Stand: 24.04.2019 12:47 Uhr

Deutlich mehr Menschen in U-Haft

von Christoph Heinzle, Carl-Georg Salzwedel und Elke Spanner

Die Zahl der Untersuchungsgefangenen in Deutschland ist seit 2014 um 25 Prozent gestiegen. Besonders stark war der Anstieg in Hamburg. Eine große Rolle spielt dabei die Zunahme bei ausländischen U-Häftlingen - ebenfalls um ein Viertel. Das ergaben Berechnungen des NDR auf Grundlage von Daten des Statistischen Bundesamtes. Dabei gibt es weniger Straftaten, weniger Tatverdächtige, weniger Verurteilte und weniger Haftstrafen.

Das Backsteingebäude des Untersuchungsgefängnises Holstenglacis. Am linken Bildrand zieht sich ein hoher Maschendrahtzaun bis zum Gebäude entlang.

Zahl der Menschen in U-Haft deutlich gestiegen

Hamburg Journal 18.00 -

Trotz weniger registrierter Straftaten gibt es in Deutschland seit 2014 deutlich mehr Untersuchungshäftlinge. Das ergeben Recherchen des NDR. Besonders stark ist der Anstieg in Hamburg.

5 bei 8 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Im alten Teil der Hamburger Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis hängen die 100 Jahre Geschichte spürbar in der Luft. Es riecht nach Mensch, Reinigungsmitteln und verbrauchter Luft. Bisher ist nur ein Teil saniert und nach modernen Haftstandards umgebaut worden. Das Gefängnis ist voll. "Einzelne Hafträume, die es von der Raumgröße her zulassen und wo es einen abgetrennten Nassbereich gibt, belegen wir auch doppelt", erzählt Anstaltsleiter Henning Clasen. Auch außerhalb der Zelle spüren die Gefangenen, wie voll das Gefängnis ist. Viele von ihnen wollen arbeiten. Doch zurzeit sind 465 Gefangene in der Haftanstalt - und nur für 120 gibt es Jobs. Auch für die Sportgruppen oder Kochkurse gibt es Wartelisten.

Oft nur zwei Stunden Besuch pro Monat

Bild vergrößern
Claudia Dreyer hat das Untersuchungsgefängnis 13 Jahre lang geleitet.

Claudia Dreyer hat die Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis bis vorigen Sommer geleitet, 13 Jahre lang. Für besonders problematisch hält sie, dass Gefangene bei voller Belegung oft nur die Mindestdauer von zwei Stunden pro Monat für Besuch bekämen, weil Beamte für die Aufsicht fehlten. "Das ist tatsächlich eine Einschränkung", sagt Dreyer, "nicht nur für die Betroffenen, für die ja auch die Unschuldsvermutung gilt, aber auch für die Angehörigen".

Richter sehen bei Ausländern häufiger Fluchtgefahr

Mehr bei Tagesschau.de
Link

Zahl der U-Häftlinge in Deutschland stark gestiegen

Die Zahl der Untersuchungshäftlinge in Deutschland ist seit 2014 im Durchschnitt um 25 Prozent gestiegen. Das haben Berechnungen des NDR ergeben. Lesen Sie mehr bei tagesschau.de extern

In einer Umfrage des NDR unter allen 16 Justizministerien der Länder werden mehrere mögliche Faktoren für den deutlichen Anstieg bei den Untersuchungsgefangenen genannt: die verstärkte Bekämpfung einzelner Straftaten, lange Verfahren und die zugenommene Zahl ausländischer Tatverdächtiger.

Nach einer Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes für den NDR gab es 2017 unter den in der Strafverfolgungsstatistik erfassten Untersuchungshäftlingen 26 Prozent mehr Ausländer als 2014. Im selben Zeitraum sank die Zahl der Deutschen in U-Haft um acht Prozent. Bei Ausländern wird häufiger auf Fluchtgefahr als Haftgrund entschieden - vor allem, wenn sie keinen festen Wohnsitz und keine sozialen Bindungen in Deutschland haben. In Norddeutschland fiel der Anstieg sehr unterschiedlich aus: Deutlich überdurchschnittlich ist der Anstieg in Hamburg (plus 39 Prozent) und Schleswig-Holstein (plus 37 Prozent). Niedersachsen liegt mit einem Zuwachs von 26 Prozent bei den ausländischen U-Häftlingen genau im Bundesschnitt. In Mecklenburg-Vorpommern stagnierte die Zahl.

Hamburgs Justizsenator erklärt Anstieg mit Fahndungserfolgen

Bild vergrößern
Fahndungserfolge seien der Grund für die hohe Zahl von Untersuchungshäftlingen, sagt Justizsenator Steffen.

Hamburgs Justizsenator Till Steffen (Grüne) erklärt das unter anderem mit der verstärkten Verfolgung von Einbrechern und Kleindealern durch die Polizei. "Wenn man dann tatsächlich erfolgreich ist, dann liegen in vielen Fällen noch Haftgründe vor, weil es sehr mobile Täter sind, bei denen dann auch dementsprechend Fluchtgefahr besteht", so Steffen.

