Stand: 24.05.2017 06:50 Uhr

"Der Täter soll sich nie sicher sein"

Hilal ist zehn Jahre alt und glücklich, bevor sie aus der Welt verschwindet. Fünf Grad zeigt das Thermometer an diesem 27. Januar 1999. Ab und zu blitzt die Sonne durch. Gerade gab es Zeugnisse. Ihres war so gut, dass sie sich eine Süßigkeit im Spar gegenüber ihres neunstöckigen Elternhauses kaufen darf. Gelbe Spange im schwarzen Haar. Plateauschuhe zur schwarzen Jeans. 1,45 Meter groß. Das kleine Mädchen hat eine Packung Hubba Bubba dabei, als es den Supermarkt in der nicht überdachten Elbgau Einkaufspassage in Hamburg-Lurup Richtung Parkplatz verlässt. Auf der anderen Straßenseite wohnt sie. Es ist kurz vor halb zwei nachmittags. Der Besitzer des Gemüseladens an der Ecke sieht sie noch vorbeigehen. Er ist der letzte. Oder?

Hamburgs vermisstes Mädchen: Hilal

Sind irgendwo noch Zeugen?

Die Ermittler Volker Quast und Steven Baack wollen auch 18 Jahre nach Hilal Ercans Verschwinden daran glauben, dass irgendwo jemand ist, der das Kind danach noch gesehen hat. Jemand, der einen Hinweis geben kann, wo der Täter sie hinbrachte. Was mit ihr passierte? Wer die Person ist, die die Zehnjährige aus ihrem Leben gerissen hat. "Auch nach so langer Zeit können neue Zeugen auftauchen. Menschen, die damals nichts sagen konnten oder wollten. Vielleicht können sie jetzt", erklärt Baack seine Hoffnung. Eine damalige Freundin des Täters, eine Autofahrerin, Mitwisser?

Ermittlungen seit 18 Jahren

Baack, Leiter der Einheit Cold Cases des Hamburger Landeskriminalamtes, und sein Kollege Quast laufen den Weg vom Supermarkt Richtung Straße. Unter dem Baum durch, vorbei am Gemüseladen in dem derselbe Verkäufer wie damals arbeitet, auf den vielbefahrenen Parkplatz. Irgendwo hier muss Hilal verschwunden sein. "Ein Bus auf Ausbildungsfahrt fuhr damals hier vorbei und musste wohl an der Ampel halten. Den Busfahrern fiel ein Mann auf, der nicht zu dem kleinen Mädchen passte, an dessen Arm er zog", erzählt Quast. Damals, 1999, war der heute 58-Jährige für Sexualstraftäter zuständig und arbeitete der Sonderkommission für Hilal zu. Er begleitet das verschwundene kleine Mädchen von Anfang an - und sie begleitet ihn bis jetzt. Mittlerweile hat Quasts Abteilung Cold Cases den Fall Hilal komplett übernommen. Das war ihm wichtig. Denn bald geht er in Rente - da will Quast die Kleine in guten Händen wissen.

Hilal ist Hamburgs einziges vermisstes Kind

Hilal ist das einzige vermisste Kind in Hamburg, dessen Verbleib ungelöst ist.

"Sie sitzt mir quasi auf der Schulter." Volker Quast, Kriminalhauptkommissar

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In der Rissener Kiesgrube haben die Ermittler nach Hilals Leiche gesucht.

Erst vorhin war Hilals Bruder zum Gespräch da. Quast, hanseatisch ehrlich, mit mildem Lächeln, wurde gar nicht gefragt, ob er bei der neuen Einheit Cold Cases dabei sein will. Es war einfach klar. Seit Oktober 2016 rollen die vier Mitarbeiter der Abteilung Kapitalverbrechen wieder auf, kümmern sich also nur um Tote und Vermisste. "Cold" ist ein Fall, wenn die Ermittlungen eingestellt wurden, erklärt Baack. In Absprache mit der Staatsanwaltschaft suchen die Mitarbeiter sich Altfälle aus. Immer liegen mehrere gleichzeitig auf ihrem Schreibtisch. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, den Fall aufzuklären? Wie ist die Spurenlage? Gibt es neue Hinweise? An solchen Fragen orientieren sie sich bei der Auswahl.

"Wir wollen den Tätern klar machen, dass sie nie sicher sind - und den Opfern, dass wir sie nie vergessen ." Steven Baack, Kriminalhauptkommissar

Baack war zuvor jahrelang im Spezialeinsatzkommando. Er trat Türen ein und nahm Schwerkriminelle fest. Noch heute trägt er seine Waffe ständig am Körper. Hilal war zwar nie ein echter "cold case". Bis vor Kurzem verfolgte ein Mitarbeiter im LKA Hinweise zu ihr. Aber nur, wenn Zeit zwischen aktuellen Fällen war. Hier bei der EG163 haben Baack und Quast immer Zeit für Hilal. Denn aufhören nach ihr zu suchen - das können sie nicht. Sie wollen Gewissheit, für sich und vor allem für Hilals Familie.

Über 600 Hinweise und zwei Tatverdächtige

Die Ermittler sind bisher mehr als 600 Hinweisen nachgegangen. Viele waren hilfreich - einzelne Zeugen entpuppten sich als Lügner und Wichtigtuer. Was fehlt, sind Beweise. Kein Haar, kein Blut, keine Kleidung. "Das Mädchen ist wie ein Luftballon weggeweht", sagt Quast auf dem Parkplatz mit Blick auf Hilals Elternhaus. Dass bis heute keine Leiche gefunden wurde, machte es auch unmöglich, einen der beiden bisherigen Tatverdächtigen zu überführen. Beide Männer wurden wegen anderer Sexualstraftaten an Kindern verurteilt. Einer legte 2005 ein Geständnis ab: Dirk A. Er habe Hilal erwürgt und vergraben. Doch er widerrief, führte die Ermittler nicht zur Leiche. "Vielleicht wollte er sich wichtig machen. Vielleicht aber doch nicht die Verantwortung für seine Tat übernehmen. Es kann viele Gründe haben", versucht Quast das Hin und Her zu erklären.

Suche nach Zeugen in Rissener Kiesgrube

Um Hilals Leiche zu finden, haben die Hamburger Polizisten in den 18 Jahren viel getan. Sie haben Wälder und Felder durchkämmt, Spürhunde auf die Fährte und Taucher in Seen geschickt. Die größte Fahndungsaktion in der Hamburger Kriminalgeschichte brachte keinen Erfolg. Auch als ein Zeuge am Tag von Hilals Verschwinden ein verdächtiges Auto im Park der Rissener Kiesgrube gesehen haben wollte, kamen sie mit großem Gerät. Zwei Mal baggerten sie den Erdboden aus, fällten Bäume, trugen Schicht für Schicht Erde ab, damit die Forensiker nach Knochen suchen konnten. Nichts. Baack und Quast stehen heute erneut im Wäldchen der Kiesgrube und suchen den Ort, an dem sie graben ließen. "Wenn wir neue Hinweise bekommen, könnte sich unsere Einschätzung zwar ändern. Aber es ist höchst unwahrscheinlich, dass Hilal noch lebt", sagt Baack. Vielleicht hat noch jemand hier in der Grube am 27. Januar 1999 etwas beobachtet? Ein Auto, einen Mann? Nach 18 Jahren fällt es manchmal schwer, für neue Theorien offen zu bleiben. Sie versuchen es. Für Hilal.

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Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 26.05.2017 | 14:00 Uhr

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