Stand: 10.06.2020 08:39 Uhr

Der beschwerliche Weg aus der Corona-Krise

von Ulrich Czisla

Die meisten wegen der Corona-Pandemie geschlossenen Geschäfte, Hotels und Restaurants sind mittlerweile wieder geöffnet. Trotzdem sind für viele Betriebe die Folgen der Covid-19-Einschränkungen noch längst nicht ausgestanden. Seit zweieinhalb Monaten begleiten wir drei Hamburger Betriebe auf ihrem Weg durch die Krise.

Marcus van Riesen telefoniert in seinem Hotel in St. Pauli © NDR Foto: Ulrich Czisla
Die Wiedereröffnung seines Hotels war für Markus van Riesen ein überraschend emotionaler Moment.

73 Tage war das Hotel St. Annen im Hamburger Stadtteil St. Pauli corona-bedingt geschlossen. Geschäftsführer und Inhaber Markus van Riesen saß allein in seinem 32 Zimmer-Haus. Für seine 15 fest angestellten Mitarbeiter hatte er Kurzarbeit Null beantragt. Seit einer Woche hat van Riesen das besonders bei Hamburg-Touristen beliebte Hotel nun wieder geöffnet. Für den sonst sehr rational wirkenden Hotelier war das ein überraschend emotionaler Moment: "Ich hätte nicht erwartet, das mir das so nahegeht: Nach über zehn Wochen das Hotel wieder zu öffnen und wieder da zu sein, wieder am Leben zu sein, so hat es sich für mich tatsächlich angefühlt. Das war sehr, sehr emotional für mich. Als ich am Wiedereröffnungstag abends nach Hause kam, kamen mir fast die Tränen."

Vorsichtiger Optimismus

Während es in den vergangenen Wochen praktisch ausschließlich Zimmer-Stornierungen in dem Hotel in der Annenstraße gab, trauen sich jetzt erste Touristen wieder, einen Hamburg-Besuch zu buchen. Van Riesen zieht - wenige Tage nach Wiedereröffnung - eine vorsichtig positive Bilanz: "Natürlich schätzt man jede einzelne Buchung noch mehr, als wir es ohnehin schon getan haben. Wir hatten jetzt am dritten Tag immerhin schon 16 Zimmer belegt, das sind 50 Prozent unserer insgesamt 32 Zimmer."

Garten-Einrichtungsgeschäft profitiert von neuer Häuslichkeit

Thies Gudewer in seinem Geschäft für Garteneinrichtung © NDR Foto: Ulrich Czisla
Viele Menschen haben in diesem Jahr auf ihren Urlaub verzichtet und richten es sich zu Hause gemütlich ein, davon profitiert das Garten-Einrichtungsgeschäft von Thies Gudewer.

Was natürlich noch fehlt, dass seien die großen Hamburger Attraktionen - wie etwa die Musicals, die Theater und Konzerte. Andererseits - sagt er und macht dabei natürlich auch Werbung in eigener Sache - hätte das Miniatur-Wunderland Hamburg schon wieder geöffnet, es würde Hafenrundfahrtengeben und obendrein sei Hamburg die grünste Stadt Deutschlands. Thies Gudewer, Chef eines Garten-Einrichtungsgeschäftes im Hamburger Stadtteil Sülldorf, kommt dagegen in diesen Tagen fast ohne Werbung aus. Annähernd 100 Prozent seiner Kunden, so erzählt er, würden in diesem Jahr keine Auslands-Reise planen. Und genau das habe positive Auswirkungen auf seine Umsatzzahlen, sagt er: "Die Kunden scheinen sich ihr Zuhause so richtig schön machen zu wollen. Wir haben nach wie vor erfreulich hohe Auftragseingänge, die Aufholjagd läuft. Wir sind zwar noch nicht auf dem Vorjahresniveau, aber inzwischen kann man wirklich Hoffnung haben, das wir das erreichen", gibt sich Gudewer optimistisch.

Kunden haben Nachholbedarf bereits gedeckt

Heike Schramm (links) und ihre Kollegin in ihrem Blumenladen. © NDR Foto: Ulrich Czisla
Bei Blumenhändlerin Heike Schramm ist der Nachholbedarf ihrer Kunden schnell verpufft.

