Stand: 01.02.2018 11:34 Uhr

Familiennachzug: Ahmed wartet auf Mama und Papa

Heute hat der Bundestag beschlossen, dass Flüchtlinge mit sogenanntem subsidiärem Schutz bis August weiterhin weder Eltern noch Ehepartner oder minderjährige Kinder nachholen können. Geplant ist, dass anschließend monatlich 1.000 Familienangehörige ihnen folgen dürfen. Zusätzlich sollen Härtefälle berücksichtigt werden. Der Syrer Ahmed wartet seit zweieinhalb Jahren in Hamburg auf seine Eltern und Geschwister. Ob er ein Härtefall ist, ist noch nicht klar.

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Ahmed ist ein aufgeweckter Junge. Aber er findet es "traurig", dass seine Familie nicht bei ihm sein kann.

Ahmed schmeißt sich auf das Bett. Der Neunjährige tippt auf seinem Tablet. Das hat der kleine Syrer geschenkt bekommen, damit er so oft wie er möchte mit seinen Eltern telefonieren kann. Und das will er jeden Tag. Seit zweieinhalb Jahren wohnt der Drittklässler in Hamburg. Doch seine Familie lebt in der Türkei. Ahmed hat subsidiären Schutz erhalten, weil ihm im Bürgerkrieg in seiner Heimat Gewalt droht. Seine Eltern und die zwei kleinen Geschwister nachholen, das darf er nicht. "Ich will, dass sie kommen. Vielleicht jetzt, in einer Stunde. Das wünsche ich mir. Ich habe sie lange nicht gesehen."

Was bedeutet subsidiärer Schutz?

Subsidiären Schutz erhalten Asylbewerber, wenn ihnen in ihrem Heimatland "ernsthafter Schaden droht" - zum Beispiel durch Folter, die Todesstrafe oder wegen eines bewaffneten Konflikts. Subsidiär Geschützte werden also nicht individuell - beispielsweise wegen ihrer politischen Überzeugung oder Religion - verfolgt. 2017 erhielten 16,3 Prozent der in Deutschland Schutzsuchenden subsidiären Schutz. 2015 waren es nur 0,6 Prozent. Menschen mit dieser Aufenthaltserlaubnis dürfen zunächst ein Jahr in Deutschland leben. Nach frühestens fünf Jahren können sie unbefristet hier bleiben. Sie erhalten eine Arbeitserlaubnis. Seit März 2016 und voraussichtlich bis August 2018 haben sie kein Recht auf Familiennachzug.

Von der Familie getrennt wegen der Geburt des Bruders

Im August 2015 kommt Ahmed in Deutschland an. Zusammen mit seinem Onkel Hadi Kayrem. Nach Monaten in diversen Flüchtlingsunterkünften wohnen sie jetzt in zwei Zimmern. Unter Ahmeds Hochbett liegen ein Puzzle und sein ferngesteuertes Auto, das blau und pink blinkt. Der Junge stellt viele Fragen - auf Arabisch und auf Deutsch. In der Schule geht er am liebsten schwimmen: "Ich kann schon. Dann macht man so." Ahmed läuft auf der Stelle und wirbelt seine Arme mit Brustschwimm-Bewegungen durch die Luft. "Hey, hey, so. Kraulen ist schwer, und wenn du keine Luft hast, gehst du schnell nach unten." Ahmed kennt das.

Bei der ersten Überfahrt von der Türkei nach Griechenland sei das Schlauchboot kaputtgegangen, erzählt sein Onkel schüchtern auf Arabisch. "Ahmeds Mutter hatte grade ein Baby bekommen, per Kaiserschnitt. Die Wunde war noch frisch, daher konnte die Familie nicht mitkommen." Ahmed ergänzt: "Deswegen bin ich allein gegangen. Ich dachte, die kommen hinterher zu mir."

Die Familie habe gewusst, dass es Familiennachzug gibt, erklärt der Onkel. Das sei sicherer, als sich mit zwei Kleinkindern allein auf den gefährlichen Weg zu machen. Dachten sie. Im März 2016 wird der Familiennachzug für subsidiär Geschützte ausgesetzt. Im April beantragen sie für Ahmed Familiennachzug. Kurz danach wird ihm nur subsidiärer Schutz gewährt. Danach passiert: nichts.

Ahmed ist frustriert

Dem damals Siebenjährigen fällt es schwer, anzukommen. "Ahmed hatte das Gefühl, die Verantwortung dafür, dass seine Eltern herkommen, liege bei ihm", sagt seine Familienhelferin. Seit eineinhalb Jahren unterstützt sie die beiden ungleichen Syrer. "Ahmed ist lebhaft, mutig, temperamentvoll, hatte aber Schwierigkeiten mit anderen umzugehen. Er war wegen der Flucht nie in einem Kindergarten und als Erstgeborener sehr verwöhnt." Der Junge war aggressiv, schlug sich mit anderen Kindern. Ohne seine Eltern zu sein, habe ihn frustriert. Wären seine Eltern hier, könnte man sich das Geld für die Jugendhilfe und den Psychiater sparen, findet die Familienhelferin. "Es tut ihm gut, auf dem Tablet zu sehen, was seine Geschwister machen. Aber es kann keine Umarmung von seiner Mutter ersetzen."

