Stand: 17.04.2020 09:53 Uhr

Corona: Fernunterricht per Video und Chatraum

von Bert Beyers

Wegen der Corona-Krise müssen die Schülerinnen und Schüler zu Hause bleiben. Seitdem läuft in Hamburg ein unfreiwilliges Experiment: Fernunterricht. Das Lehrpersonal versorgt die Schülerinnen und Schüler mit Aufgaben, kommuniziert wird häufig per Internet. Am Marion Dönhoff Gymnasium in Blankenese gelingt das besser als in anderen Stadtteilen. Auch weil die materielle und technische Ausstattung vielleicht geeigneter ist als an anderen Schulen.

VIDEO: Unterricht per Videokonferenz (3 Min)

Corona: Lehrer im Homeoffice

Garrit Graumann darf man wohl noch als Junglehrer bezeichnen. Er ist 33 Jahre alt und unterrichtet die Fächer Deutsch und Biologie am Marion Döhnhoff Gymnasium in Blankenese. Aus dem Homeoffice berichtet er über seine Erfahrungen mit dem Fernunterricht während der vergangenen Tage und Wochen. Er selber komme mit der Situation gut zurecht. Respekt hat er vor Kollegen, die eigene Kinder haben. Sie müssten nicht nur ihre Kinder zu Hause betreuen, sondern auch die Schülerinnen und Schüler aus ihren Klassen. Als Lehrer ohne eigene Kinder müsse man da den Hut ziehen.

Lernen per Videokonferenz

Garrit Graumann, Lehrer am Marion Dönhoff Gymnasium in Hamburg, unterrichtet während der Corona-Krise von zu Haus aus.  Foto: Bert Beyers
Garrit Grauman ist mit seinen Schülerinnen und Schülern per Videokonferenzen verbunden.

Soeben war der Lehrer mit seinen Schülern aus einer 10. Klasse noch im Videokontakt. Die Pubertät ist ein Thema, mit allen Vor- und Nachteilen. Jungen, so sagt es Graumann, kämen mit der Arbeit am Computer besser klar als Mädchen, wohl auch, weil sie sich eher für Technik interessierten. Dass das Marion Döhnhoff Gymnasium sich rechtzeitig für ein Konferenzsystem via Internet entschieden hat, ist von Vorteil. Unter Hamburger Schulen sicher nicht die Regel. Heute waren etwa 20 Schülerinnen und Schüler an der Videokonferenz beteiligt, ungefähr zwei Drittel der Klasse, berichtet Graumann. Einige fehlten halt immer, zum Beispiel wenn das WLAN zu Hause nicht funktioniert.

Fernunterricht lehrt Selbstständigkeit

Was kommt bei solch einer Videokonferenz zu kurz? "Das Emotionale", sagt Graumann. Vor allem jüngere Schüler wollten natürlich auch spielen, sie bräuchten die direkte Begegnung. Gerade jetzt würde man spüren, wie wichtig die Schule als Raum des sozialen Zusammenkommens sei. Auf der anderen Seite, so der Gymnasiallehrer, hätten seine Schülerinnen und Schüler in den vergangenen Wochen so viel Eigenständigkeit gelernt wie lange nicht. Darauf komme es an: "Die Dinge selbst zu verstehen und selbst in die Hand zu nehmen und auch selbst verantwortlich zu sein." In der realen Schule gäbe es dagegen hinreichend Möglichkeiten, sich in der Gruppe zu verstecken.

Manche Schüler benachteiligt

Sind Schülerinnen und Schüler, die eher viel Betreuung brauchen, in solch einer Situation nicht benachteiligt? Ja schon, das könne man pauschal wohl so sagen. Graumann meint, er habe Glück, dass es in seiner Klasse keine Problemfälle gebe. Natürlich seien Schülerinnen und Schüler, die zu Hause materiell und technisch nicht so gut ausgestattet seien, eher dem Risiko ausgesetzt, den Anschluss zu verlieren. Auch die Eltern zu Hause dürften durch den Fernunterricht nicht überfordert werden. Der Pädagoge weiß, dass viele während der Corona-Krise ganz andere Sorgen haben. Er denkt zum Beispiel an Menschen, die ein eigenes Gewerbe haben, und nun vor schwierigen finanziellen Entscheidungen stehen.

Wie finden die Schüler den Fernunterricht?

"Einige Schüler langweilen sich zu Hause, vor allem die jüngeren", sagt Graumann. Andere kämen mit ihrem Alltag in dieser Ausnahmesituation gut zurecht. Sie könnten erst mal länger schlafen und sagten das auch ganz offen. Anders sähe es bei den Abschlussjahrgängen aus. Die fragten sich natürlich, wie ihre Leistungen, die sie bisher erbracht haben, beurteilt und honoriert würden - um dann die nächsten Stufen der Ausbildung zu nehmen. Das gilt insbesondere für angehende Abiturientinnen und Abiturienten.

Moderne Kommunikationsmittel nicht nur "Notnagel"

Der digital gestützte Fernunterricht, wie ihn Graumann derzeit praktiziert, ist ein nicht ganz freiwilliges Experiment. Und an seinem Gymnasium in Blankenese läuft es wohl deutlich besser als in anderen Stadtteilen, wo sozial Schwächere und mehr Menschen mit anderem kulturellem und sprachlichem Hintergrund leben. Dennoch, so hofft Graumann, könnte Hamburg aus dieser Zeit etwas mitnehmen. Zum Beispiel, dass moderne Kommunikationsmittel wie Videokonferenzen oder Chaträume in der Schule nicht nur als "Notnagel" dienten, sondern ihre Stärken auch unter normalen Bedingungen ausspielen könnten.

Was erwartet der Lehrer für den ersten Schultag in der richtigen Schule? "Das wird ein großes Wiedersehen und wahrscheinlich auch ein großes Jubeln. Eine Wiedersehensfeier im wirklichen Leben."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 17.04.2020 | 14:15 Uhr

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