Stand: 22.08.2011 08:42 Uhr  | Archiv

Ein Viertel kommt schwer in die Gänge

von Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de

Heiko Donsbach ist in seinem Element. Im Hamburger Gängeviertel zeigt der Architekt auf den Dielenboden in einer früheren Eckkneipe. Auf den ersten Blick sieht es aus, also ob dort ein echter Teppich liegt. Aber dem ist nicht so. "Das Teppich-Muster ist mit einer Art Linoleum-Ersatz auf den Dielenboden aufgetragen", erklärt Donsbach. Bis etwa 1915 sei dieser Bodenschmuck beliebt gewesen, weil echte Teppiche unerschwinglich gewesen seien. "Solch ein Fußboden ist nur noch sehr selten im Ganzen erhalten", sagt der Architekt.

Wo bleibt das Happy End?

Vor genau zwei Jahren, am 22. August 2009, besetzten 200 engagierte Hamburger das Gängeviertel, um die historischen Gebäude vor dem Abriss durch einen niederländischen Investor zu bewahren. Auch Donsbach war damals dabei. Er mag das Wort "Besetzung" in diesem Zusammenhang nicht, er spricht lieber von "kultureller Inbesitznahme". Wer heute durchs Gängeviertel schlendert, denkt unweigerlich: Hier hat sich nicht viel getan. Die Künstler haben vieles notdürftig repariert, aber die Sanierung lässt weiter auf sich warten. Angesichts der Proteste und bundesweiter Schlagzeilen hatte die Stadt Hamburg das Gelände bereits im Dezember 2009 von dem Investor zurückgekauft. Das Areal mit all den denkmalgeschützten Gebäuden ist also wieder in den Händen der Stadt. Aber was kommt nun?

Die Verhandlungen mit der Stadt laufen zäh, wie es im Gängeviertel heißt. Viele beklagen, dass die Stadt zu sehr auf eingetretenen Pfaden wandele. Es gebe keinen Mut, in dem kleinen Häuser-Ensemble etwas Neuartiges auszuprobieren, ist zu hören. Oder: Die Stadt habe eine "absurde Angst" vor einer Radikalisierung der Bewohner und einer zweiten Roten Flora.

Ein unterschriftsreifer Vertrag

Auf Seiten der Stadt zeigt man sich optimistisch, dass es bald vorangeht. "Anfang September wird der Senat das Gängeviertel als Sanierungsgebiet ausweisen" sagt Frank Krippner, Sprecher der Stadtentwicklungsbehörde auf Anfrage von NDR.de. Mit diesem Schritt könne Hamburg beim Bund und auf EU-Ebene Fördergelder beantragen. Rund 20 Millionen Euro soll die Sanierung des Gängeviertels kosten. Zu den schleppenden Verhandlungen zwischen Stadt und Gängeviertel-Initiative sagt Krippner: "Wir sind den Gängeviertel-Unterstützern weit entgegengekommen." Eine Einigung sei in Sicht. "Es liegt schon ein unterschriftsreifer Vertrag vor", sagt Krippner.

Wer soll das Sagen haben?

Das Gelände soll im Eigentum der Stadt bleiben. So viel ist klar. Strittig ist noch, wer künftig das Sagen hat. Die Künstler pochen auf eine Selbstverwaltung in Form einer Genossenschaft. Ziel sei, ein spezielles Quartier für Kunst und Kultur zu schaffen, das allen Hamburgern offen steht. Seit einem halben Jahr ist es möglich, Genossenschaftsanteile zu erwerben - für 500 Euro pro Anteil. Weit mehr als 200 sind nach Angaben der Gängeviertel-Initiative schon verkauft.

Die Stadt will den Künstlern die Selbstverwaltung nicht verweigern. "Aber wir sind uns noch nicht einig, ab wann die Selbstverwaltung greifen soll", meint Krippner aus der Stadtentwicklungsbehörde. Die Stadt wolle erst abwarten, bis die ersten Mieter die Wohnungen bezogen haben. Der Gängeviertel-Initiative ist dies zu spät. "Wir brauchen Sicherheit", sagt Christine Ebeling, Sprecherin der Initiative. "Wir können nicht acht oder neun Jahre lang warten, bis die Sanierung beendet ist." Wenn die ersten Mieter nicht der Gängeviertel-Genossenschaft angehörten, sei die ganze Idee der Genossenschaft hinfällig. "Die Genossenschaft ist für uns der zentrale Punkt", betont Ebeling im Gespräch mit NDR.de.

"Notfalls rufen wir zu Spenden auf"

Ein weiterer Streitpunkt ist, wer die Sanierung plant. Der Gängeviertel-Verein fordert einen unabhängigen Architekten, der nicht den wirtschaftlichen Interessen der Stadt verschrieben ist. Als Horrorszenario gilt vielen Künstlern ein "glattsaniertes" Quartier, wie es in Berlin in den Hackeschen Höfen zu erleben sei. Die Stadt ihrerseits führt an, ein externer Architekt sei zu teuer. "Wenn die Stadt jetzt schon sagt, ein unabhängiger Architekt sei zu teuer, dann können wir uns schon vorstellen, wie die Gebäude am Ende aussehen", sagt Ebeling. Sie befürchtet, dass bei der Sanierung Geldfragen eine zu große Rolle spielen. Es sei keineswegs gesichert, dass einige Gebäude nicht doch noch abgerissen werden. Und zwar dann, wenn die Stadt meint, eine Sanierung sei zu kostspielig.

An der Forderung nach einem unabhängigen Architekten will die Gängeviertel-Initiative festhalten. "Notfalls rufen wir zu Spenden auf, um das Honorar für den Architekten aufbringen zu können", sagt Ebeling.

Eine Tapete als Zeitzeuge

Die Gängeviertel-Initiative hat eine genaue Zukunftsvision: Es sollen Wohnungen für rund 150 Menschen entstehen. Zudem viele Ateliers, die Künstler nutzen können. Gewünscht wird, dass die historischen Gebäude behutsam saniert werden. Idealerweise sollen nicht nur die Fassaden erhalten bleiben, sondern auch vieles andere, das den Charme des einstigen Arbeiterviertels ausmache. "Die Grundrisse der Wohnungen, die alten Tapeten oder auch ein hundert Jahre altes Waschbecken können viel über die vergangene Zeit erzählen", sagt Architekt Donsbach. Wichtig sei, dass künftig Arbeiten und Wohnen wieder nah beieinander liegen. So wie es früher im Gängeviertel üblich war.

Aber erst einmal wollen die Unterstützer den "Geburtstag" des Gängeviertels feiern - zwei Jahre nach dem Beginn der Besetzung. Für das kommende Wochenende wird ein ausführliches Programm auf die Beine gestellt. Alle Hamburger sind eingeladen. Auch um sich ein Bild davon zu machen, was sich in letzter Zeit im Gängeviertel getan hat.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 22.08.2011 | 19:30 Uhr

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