Stand: 01.03.2019 17:08 Uhr

Das Phänomen "Greta" wird bald verblassen

Tausende Schülerinnen und Schüler versammeln sich jeden Freitag auf den "Fridays for Future"-Demonstrationen. Statt Unterricht wird für engagierteren Klimaschutz demonstriert. Initiiert hat diese Kampagne die schwedische Schülerin Greta Thunberg. Die 16-Jährige inspiriert die ganze Bewegung, sie selbst taucht als Aktivistin auch bei politischen Großveranstaltungen wie beim Weltwirtschaftsforum auf oder trifft EU-Kommissar Jean-Claude Juncker. Am Freitag war sie zum ersten Mal auf einer Kundgebung in Deutschland: auf dem Hamburger Rathausmarkt.

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Gerd Wolff meint, dass es entscheidend ist, seine Meinung in diesem Land jederzeit sagen zu dürfen.

Nun sitzt sie also wieder im Zug zurück nach Schweden. Fliegen geht ja nicht, der Symbolik wegen, auch für eine 16-Jährige wie Greta Thunberg gelten längst die Vorgaben des internationalen Polit-Kampagnen-Business: Wenn schon Vorbild, dann immer zu 100 Prozent. Deshalb gehen auch alle ach so erwachsenen Wünsche ins Leere, die dieser jungen Frau etwas mehr Leichtigkeit beim Umgang mit ihrem ernsten Thema empfehlen würden.

Das schmale Lächeln, die strenge Falte zwischen den Augen, das muss wohl so sein, wenn sich jemand nicht weniger als die Rettung des Weltklimas vorgenommen hat. Ihr Asperger-Syndrom habe ihr Interesse am Klimaschutz erst wachsen lassen, sagte sie in einem Interview.

Wer will Gretas Botschaften widersprechen?

Wir alle kennen die im Grunde folgenlosen Rituale der internationalen Klimapolitik. Vielleicht hören wir die Botschaft, dass es eher fünf nach zwölf ist, ja deutlicher, wenn jemand wie Greta Thunberg sie überbringt - weil sie ihr Thema womöglich tiefer und auf jeden Fall glaubhafter durchdringt.

"2050 bin ich erst 45", war die Ansage an die nachlässige Politik der Erwachsenen, formuliert auf einem der Plakate vor dem Hamburger Rathaus. Wer wollte widersprechen? 

Der nächste Hype wartet schon

Was also hat der Auftritt in Hamburg gebracht, außer dass die immer noch mehrheitlich dieselbetriebene Busflotte der Hochbahn einen Vormittag lang einen Bogen um die Innenstadt fahren musste? Der Chor der Klimaretter hat eine Stimme mehr, eine, die eine Zeit lang eher gehört wird als die ritualisierten Warnungen von Grünen, Greenpeace und Co.

Natürlich hat Gretas Auftritt auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Eindruck gemacht. Die Zahl ihrer Follower in den sozialen Netzwerken wächst, die ihrer Gegner dort aber auch. Und je schriller der Ton im Netz wird, desto schneller verklingt die eigentliche Botschaft. Das Internet frisst seine Kinder. Der nächste Hype wartet schon.

Zum wirksamen Klimaschutz muss jeder selbst bereit sein

Dass Greta von Gleichaltrigen auf dem Rathausmarkt gefeiert wurde wie ein Popstar, wird nichts daran ändern, dass auch das Phänomen der schwedischen Schulschwänzerin bald verblassen wird. Wie viele der jungen Demonstranten auf dem Rathausmarkt steigen denn am Abend wieder in Muttis SUV und fliegen an Ostern ans Mittelmeer? Zum wirksamen Klimaschutz muss man selbst bereit sein, und das tut mehr weh als die Drohung des Hamburger Schulsenators, wer zur Schulzeit demonstrieren gehe, müsse mit null Punkten rechnen.

Freie Meinungsäußerung ist eine gute Sache

Aber hier wird die Sache wenigstens interessant. Greta wird als Klimaschützerin wenig bewirken, ein Vorbild ist sie wegen ihres Ungehorsams. 3.000 Jugendliche auf dem Rathausmarkt haben sich entschieden, die Warnungen ihrer Schulen vor Konsequenzen zu ignorieren. Diese Botschaft steht in Artikel 5 des Grundgesetzes: Man muss eine Meinung nicht immer teilen, entscheidend ist, dass man sie in diesem Land jederzeit sagen darf. Auch, wenn eigentlich Mathe ist.

Weitere Informationen

Greta Thunberg in Hamburg: "Wir machen weiter"

Tausende Schüler haben in der Hamburger Innenstadt für mehr Klimaschutz demonstriert. Mit dabei war die 16-jährige Greta Thunberg, die die Bewegung "Fridays for Future" ins Rollen brachte. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 01.03.2019 | 18:30 Uhr

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