Nach einer Attacke auf einen jüdischen Studenten liegt ein Blumenstrauß vor einer Synagoge. © NDR Foto: Anna Rüter

Fegebank: "Antisemitismus ist ein Gift"

Stand: 06.10.2020 08:01 Uhr

Nach dem Angriff auf einen jüdischen Studenten vor der Hamburger Synagoge hat die Zweite Bürgermeisterin, Katharina Fegebank (Grüne), Anteilnahme bekundet.

"Wir sehen jetzt, dass die Gefahr allgegenwärtig ist und dass Antisemitismus ein Thema ist, das die gesamte Gesellschaft betrifft", sagte Fegebank am Montag vor einem Treffen mit Landesrabbiner Shlomo Bistritzky und weiteren Vertretern der jüdischen Gemeinde in der Synagoge Hohe Weide. Nach dem einstündigen Treffen bemerkte Fegebank: "Ich bin zutiefst beschämt, dass gestern genau hier ein jüdischer Student attackiert wurde. Ich denke, die Botschaft, die auch von heute ausgehen muss, ist, dass wir möchten, dass alle Menschen jüdischen Glaubens in unserer Stadt frei und sicher leben können."

Fegebank: Kein Einzelfall

Dafür müsse auch die Politik alles tun. "Antisemitismus ist ein Gift, das die Gesellschaft zerfressen kann und Antisemitismus ist kein Einzelfall", sagte Fegebank. Die Gesellschaft müsse sich stärker mit dem Hass, der im Netz verbreitet werde, auseinandersetzen. Man dürfe solche Vorfälle nicht als Taten Einzelner abtun, "die dann auch gerne als geistig Verwirrte beschrieben werden."

Bistritzky: Schritt zurück

Der Landesrabbiner der Stadt Hamburg, Shlomo Bistritzky, bezeichneten die Tat "als einen Schritt zurück." Nach dem Treffen mit Fegebank betonte er: "In den vergangenen Jahren haben wir in Hamburg sehr viel an jüdischem Leben aufgebaut: Schule, Kindergarten, Jugendarbeit. So ein Anschlag, auch, wenn er von einem Einzeltäter verübt wurde, bringt uns einen Schritt zurück. Weil die Menschen sich überlegen, ob sie kommen sollen oder nicht", sagte der Landesrabbiner.

VIDEO: Entsetzen nach Attacke auf jüdischen Studenten vor Synagoge (3 Min)

Hamburgs Erster Bürgermeister, Peter Tschentscher (SPD), versicherte, Hamburg stehe fest an der Seite seiner jüdischen Mitbürger- und Mitbürgerinnen. "Ich bin bestürzt über den Angriff auf den Studenten", sagte er. Der Angriff stehe in einer Reihe von Ereignissen und Straftaten in Deutschland, "die uns mahnen, entschieden gegen Antisemitismus, populistische Ausgrenzungen und Rassismus vorzugehen." Weiter betonte Tschentscher: "Die Tat bestätigt die Haltung des Senats, dass wir den Schutz jüdischer Einrichtungen und Veranstaltungen ernst nehmen müssen. Zugleich wollen wir die positive Sichtbarkeit des jüdischen Lebens in unserer Stadt erhöhen. Ein Wiederaufbau der im Nationalsozialismus zerstörten Synagoge am Bornplatz kann hierzu einen wichtigen Beitrag leisten", sagte Tschentscher. Und er kündigte an: "Gemeinsam mit den Jüdischen Gemeinden wird der Senat einen Antisemitismus-Beauftragten auswählen und benennen, der die Aktivitäten der Hamburger Behörden zur Bekämpfung von Antisemitismus und zum Schutz jüdischen Lebens koordiniert und unterstützt." Das hatte der Zentralrat der Juden zuvor gefordert.

Fehrs: Erschrocken und bedrückt

Auch andere Politiker und Personen des öffentlichen Lebens äußerten sich zu dem Anschlag. Hamburgs evangelische Bischöfin Kirsten Fehrs sagte NDR 90,3, sie erwarte, dass die Hamburgerinnen und Hamburger sich aktiv gegen Antisemitismus einsetzten. "Ich bin erschrocken und bedrückt, dass in unserer Stadt, die sich durch hohe Toleranz und eine Kultur der Vielfalt auszeichnet, die antisemitischen Attacken nach meinem Gefühl zunehmen", sagte sie.

Stricharz: Terroranschlag

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Hamburg, Philipp Stricharz, bezeichnete den Angriff als Terroranschlag. "Terror deswegen, weil solche Taten die Leute verunsichern und sie zum Teil in Angst versetzen. Und zwar in die Angst, ob man wirklich ohne Verletzungen und Behelligungen unsere jüdischen Einrichtungen erreicht, um Feste zu feiern", so Stricharz. Die Gemeinde sei fassungslos, dass trotz aller Maßnahmen vor der jüdischen Synagoge und seitens der jüdischen Gemeinde "jemand noch so nah an die Synagoge rankommt und eine solche Tat begeht".

