Porträt von Generalstabschef Helmuth von Moltke (1872) © picture alliance/Heritage-Images Foto: The Print Collector/Heritage-Images

Generalsviertel: Linke fordert neuen Namen für Moltkestraße

Stand: 17.02.2021 11:03 Uhr

Einen neuen Straßennamen für die Moltkestraße fordert die Eimsbütteler Linke. Der Hamburger Historiker Tilmann Bendikowksi warnt bei NDR 90,3 vor Schnellschüssen.

Das Argument der Politikerinnen und Politiker: Helmuth Graf von Moltke sei ein Kriegstreiber und glühender Verfechter des Kolonialismus gewesen. Im NDR 90,3 Kulturjournal spricht sich Tilmann Bendikowksi statt der Umbenennung für eine umfassende Debatte aus.

Was halten Sie von der Forderung, die Moltkestraße umzubenennen?

Tilmann Bendikowksi: "Wenn alles so einfach wäre. Dummerweise ist unsere Geschichte komplizierter und ich bin als Historiker immer ein bisschen skeptisch, wenn man sagt 'Straße umbenannt - Problem beseitigt, wir können weitermachen'. Ich glaube, das ist viel zu vordergründig. Man braucht dazu gute Gründe und die Frage ist, was man denn verhindert, indem man etwas umbenennt."

Was wäre denn Ihrer Meinung nach der richtige Umgang mit dem Thema?

Journalist und Historiker Dr. Tillmann Bendikowski © C. Bertelsmann
Der Historiker Tillmann Bendikowski fordert bei NDR 90,3 statt Straßenumbenennungen eine ausführliche Debatte.

Bendikowksi: "Ich würde inhaltlich arbeiten und der Frage nachgehen, warum die Straßen denn so heißen, wie sie heißen. Diese Straßennamen wurden den Hamburgerinnen und Hamburgern ja nicht von irgendwelchen fremden Mächten aufgezwungen, sondern die Bürgerinnen und Bürger haben irgendwann beschlossen, nach diesen Männern Straßen zu benennen oder ihnen Denkmäler zu bauen. Die Beweggründe von damals sollten wir erst einmal recherchieren, offenlegen und miteinander besprechen. Danach erst sollten wir entscheiden, ob wir den entsprechenden Straßennamen wegradieren, verändern oder, ob wir es so lassen, wie es ist."

Wie könnte eine solche Debatte denn konkret aussehen?

Bendikowksi: "Wir müssen untersuchen, wie Hamburg früher gehandelt hat. Denn ohne den Hamburgerinnen und Hamburgern zu nahe zu treten: Sie haben sich mit allen Mächtigen ins Bett gelegt, wenn der Preis stimmte - also der Handel florierte und die Wirtschaft funktionierte. Man müsste ganz genau hinschauen, wie die Hansestadt Hamburg im Kaiserreich agiert hat, wie sie sich mit Politik, Wirtschaft, Kolonialismus agierte. Dabei müssten wir mehr noch als die Forschung die Geschichtsvermittlung mit ins Boot holen. Dafür wären die Hamburger Museen besonders geeignete Orte, beispielsweise das Museum für Hamburgische Geschichte, das Museum der Arbeit oder auch die Kunsthalle. Das sind Orte der Begegnung und der Diskussion. Wir sollten uns erst einmal über die Identität unsere Stadt klar werden, und dazu gehört die historische Dimension dieser Identität."

Das Interview führte Patricia Seeger.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 16.02.2021 | 19:10 Uhr

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