Stand: 19.04.2020 19:48 Uhr

Geflüchtete in Einrichtungen digital abgehängt

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Marion Dodt zeigt, wie die Unterkunft in der Eiffestraße mit Wlan versorgt wird.

Auf dem Dach der Flüchtlingsunterkunft in der Hamburger Eiffestraße steht die Lösung für das Problem mit dem Internetempfang. Seit knapp drei Jahren gibt es hier kostenloses Wlan für alle - und zwar selbst organisiert. "Wir haben hier eine Richtantenne und die ist auf unseren Kooperationspartner in rund 300 Meter Luftlinie entfernt ausgerichtet", erklärt Marion Dodt von der Unterkunft in der Eiffestraße. Von dort werde das Signal eingespeist. Jeder der rund 300 Bewohnerinnen und Bewohner kann sich ins Internet einloggen - überall und in Ruhe. Damit ist diese Hamburger Unterkunft eine Ausnahme.

Nur wenig Flüchtlingsunterkünfte mit Internet

Internet-Empfang wie hier gibt es in Hamburg in weniger als 20 Flüchtlingsunterkünften - in rund 30 weiteren Unterkünften gibt es stattdessen provisorisches Netz, über Hotspots. Dort müssen die Geflüchteten zum Einloggen ins Netz aus ihren Zimmern gehen. Die restlichen Unterkünfte der Stadt sind völlig internetlos. Das ist besonders in Zeiten von Corona und Homeschooling nicht mehr tragbar, sagen Kritikerinnen und Kritiker.

Ganz offen sprechen etwa die Ehrenamtlichen vom "Runden Tisch Blankenese" dieses Problem an, das seit Jahren bekannt ist. Seit 2018 kämpft man hier dafür, die Internetversorgung in den Unterkünften sicherzustellen, beantragte beispielsweise Wlan für die Flüchtlingsunterkunft in Sieversstücken - passiert ist bis heute nichts. "Der städtische Träger Fördern und Wohnen und auch die Sozialbehörde müssen da dringend etwas verändern", sagt Helga Rodenbeck, einer Mitbegründerin des "Runden Tisches Blankenese", deren Mitglieder unter anderem Beratung für Geflüchtete anbieten oder kulturelle Veranstaltungen organisieren.

Träger setzt auf private Handyverträge

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Susanne Schwendtke von Fördern und Wohnen verweist auf die Mobilfunkverträge der Geflüchteten.

"Digital abgeschottet scheinen uns die Geflüchtete nicht", sagt hingegen Susanne Schwendtke von Fördern und Wohnen. "Wir haben den Eindruck, dass so gut weil jeder einen Mobilfunkvertrag hat und darüber mobiles Internet nutzt."

Netz auf dem Handy hat auch Maryam. Und mittlerweile sogar eine eigene Wohnung. Aber wegen der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie kann die junge Mutter derzeit nicht in die Schule und die Hausaufgaben landen seit Wochen seitenweise auf ihrem Smartphone. Internetanschluss Zuhause, ein eigener PC, ein Drucker - mit allem hat die Afghanin nie gelernt umzugehen und jetzt stößt mit ihrem Smartphone an ihre Grenzen. "Manchmal ich verstehe die Aufgaben nicht, muss sie erst mit einem Translator übersetzen und das braucht alles Zeit", sagt Maryam. Doch die hat sie nicht. In knapp zwei Wochen stehen die Prüfungen zum "Ersten Schulabschluss" an.

Kritik: Chancengleichheit derzeit nicht gewährleistet

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Hausaufgabenbetreuung gibt es für Schülerinnen wir Maryam jetzt auch per Smartphone.

Damit Maryam und andere Geflüchtete ihre Prüfungen trotzdem meistern können, arbeiten das Jugendzentrum Rissen und das evangelische Kitawerk seit Wochen auf Hochtouren. Ihre Hausaufgabenbetreuung gibt es jetzt auch per Smartphone - sowohl für Geflüchtete als auch für Benachteiligte. "Diese Menschen werden von unserem Bildungssystem abgehängt und die Chancengleichheit ist im Moment einfach nicht gewährleistet", sagt Maike Clausen vom Jugendzentrum Rissen. Ein Problem, das - so sagen Kritiker - seit Jahren existiert. In Zeiten von Corona wird es nun deutlich sichtbar.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 19.04.2020 | 19:30 Uhr

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