Stand: 08.07.2017 03:20 Uhr

G20: Heftige Krawalle - Polizei räumt Viertel

Erneut ist es in der Nacht in Hamburg zu heftigen Krawallen im Zuge von Protesten gegen den G20-Gipfel gekommen: Zunächst gab es im Schanzenviertel Plünderungen und brennende Barrikaden - die Polizei ließ die Randalierer stundenlang gewähren. Gegen Mitternacht dann rückten Spezialkräfte an. Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen. Die Polizei begründete den Einsatz der SEK-Beamten mit einer besonderen Gefährdungslage. Es habe Hinweise darauf gegeben, dass Angriffe mit Molotow-Cocktails, Zwillen und Wurfgegenständen vorbereitet worden seien. Einsatzkräfte sicherten Hausdächer, Helikopter waren über den Dächern zu sehen. Mittlerweile ist die Lage nach Angaben der Polizei unter Kontrolle - mit Ausnahme vereinzelter Sachbeschädigungen, die von kleineren Gruppen ausgehen würden. Alle Entwicklungen zum Gipfel in Hamburg gibt es rund um die Uhr in unserem G20-Liveblog.

Konzert in der Elbphilharmonie am Abend

Der S-Bahnverkehr im Innenstadtbereich war zwischenzeitlich nach Angaben der Bundespolizei bis auf weiteres eingestellt - mittlerweile fährt die Bahn zwischen Hauptbahnhof und Altona aber wieder. Außerhalb des Schanzenviertels war die Lage recht ruhig. Zahlreiche Demonstranten versuchten allerdings am Nachmittag in die Nähe der Elbphilharmonie zu gelangen. Dort hörten die Gipfelteilnehmer am Abend ein Klassikkonzert. Die Polizei, die immer wieder von Linksautonomen angegriffen wurde, verhinderte das Eindringen in die Sicherheitszone mit dem Einsatz von Wasserwerfern. G20-Gegner versuchten auch mit etwa 15 Booten, sich der Elbphilharmonie zu nähern, bis die Wasserschutzpolizei sie stoppte.

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Gruppenbild mit Merkel: Die Kanzlerin mit ihren Gästen vor der Elbphilharmonie.

Die Gäste trafen unversehrt zum Konzert ein. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Leitung von Kent Nagano hatte Ludwig van Beethovens 9. Symphonie mit der "Ode an die Freude" auf dem Programm, die Hymne der Europäischen Union.

Sicherheit laut Polizei gewährleistet

Trotz der Ausschreitungen sei die Sicherheit der Gipfelteilnehmer gewährleistet, betonte die Polizei. Ihr gelang es nur unter großen Kraftanstrengungen, die gewalttätigen Proteste aus der Sicherheitszone rund um das Gipfelgelände fernzuhalten. Bei den Ausschreitungen rund um den G20-Gipfel wurden nach Angaben der Polizei bisher 197 Beamte verletzt. Es seien keine Schwerverletzten darunter. Zur Zahl der verletzten Demonstranten konnten bisher weder Polizei noch Feuerwehr Angaben machen. 83 Menschen sind laut Polizei festgenommen und 100 in Gewahrsam genommen worden, so die Polizei.

Polizei bekommt Verstärkung

Als Reaktion auf die andauernden Auseinandersetzungen forderte die Polizei Hamburg Verstärkung an. Unter anderem schickten Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zusätzliche Einsatzkräfte. Polizeipräsident Ralf Meyer schätzt, dass rund 21.000 Polizisten in der Hansestadt das Treffen schützen. Im Stadtteil Altona brannten am Freitagmorgen zahlreiche Autos. Auch das Bundespolizeirevier im Bahnhof sei angegriffen worden, teilte die Polizei mit. Die Spuren der Verwüstung sind vielerorts zu sehen: Fensterscheiben sind zerbrochen, Bankautomaten demoliert, ganze Straßenzüge mit Glasscherben und herausgerissenen Pflastersteinen bedeckt. Etliche Banken schlossen ihre Filialen. Am Nachmittag wurden oberhalb der Landungsbrücken erneut Autos angezündet.

