Stand: 12.05.2020 10:07 Uhr  - NDR 90,3

Wie der Hamburger Flughafen durch die Krise steuert

von Dietrich Lehmann

Normalerweise kann man direkt an der Start- und Landebahn des Hamburger Flughafens kaum das eigene Wort verstehen. Zu Stoßzeiten hebt alle fünf bis sechs Minuten ein Flugzeug ab. Der Kontrast könnte jetzt nicht größer sein: Nahezu ungestört grasen Kaninchen am Rand der Start- und Landebahn, Vögel zwitschern in den Bäumen und Sträuchern.

"Wir haben durchschnittlich sonst im Jahr 48.000 Passagiere am Tag", sagt Flughafensprecherin Janet Niemeyer. "An Spitzentagen können es auch 65.000 sein, die hier ankommen oder abreisen." Jetzt in der Corona-Zeit sind meist mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Airports da als Passagiere. Gerade einmal 300 bis 400 Passagiere sind es an einem durchschnittlichen Tag. Das ist etwa ein Prozent des üblichen Verkehrs.

Abstandsregeln in der Abflughalle leicht einzuhalten

In der riesigen Abflughalle an Terminal 1 sind nur drei Check-In-Schalter geöffnet. Über Lautsprecher wird darum gebeten, Abstand zu halten – fast überflüssig, wenn gerade einmal zwei Dutzend Menschen in der Halle sind. Damit sich die Wartenden nicht zu nahe kommen, sind auf den Sitzbänken Einbahnstraßenschilder angebracht - nur jeder dritte Platz darf benutzt werden. Etwa die Hälfte der Passagiere trägt Mund-Nasen-Schutz.

Bild vergrößern
Über Lautsprecher wird darum gebeten, in der Abflughalle Abstand zu halten – fast überflüssig bei der herrschenden Leere.

Weil pro Tag derzeit im Schnitt nur etwa 20 Maschinen starten und landen, sind das gesamte Terminal 2 und große Teile der Gepäckbeförderung stillgelegt. Rund 80 Prozent der etwa 2.000 Flughafenmitarbeitenden sind in Kurzarbeit.

Sanierung des Vorfelds

Während in den Terminals Ruhe herrscht, geht es draußen auf dem Vorfeld geschäftig zu. Seit 2016 wird die riesige Fläche zwischen den Terminals und der Start- und Landebahn bereits erneuert, immer in Abschnitten, damit der Flughafenbetrieb weitergehen kann.

Weil jetzt kaum noch Flugzeuge starten und landen, könne mehr gebaut werden – auf einer Fläche so groß wie zehn Fußballfelder, sagt Martin Helf, der Projektleiter für die Vorfelderneuerung. "Wir müssen mindestens einen Meter Boden rausnehmen. Und gegebenenfalls müssen wir darunter auch noch Boden austauschen", sagt Helf. Im Untergrund werden neue Kabel verlegt, die später der Beleuchtung des Vorfeldes dienen sollen.

Weniger Flugzeuge, Gepäckwagen und Menschen

Rund 20 Bagger und Radlader arbeiten gleichzeitig auf dem Vorfeld, bedient von etwa doppelt so vielen Arbeitern. Coronabedingt gelten besondere Hygieneregeln. "Das heißt hier jetzt konkret, dass wir darauf achten, dass die Leute entsprechend Abstand halten. Bei Maschinen ist das nicht ganz so schlimm, da sitzen die Männer ja in ihrem Gerät", beschreibt Projektleiter Helf die Regeln. Wenn aber beispielsweise Kolonnen zusammenarbeiten, muss ein Sicherheitsabstand eingehalten werden. Nicht ganz einfach, wenn schon mal mehrere Arbeiter gemeinsam anpacken müssen, um etwas hochzuheben.

Dieses Problem hat Matthias Rosien nicht. Er sitzt allein in seinem gelb-schwarzen Kleinbus – und hat die Aufsicht über den Verkehr auf dem Vorfeld. Rosien ist dort quasi die Polizei für Flugzeuge und andere Fahrzeuge. "Wir haben jetzt Corona-Time", sagt er. Das heißt: 95 Prozent weniger Verkehr auf dem Vorfeld, weniger Flugzeuge, weniger Gepäckwagen, weniger Menschen.

Viele Langzeitparker auf dem Hamburger Flughafen

Bild vergrößern
Es ist so wenig los am Hamburger Flughafen, dass Platz für Jogger ist.

Das gilt nur für den rollenden und fliegenden Verkehr. Am Rand des Vorfelds parken rund zwei Dutzend Flugzeuge, ordentlich in Reihe, und das schon seit Wochen. Das seien die Langzeitparker, sagt Rosien mit einem verschmitzten Lächeln. "Die sind stillgelegt, eingemottet. Da werden dann Schutzhüllen vor die Triebwerke gesetzt, damit sich dort keine Vögel einnisten." Wenn die Flugzeuge irgendwann aus ihrem Corona-Schlaf geholt werden, wird es ein paar Tage dauern, um sie startklar zu machen.

Wann das passieren wird, weiß derzeit niemand. Das Auswärtige Amt hat seine weltweite Reisewarnung bis Mitte Juni verlängert. Der Hamburger Flughafen hat nach eigenen Angaben bereits jetzt Einbußen in zweistelliger Millionenhöhe zu verbuchen. Aber: Einige Fluggesellschaften wie Eurowings beginnen bereits wieder damit, mehr Verbindungen anzubieten. Seit einigen Tagen starten auch wieder Maschinen mit Ziel Mallorca.

Weitere Informationen

Corona: Flughafen für Spezialtransporte bereit

Trotz der Corona-Pandemie bleibt der Hamburger Flughafen weiterhin rund um die Uhr geöffnet. Für Not- und Spezialflüge mit Patienten, medizinischem Gerät und Erntehelfern. (14.04.2020) mehr

NDR Info

Corona-Ticker: Ermittlungen gegen Heim-Betreiber in Wentorf

NDR Info

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Betreiber eines Seniorenheims in Wentorf, in dem im Frühjahr 22 Bewohner an Corona erkrankt waren. Mehr Corona-News im Live-Ticker. mehr

Coronavirus in Hamburg: Nachrichten und Hintergründe

Wie geht es Hamburg mit der Corona-Pandemie? Welche Beschränkungen gibt es, welche Lockerungen? Hier finden Sie die aktuellen Zahlen, Nachrichten, Videos und Hintergründe. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 12.05.2020 | 11:15 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:15
Hamburg Journal
02:00
Hamburg Journal
10:25
Hamburg Journal 18.00