Bei Heike Schramm, Blumenhändlerin in Hamburg-Othmarschen, ist die Stimmung etwas gedrückter. Zwar habe es einen Nachholeffekt bei den Kunden gegeben für die zwei Wochen Geschäftsschließung, aber der sei inzwischen aufgebraucht: "Mittlerweile sind sämtliche Balkonkästen bepflanzt und nun kommt so langsam das normale Tagesgeschäft, aber unsere Veranstaltungen fallen alle weg. Normalerweise schließen wir vier Wochen im Sommer, aber ob wir das dieses Jahr machen, wissen wir noch nicht. Allerdings müssen wir erst einmal sehen, ob es sich für uns überhaupt rechnet, geöffnet zu haben."

Viele Betriebe werden es nicht schaffen

So wie für die Blumenhändlerin Schramm ist auch für viele Hamburger Mittelständler die Corona-Krise noch längst nicht ausgestanden, auch wenn sie ihre Geschäfte mittlerweile wieder geöffnet haben. Das dicke Ende, sagt Hotelier van Riesen, stehe einigen noch bevor: "Es wird sicherlich noch viele, viele Betriebe erwischen, die heute noch da sind, aber die es vielleicht in einem Dreivierteljahr oder in einem Jahr nicht mehr gibt. Spätestens dann, wenn die Unterstützung des Staates, die KfW-Mittel zurückzuführen sind." Konkret heißt das: Viele Unternehmen die schon angeschlagen in die Krise gegangen sind, werden in den nächsten Monaten ein Fall für den Insolvenzverwalter.

Weitere Informationen
Um einen Stapel Euromünzen und Euroscheine schweben stilisierte Corona-Viren. © Colourbox Foto: Anterovium, Antonio Vale

Zuschüsse und Anträge: Corona-Hilfen im Überblick

Die Nordländer bieten zahlreiche wirtschaftliche Corona-Hilfsmaßnahmen an. Wichtige Anlaufstellen für Zuschüsse, Anträge auf Grundsicherung oder Soforthilfe im Überblick. mehr

Eine Laborantin sitzt an einem Mikroskop in einem abgedunkelten Labor © Colourbox

Was Sie zum Coronavirus wissen müssen

Die Corona-Pandemie hat den Alltag massiv verändert. Das Virus hat sich ausgebreitet. Was muss weiter beachtet werden? Was hat die Forschung ergeben? Fragen und Antworten zum Coronavirus. mehr

Ein Mann sitzt neben Apfelsaftkisten, im Hintergrund steht ein Schild, auf dem "Willkommen" zu lesen ist.
3 Min

Soziale Saftfirma kämpft wegen Corona um Existenz

Das Unternehmen "Das Geld hängt an den Bäumen" produziert Säfte und beschäftigt Obdachlose, Berufsabbrecher und Menschen mit Behinderungen. Doch die Verkäufe sind eingebrochen. 3 Min

Ein Reisebus vor dem Landtag Hannover. Darauf steht die Forderung "Zuschüsse sofort". © NDR

Busunternehmen fordern Corona-Hilfen

Ein Busunternehmer aus Vechta will auf die verzweifelte Lage seiner Branche aufmerksam machen. Er hat einen offenen Brief verfasst und fährt nach Berlin. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 08.06.2020 | 11:41 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Zeitumstellung © by-studio/fotolia Foto: by-studio

Zeitumstellung: Nun gilt wieder die Winterzeit

Haben Sie daran gedacht, die Uhren umzustellen? Mit der Winterzeit wird es nun morgens früher hell, abends eher dunkel. mehr

Menschen, die Einkaufstüten tragen, von hinten fotografiert. © picture alliance / dpa Foto: Franziska Kraufmann

Hamburgs Geschäfte dürfen heute öffnen

In Hamburg wird heute ein verkaufsoffener Sonntag nachgeholt. Der war im April wegen des Corona-Lockdowns ausgefallen. mehr

Radfahrer fahren während einer Pop-up Radwegaktion des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) auf einer zeitlich begrenzt für sie reservierten Spur der Reeperbahn. © picture alliance / dpa Foto: Markus Scholz

Petition für mehr Pop-up-Radwege in Hamburg übergeben

13.065 Menschen haben die Petition "Pop-up-Radwege in Hamburg jetzt!" unterschrieben. Sie wurde auf der Reeperbahn übergeben. mehr

HSV-Spieler jubeln nach dem Tor zum 2:1 gegen Würzburg von Simon Terodde. © picture alliance / dpa Foto: Daniel Bockwoldt

Terodde wieder mit Doppelpack - HSV schlägt Würzburg

Die Hamburger feierten in der Zweiten Liga den fünften Sieg in Folge und bauten ihren Vorsprung an der Tabellenspitze aus. mehr