Blockaden und Brände zum Gipfelstart

Gipfelgegner setzten am Freitagmorgen ihre Ankündigung in die Tat um, die Zufahrtswege zum Tagungsort in den Messehallen zu blockieren und so den Ablauf des Gipfels zu stören. Von verschiedenen Sammelpunkten der Stadt aus starteten Hunderte Demonstranten. Unter anderem versammelten sie sich an den Landungsbrücken am Elbufer und am Verkehrsknotenpunkt Berliner Tor. Es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, die mehrere Sitzblockaden räumten. Erneut kamen Wasserwerfer zum Einsatz. Auch das Hafengebiet südlich der Elbe wurde zum Schauplatz mehrerer Protestaktionen.

Verletzte bei Einsturz eines Absperrgitters

Auf der Flucht vor der Polizei wurden am Freitagmorgen mehrere Aktivisten schwer verletzt. Wie die Feuerwehr mitteilte, stürzten sie bei dem Versuch, mit einer größeren Gruppe von Demonstranten im Stadtteil Bahrenfeld über eine Mauer mit Absperrgitter zu klettern, aus etwa vier Meter Höhe ab, weil das Absperrgitter zusammenbrach. Sie wollten sich den Angaben zufolge Zugang zu einem Firmengelände verschaffen. 13 Demonstranten, die sich zum Teil schwer am Kopf verletzten, wurden in Krankenhäuser gebracht.

Kommentar

Kommentar: "No Tolerance" gegen Gewalt

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Eskalation: Gegenseitige Schuldzuweisungen

Bereits am Donnerstagabend war die Lage bei der "Welcome to Hell"-Demonstration eskaliert. Die Polizei stürmte in den Demonstrationszug, nachdem die Kundgebung zunächst friedlich begonnen hatte. Am Freitag gab es dann gegenseitige Schuldzuweisungen. Polizeipräsident Meyer verteidigte den Einsatz. Er sei sich "absolut sicher", dass der Einsatz verhältnismäßig gewesen sei. Die Organisatoren machten der Polizei dagegen Vorwürfe und forderten den Rücktritt von Bürgermeister Scholz und Innensenator Grote. Bei der gewaltsamen Auflösung des Protestzugs habe die Polizei Tote in Kauf genommen.

Friedliche Proteste - Greenpeace fordert "Planet Earth First"

Viele Proteste verliefen am Freitag allerdings auch friedlich: "Jugend gegen G20" setzte sich mit einem Streik in der Innenstadt für eine Reform des Bildungssystems ein. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hisste am Fernsehturm unmittelbar an den Messehallen einen Ballon. Auf der fünf Meter großen Weltkugel steht "Planet Earth First" in Anspielung auf die Parole von US-Präsident Donald Trump: "America First". Greenpeace-Aktivisten protestierten zudem mit einer Trump-Plastik auf der Elbe für den Klimaschutz. Die Fahrrad-Demo "Colorful Mass" mit mindestens 2.000 Teilnehmern bewegte sich am Abend friedlich durch die Innenstadt.

Polizei entschuldigt sich für Verkehrsbehinderungen

Autofahrer müssen sich unterdessen weiter auf Staus und Behinderungen einstellen. Polizeipräsident Meyer entschuldigte sich für das Verkehrschaos vor Beginn des G20-Gipfels am Donnerstag. Was die Autofahrer zum Teil über Stunden hätten erdulden müssen, sei "sicherlich nicht in Ordnung gewesen", sagte er am Freitag. Vor allem die Stadtteile Alsterdorf, Eppendorf und Winterhude seien betroffen gewesen. Mehr Delegationen als erwartet seien bereits am Donnerstag angereist.

Bildergalerie: Blockaden, Brände, Politik

03:23
NDR 90,3

Weitere Informationen

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Link

Der G20-Gipfel bei tagesschau.de

Was passierte beim G20-Gipfel auf der politischen Bühne? Um welche Themen es in Hamburg ging, beleuchtet auch tagesschau.de auf einer Sonderseite. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 07.07.2017 | 21:00 Uhr

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