U-Haft ist keine vorgezogene Strafe, sondern sie soll sicherstellen, dass ein Prozess stattfinden kann, ohne dass vorher Beweise verschwinden oder Zeugen beeinflusst werden. Sieht das Gericht eine solche Verdunklungsgefahr bei einem Verdächtigen, ist das ein Grund für Untersuchungshaft. Wiederholungsgefahr ist ein anderer. Der mit Abstand häufigste Haftgrund ist Fluchtgefahr.

Strafverfahren werden immer komplexer

Bild vergrößern
Blick in das Hamburger Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis. Es ist immer häufiger voll belegt.

Ein weiterer Faktor für den Anstieg bei den Häftlingszahlen ist nach Angaben von Justizbehörden, Richtern und Anwälten, dass Ermittlungs- und Strafverfahren in den vergangenen Jahren komplexer und langwieriger geworden seien. Tatverdächtige sitzen nicht selten bis zu einem rechtskräftigen Urteil in U-Haft. Die Zahl der Gefangenen, die länger als sechs Monate in Untersuchungshaft sind, ist seit 2014 um 25 Prozent gestiegen. "Viele wissen nicht, dass man in Deutschland durchaus mehrere Jahre in Untersuchungshaft gehalten werden kann", sagt die Hamburger Strafverteidigerin Iris-Maria Killinger. Vielen ihrer Mandanten mache die Ungewissheit zu schaffen, nicht zu wissen, wie lange sie im Untersuchungsgefängnis bleiben müssen.

Hamburg hat die meisten U-Häftlinge in Relation zur Einwohnerzahl

Auffällig sind die großen regionalen Unterschiede bei der Zahl der Untersuchungsgefangenen. Hamburg hat dabei eine Spitzenstellung. Bezogen auf die Einwohnerzahl hat die Stadt mit weitem Abstand die meisten U-Häftlinge aller Bundesländer. Mehr als doppelt so viele wie der Bundesdurchschnitt und zwei Drittel mehr als Berlin, das den zweiten Rang unter den Ländern einnimmt.

Hamburg hat auch die - nach Bremen - zweitgrößte Steigerung seit 2014 zu verzeichnen. In diesen vier Jahren hat sich die Zahl der Untersuchungsgefangenen in der Hansestadt nahezu verdoppelt. Auswertungen des NDR ergaben ein Plus von 87 Prozent in Hamburg. In Niedersachsen waren es plus 11 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern plus 10 Prozent und in Schleswig-Holstein plus 2 Prozent.

Weitere Informationen
29:31
NDR 90,3

Untersuchungshaft in Hamburg

NDR 90,3

In Hamburg ist die Zahl der Untersuchungshäftlinge seit 2014 nach Recherchen des NDR deutlich angestiegen. Der Treffpunkt Hamburg berichtet über Gründe und Hintergründe. Audio (29:31 min)

05:38
NDR Info

U-Häftlinge: Sütterlin-Waack will reagieren

NDR Info

Schleswig-Holsteins Justizministerin Sütterlin-Waack (CDU) will die Gefängnisse an die hohe Zahl ausländischer Untersuchungs-Gefangener anpassen. Das sagte sie auf NDR Info. Audio (05:38 min)

Link

Zahl der U-Häftlinge stark gestiegen

Seit Jahren geht die Zahl der Straftaten in Deutschland zurück, die Zahl der Untersuchungsgefangenen ist aber stark gestiegen. Sich hinziehende Verfahren sind dafür nur ein Grund. tagesschau.de berichtet. extern

Strafjustizgebäude wird umgebaut und saniert

Das Strafjustizgebäude am Sievekingplatz platzt nach Angaben der Hamburger Justizbehörde aus allen Nähten. Durch einen Umbau sollen neue Verhandlungssäle und Büros entstehen. (04.04.2019) mehr

Personalmangel: Sicherheit in Gefängnissen gefährdet?

Stress und unnötige Gefahrensituationen - der Personalmangel in norddeutschen Justizvollzugsanstalten führt zu Problemen für Mitarbeiter und Häftlinge. (26.03.2019) mehr

So sicher sind die Hamburger Stadtteile

Die meisten Straftaten in Hamburg werden nach wie vor im Bezirk Mitte begangen. Laut einer Detailauswertung der Kriminalstatistik wurden dort 2018 rund 79.000 Fälle registriert. (12.03.2019) mehr

Innensenator Grote: "Hamburg wird sicherer"

Das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, ist in Hamburg so niedrig wie zuletzt in den 80er-Jahren. Laut Kriminalstatistik gibt es aber mehr Drogendelikte und Online-Betrug als zuletzt. (07.02.2019) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Das Forum | 24.04.2019 | 01:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

01:59
Hamburg Journal
02:17
Hamburg Journal
02:25
Hamburg Journal