"Hass gegen Juden entschieden entgegentreten"

Der Zentralrat der Juden forderte zum entschiedenen Eintreten gegen Antisemitismus auf. "Wir erwarten von der gesamten Gesellschaft, dem Hass gegen Juden entschieden entgegenzutreten - im Sinne unserer Demokratie, unserer Freiheit, und damit jüdisches Leben uneingeschränkt in Deutschland möglich ist", erklärte Verbandspräsident Josef Schuster am Montag in Berlin. Die Situation, dass Juden in Deutschland vermehrt zur Zielscheibe von Hass würden, dürfe niemanden in einem demokratischen Rechtsstaat wie Deutschland kalt lassen, mahnte Schuster. Die Erfahrungen aus dem Vorfall sollten genutzt werden, um zu prüfen, wie die Sicherungsmaßnahmen vor Ort verbessert werden könnten.

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Rabbinerkonferenz: Erneuter Schock für die jüdische Gemeinde

Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) bezeichnete den Vorfall als "erneuten Schock für die jüdische Gemeinde in Deutschland". Es sei "unerträglich zu erleben, dass sich Hass und Gewalt gegen Juden immer wieder auf deutschen Straßen entlädt, und das ausgerechnet während der höchsten jüdischen Feiertage sowie ein Jahr nach dem schrecklichen Attentat von Halle", erklärte der ORD-Vorstand Avichai Apel. Er forderte einen besseren Schutz jüdischen Lebens in Deutschland. Auch der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, äußerte sich erschüttert. Er sei traurig darüber, dass ein Jahr nach dem Anschlag von Halle erneut eine deutsche jüdische Gemeinde mit einem "gewalttätigen, antisemitischen Terrorakt" konfrontiert worden sei, erklärte Lauder. 

Gladiator: Sicherheitsstandards überprüfen

Auch Die Bürgerschaftsfraktionen von SPD, Grünen, CDU und Linken reagierten entsetzt auf den Angriff. "Ich bin bestürzt darüber, dass es in unserer toleranten und weltoffenen Stadt zu einem offenbar antisemitisch motivierten Angriff gekommen ist", sagte der religionspolitische Sprecher der regierenden SPD, Ekkehard Wysocki, am Montag. "Wir alle dürfen im Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus keinen Augenblick nachlassen", sagte sein Kollege Michael Gwosdz vom grünen Koalitionspartner. Das jüdische Leben in Hamburg sei fester Bestandteil der Stadtgesellschaft. Solche Taten richteten sich deshalb nicht allein gegen Juden, sondern ebenso "gegen unsere freie Gesellschaft", meinte der Innenexperte der CDU, Dennis Gladiator. "Diese widerliche Tat macht wütend und sie ist eine Schande für unsere Stadt." Er forderte, "dass nach diesem brutalen Angriff die Sicherheitsstandards aller jüdischen Einrichtungen in Hamburg überprüft werden."

Treuenfels-Frowein: Wachsamkeit

Von einer Schande sprach auch die religionspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Insa Tietjen: "Der Angriff auf einen jüdischen Studenten führt uns wieder vor Augen, warum jüdische Einrichtungen im Jahr 2020 immer noch besonders geschützt werden müssen." Gleichfalls erschüttert zeigte sich die FDP-Abgeordnete Anna von Treuenfels-Frowein. Zugleich forderte sie Wachsamkeit "nicht nur gegenüber dem rechtsradikalen Milieu der Ewiggestrigen". Dies müsse auch gegenüber Menschen gelten, "die aus ihren Herkunftsländern antisemitische Haltungen nach Deutschland mitbringen".

"Schande für unser Land"

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, es sei beschämend, wenn ein Bürger jüdischen Glaubens in Deutschland auf der Straße attackiert werde. Der Angriff sei widerwärtig, unabhängig davon in was für einem Zustand sich der Angreifer zum Zeitpunkt der Tat befunden habe. "In Deutschland ist jede solche einzelne Tat eine Schande", betonte Seibert. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) sprach von "einer Schande für unser Land. Als Rechtsstaat müssen wir alles tun, um jüdisches Leben zu schützen", sagte sie. Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) äußerte sich bestürzt und nannte die Tat einen "feigen und abscheulichen Anschlag." Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) verurteilte den Angriff. "Das ist kein Einzelfall, das ist widerlicher Antisemitismus und dem müssen wir uns alle entgegenstellen", erklärte er auf Twitter. Seine Gedanken seien bei dem Studenten. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak erklärte, die Attacke sei "ein widerwärtiger Akt". Jüdisches Leben in Deutschland zu schützen, "bleibt unsere tägliche Pflicht", twitterte er.

Mehr Schutz von jüdischen Einrichtungen gefordert

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, fordert die Länder auf, ihre Konzepte zum Schutz jüdischer Einrichtungen zu verbessern. Dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" sagte er, der Bund habe gerade zusätzlich 22 Millionen Euro für bauliche Schutzmaßnahmen bereitgestellt. Nun müssten die Länder eigene Mittel aufwenden, um Sicherheitsmaßnahmen zu finanzieren. Gleichzeitig forderte Klein, jüdisches Leben aktiv zu fördern. Das sei genauso wichtig wie der Kampf gegen den Hass.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 05.10.2020 | 17:00 Uhr

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