburger Hafens kurzfristig zu erhalten.

Langfristig könnte eine solche Strategie aber andere Entwicklungsoptionen blockieren, die in Kooperation mit den anderen norddeutschen Häfen möglich wären. Insofern geht es darum, sich zusammenzusetzen und zu fragen, welche überregionale Strategie langfristig für alle Beteiligten am besten wäre.  

Welche Folgen werden zunehmende Digitalisierung und auch der 3-D-Druck für die Logistikbranche haben und somit auch für den Hamburger Hafen?

Vöpel: Digitale Innovationen werden die Logistikbranche und damit auch die Hafeninfrastruktur und den Hafenwettbewerb radikal verändern. Durch den 3-D-Druck könnten bis zu 40 Prozent des weltweiten Containerumschlags entfallen. Zudem gäbe es eine Verschiebung von Stückgut hin zu Massengut, also von Maschinen und Ersatzteilen zu Rohstoffen.

Weiterhin entstehen riesige Logistikplattformen, über die der Handel zentral und sehr effizient abgewickelt werden kann. Amazon und andere Anbieter entwickeln hier gerade unglaublich spannende und innovative Modelle, die das traditionelle Geschäftsmodell der Logistik infrage stellen und auch viele regionale und etablierte Anbieter unter Druck setzen werden.     

Was müsste strategisch geschehen, damit die rund 156.000 im Hafen beschäftigten Menschen dort auch zukünftig Arbeit finden?

Vöpel: Die derzeitigen Entwicklungen verlangen einem Standort, aber auch den Branchen und den einzelnen Menschen eine hohe Anpassungsfähigkeit ab. Wir kennen angesichts der rasanten und umwälzenden Veränderungen relativ wenig über die Anforderungen der Zukunft. Insofern geht es darum, Hamburg auf den bevorstehenden Strukturwandel vorzubereiten, indem wir die Innovationsfähigkeit des Standortes erhöhen.

Das ermöglicht es, flexibler und schneller auf die Veränderungen reagieren zu können. Ausbildung und Weiterbildung, ein attraktives Umfeld für Fachkräfte sowie die Entwicklung des Wissenschafts- und Technologiestandortes sind dabei zentral für Hamburg. Damit geht eine grundlegende Transformation in eine Smart City und in einen modernen Standort einher. Diese Transformation muss man heute mit einer Standortstrategie in den Blick nehmen.

Die Fragen stellte Ulla Brauer.

Informationen zur Sendung
mit Video

Elbvertiefung: Was riskieren wir?

06.02.2017 22:00 Uhr
45 Min

Der ökologische Zustand der Elbe darf sich durch die neunte Elbvertiefung nicht verschlechtern. Ist der Ausbau möglich, ohne dass die Natur, aber auch die Deichsicherheit leiden? mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 06.02.2017 | 22:00 Uhr

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