Carsten Brosda: "Novemberhilfen" für Kultureinrichtungen und Künstler

Stand: 20.11.2020 19:58 Uhr

Ab nächster Woche können auch Solo-Selbstständige aus dem Kulturbereich wieder finanzielle Unterstützung  beantragen. Bis zu 5.000 Euro aus den sogenannten Novemberhilfen.

von Patricia Seeger

Die Kultur bleibt weiter unter einem finanziellen Schutzschirm des Bundes und der Stadt. Der fängt sicher die schlimmsten Härten ab. Aber was wird, wenn der Lockdown-light weitergeht? Wird es nach Corona weniger Künstler, weniger Musiker geben. Weniger Kultur? Wie stehen die Chancen auf eine baldige Wiedereröffnung von Theatern und Museen? Patricia Seeger hat darüber mit Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) gesprochen.  

Wie lange hält die Kulturszene diese ganze Situation Ihrer Meinung nach denn durch?


Carsten Brosda: "Ich mache mir schon ein bisschen Sorgen, dass der eine oder andere in dieser Wellenbewegungen und vor allem auch durch diesen jähen Stopp, den wir jetzt im November hatten, langsam auch den Mut oder die Hoffnung verliert, dass es vernünftig weitergeht. Da müssen wir, glaube ich, klare und intensive kommunikative Signale setzen, dass wir alle daran arbeiten, die Möglichkeiten von Kunst und Kultur auch zu stärken und zu erhalten. Auf einer emotionalen, auf einer mentalen und einer programmatischen Ebene. Was das ökonomische angeht:  Wenn die Aussagen stimmen und wir im Laufe des Jahres 2021 einen Impfstoff erhalten, dann werden unsere Hilfen aller Voraussicht nach bis dahin reichen.. Aber wir müssen auch dafür sorgen, dass alle das für plausibel halten. Da liegt noch ein schwerer Weg vor uns.“

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Das Wort "Novemberhilfe" aus Würfeln gelegt liegt auf einer blauen Einwegschutzmaske. © Eibner-Pressefoto

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Ulrich Khuon, der Präsident des Bühnenvereins hat gefordert, dass langsam Theater wieder öffnen, auch aus den Museen kommen solche Apelle. Wie sehen Sie das? Welche Chancen gibt es da?

Wir müssen abwarten, was nächste Woche die Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin diskutieren. Da wird es ja genau um die Frage gehen. Wir sehen, dass wir eine Veränderung im Infektionsgeschehen haben. Aber wir sehen noch nicht den starken Rückgang der Infektionszahlen, der ja auch notwendig ist. Wenn wir dann anfangen, über Lockerungen zu reden, dann muss es so sein, dass die Kultur ganz vorne mit dabei ist. Ich finde das, was jetzt in den Niederlanden aktuell passiert, dafür eigentlich ein schönes Beispiel: raus aus dem Lockdown und das Erste, was wieder öffnen darf, sind die Kinos, sind die Theater und sind die Museen. So ein Signal würde ich mir in Deutschland auch wünschen.“

Wenn sie in die Zukunft schauen. Was ist denn Ihre größte Sorge?

Brosda: "Meine größte Sorge ist, dass Künstler und Künstlerinnen Hoffnung und Perspektive verlieren. Und sich zermürben lassen von einer öffentlichen Debatte darüber, ob es nicht notwendig wäre, sich was anderes zu suchen, weil das mit der Kunst nichts mehr ist. Wir stehen als aufgeklärte, offene vielfältige Gesellschaft vor der Aufgabe, den Menschen die sich für ein Leben mit Kunst, Kultur und Kreativität entschieden haben, eine Perspektive zu geben. Weil uns das als Gesellschaft ausmacht und weil wir diese kulturellen Produkte ganz dringend in unserem Alltag brauchen."  

Müssen wir da fürchten, dass wir durch Corona viele Künstler verlieren? Wir haben gestern zum Beispiel mit einem Musiker gesprochen, der gesagt hat, dass er sich das gar nicht mehr leisten könne, Musiker zu sein.

Dr. Carsten Brosda © Hernandez für Behörde für Kultur und Medien
"Wir brauchen die Kultur dringend in unserem Alltag", sagt Carsten Brosda.

Brosda: "Ich hoffe es nicht. Wir kämpfen gerade um jeden einzelnen. Mit den Hilfsprogrammen, wie Soforthilfe, Neustartprämie, Novemberhilfe -  aber vor allem für die Förderung der Produktion und die Aufnahme von künstlerischen Arbeiten soll die Perspektive erhalten bleiben. Ich wünsche mir, dass wir es so schaffen, den Menschen, die sich für diesen Weg entschieden haben, plausibel zu machen, dass es gut ist, dabeizubleiben.

Ob jemand trotzdem den Mut verliert, kann ich nicht garantieren. Aber wir kämpfen darum, dass wir diese Perspektiven erhalten. Wie hat unser Bürgermeister gesagt:  ‚Es ist Licht am Ende des Tunnels aufgrund der Impfstoffentwicklung sichtbar‘. Ich glaube, das ist etwas, was uns motivieren sollte, gemeinsam durch diese Zeit zu kommen."

Lange hat die Kulturszene die ganzen Maßnahmen mitgetragen. Mittlerweile hört man immer mehr Protest. Warum dürfen Kirchen offen haben? Theater nicht oder warum bilden sich Schlangen vor Einrichtungshäusern? Die Museen, die viel weniger Besucher haben, die haben zu. Das führt auch zu einer Spaltung. Wie lange kann das gut gehen?

Brosda: "Ich nehme immer noch eine sehr, sehr hohe Bereitschaft wahr, sich an den Schließungen zu beteiligen und so das Infektionsgeschehen zu durchbrechen. Aber natürlich sind wir nach acht Monaten auch in einer Situation, wo die Nerven dünner werden - und auch die Duldsamkeit. Und das kann ich auch verstehen.

Menschen, die sagen, wir wollen produzieren, wollen künstlerische Orte öffnen, wollen Menschen einladen, wollen kulturelle Öffentlichkeit herstellen. Ihnen allen nach den bereits unternommenen Anstrengungen wieder zu sagen, dass jetzt nochmal unterbrochen werden muss und zwar nicht, weil die Orte unsicher sind, sondern weil all das nicht in das Setting passt. Das ist nicht nur eine bittere Botschaft, sondern auch eine schwere Belastung für uns als Gesellschaft insgesamt.

Deshalb ist es auch wichtig, auch seitens der Politik - immer wieder deutlich zu machen, dass es bei der Kultur nicht um eine Freizeitbeschäftigung. Es geht um Orte und Angebote, bei denen wir miteinander verhandeln, wie wir uns als Menschen sehen und wie wir als Gesellschaft zusammen leben wollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 19.11.2020 | 19:36 Uhr

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