Geschädigte Patienten: Narkosearzt immer noch im Job

Stand: 26.03.2021 20:37 Uhr

Es ist nicht das erste Mal, dass das Hamburg Journal über einen Hamburger Anästhesisten berichtet. Er schädigte mehrere Patient*innen mit schwerwiegenden Folgen und es stellt sich immer noch die Frage: Warum darf er über Jahre weitermachen?

von Alexa Höber

Nachdem der Hamburger Anästhesist Herr B. sie narkotisierte, liegt Gudrun E. im Wachkoma. Eine weitere Patientin, Anja Gade, wollte sich 2013 ihre Weisheitszähne ziehen lassen und erlitt nach der Narkose einen schweren Hirnschaden. Der dritte Geschädigte ist der Billstedter Ulrich Oetjens. Der Anästhesist missachtete grundlegende Standards, zog das Narkosemittel schon lange vor der OP auf. Die Folge: Eine schwere Sepsis.

"Erhebliche Gefahr für die Patienten"

"Spätestens nun dieser Fall meines Mandanten, in dem sich gezeigt hat, dass der Arzt offenbar nicht bereit ist, sich an den Beipackzettel der Medikamente zu halten, zeigt, dass da eine erhebliche Gefahr für die Patienten vorliegt", sagt Axel Dubitscher, Anwalt des Geschädigten Ulrich Oetjens.

Bereits 2018 befragte der NDR die Gesundheitsbehörde zu Konsequenzen für den Arzt wegen der Patientin im Wachkoma und der schweren Hirnschäden bei Anja Gade. Für den Patientenschutz zuständig war damals Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD). Ihre Behörde schrieb dem NDR, ein Strafverfahren wegen des Falls von Anja Gade sei mangels Tatverdachts eingestellt worden. Daher könne man nichts tun.

"Behörde hätte Ermittlungen anstellen müssen"

Medizin-Rechtsanwältin Ulrike Hundt-Neumann sieht das kritisch. "Die Behörde hätte selbst ein Verfahren einleiten können, sie hätte selbst Ermittlungen anstellen können", sagt Hundt-Neumann dem Hamburg Journal. "Sie hätte sich zumindest die Strafakte, die Ermittlungsakte kommen lassen müssen. Sie hätte Einsicht nehmen müssen und sie hätte überprüfen müssen, worauf denn die Entscheidung der Staatsanwaltschaft beruhte."

Die Hamburger Ärztekammer hatte inzwischen gegen den Anästhesisten ein Verfahren vor dem Berufsgericht eingeleitet. Auf dessen Ausgang wollte die Gesundheitsbehörde warten, um erneut über die Zulassung des Arztes zu entscheiden. Dabei ist ein Urteil des Berufsgerichts dafür gar nicht erforderlich. Doch als zuständige Stelle für Patientenschutz selbst tätig zu werden, ist offenbar auch nach dem Wechsel an der Spitze der Behörde nicht vorgesehen.

Ärztkammer kann nur rügen

"Dann ist es einfacher, man riskiert nichts, lässt es und das Risiko tragen andere: Nämlich die Patienten", meint Oetjens' Anwalt Dubitscher. Die Hamburger Ärztekammer kann einem Arzt nicht die Zulassung entziehen. Sie könne Kollegen nur rügen, teilt sie mit. "Approbationsrechtliche Fragen sind allein Angelegenheit der Behörde."

Im Januar entschied nun das Berufsgericht nach vier Jahren, der Arzt sei unwürdig, seinen Beruf auszuüben. Der Entzug der Approbation wird nun wahrscheinlicher, die Behörde will ihn jetzt anhören: "Zu diesem Zweck wurde eine Frist gesetzt, die in Kürze abläuft."

Bisher durfte der Anästhesist jahrelang weitermachen. Ob das so bleibt? Dem Hamburg Journal liegen Informationen vor, dass eine Entscheidung über die Approbation ansteht.

VIDEO: Pflegefall nach Zahn-OP: Arztpfusch bei Narkose (9 Min)

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 26.03.2021 | 19:30 Uhr

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