Seit Ahmed und sein Onkel in einer eigenen Wohnung leben, wird es besser. "Hier habe ich meine Ruhe", sagt Ahmed. Mittlerweile hat er einen Therapeuten, verständnisvolle Lehrer und lernt in einer Ganztagsschule, sich an die Regeln zu halten. Der Drittklässler möchte Fußballer werden - "wie Messi". "Das war auch mein Traum", sagt sein Onkel kaum hörbar. Doch seine Träume müssen seit zweieinhalb Jahren warten.

Großer Druck lastet auf dem Onkel

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Hadi Krayem ordnet sein Leben seinem Neffen unter.

Der 27-Jährige steht unter Druck. Er hat grade die B2-Deutschprüfung abgelegt, aber antwortet lieber auf Arabisch. Zurückhaltend und leise. Jeden Tag frage sein Bruder, wann die Familie endlich kommen könnte. "Als ich erfahren habe, dass Ahmed subsidiären Schutz bekommt, war ich richtig sauer - und müde." Kayrem benutzt das Wort 'müde' sehr oft. Es ist seine Umschreibung für Trauma und Depression.

"Ich habe viel gelitten in den zweieinhalb Jahren. Ahmed war sehr schwierig und braucht viel Zeit. Ich finde es schwer, mich um ihn zu kümmern und gleichzeitig ein normales Leben zu leben." Er habe keine Freunde finden können, gehe nie allein raus. Deutschkurs, kochen, aufräumen, spielen und Hausaufgaben machen. Das sei sein Alltag.

"Ich wünsche mir, dass seine Familie kommt und ich mich um mein Leben kümmern und diese Verantwortung abgeben kann". Eine Ausbildung zum Maler. Das ist Kayrems Traum heute. Seine einzige Hilfe ist die Familienhelferin. "Er zahlt die Rechnungen, führt den Haushalt tadellos und ist sehr fleißig. Aber er bekommt immer den Ärger ab, den Ahmed verursacht. Das belastet ihn sehr", erzählt sie.

9.500 Minderjährige ohne Anspruch auf Familie

Etwa 9.500 Minderjährige wie Ahmed bekamen zwischen Januar 2016 und Oktober 2017 laut Bundesinnenministerium subsidiären Schutz - zwei Drittel von ihnen sind Syrer. Wegen der Aussetzung des Familiennachzugs leben sie ohne Eltern und Geschwister in Deutschland. Das sei ein Verstoß gegen das Grundgesetz, die Europäische Menschenrechtskonvention und die UN-Kinderrechtskonvention, meint das Deutsche Institut für Menschenrechte. Ende vergangenen Jahres entschied auch das Verwaltungsgericht Berlin, dass das Kindeswohl und die Einheit der Familie unter besonderem Schutz und in dem behandelten Fall über der Migrationspolitik stünden.

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Juristin sieht neue Regelung kritisch

Helene Heuser, Juristin an der Refugee Law Clinic der Universität Hamburg, sieht auch die neue Regelung kritisch. "Die EU strebt einen einheitlichen Schutzstatus, den international Schutzberechtigten, an. Dazu gehören anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Geschützte. Beide können nicht in ihr Herkunftsland zurück und dort die Familieneinheit wieder herstellen. Sie dürfen beim Familiennachzug deshalb nicht unterschiedlich behandelt werden." Auch die geplante Vorgabe von 1.000 Menschen pro Monat sei für sie Neuland. "So etwas gab es bisher nicht. Jeder Einzelne kann sich auf eine Rechtsposition berufen. Zu sagen, der 1.001. hat dann kein Recht mehr auf Familie ist menschenrechtlich sehr problematisch." 

Kriterien für Härtefälle sind unklar

Auch Ahmeds Eltern leiden unter der Trennung; bereuen ihre Entscheidung. "Seine Mutter ist immer müde", sagt Kayrem. Ahmeds Eltern waren Anfang Januar im deutschen Konsulat in Izmir. Denn ihr Anwalt Matthias Lehnert hat einen Härtefallantrag gestellt. "Das große Problem ist, dass wir nicht wissen, worauf es ankommt und welche Unterlagen wir liefern müssen", sagt Lehnert. Unklar seien die Kriterien, nach denen das Auswärtige Amt Härtefälle prüft. 2017 bekamen nur 42 Minderjährige wegen Härtefällen Visa für ihre Eltern.

Ob Ahmeds Familie herkommen darf, ist auch zweieinhalb Jahre nach seiner Ankunft in Hamburg unklar. "Ich habe das Gefühl, dass es klappen wird. Inschallah - so Gott will", sagt Kayrem. Dabei lächeln kann er nicht. Und Ahmed? Was machst du, wenn du deine Familie wieder siehst? Der Junge wackelt mit dem Kopf hin und her und grinst. "Meine Eltern 30 Mal küssen - oder 100 Mal."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 01.02.2018 | 07:08 Uhr

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